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TV Spielfilm - 10.-23. August 2002
Warten auf ein Meisterwerk So spannend hat es Hollywood selten gemacht. Wann endlich kommt Martin Scorseses historisches Bandendrama "Gangs of New York" ins Kino? TV Spielfilm hat den Regisseur und seine beiden Superstars gefragt von Dorotheé Lackner Eigentlich waren nur ein paar Meter Zelluloid zu besichtigen.
Aber die Herren kamen im Smoking, und auch die Damen trugen schon am frühen Nachmittag elegante
Abendgarderobe.
Die Atmosphäre im Festivalpalais von Cannes war zum Zerreissen gespannt. Mit seinen Stars Leonardo
DiCaprio und Cameron Diaz im Schlepptau war Martin Scorsese zu den Filmfestspielen angereist, um
persönlich einen ersten Vorgschmack auf "Gangs of New York" zu geben.
Kaum ein Film hat die Schlagzeilen der internationalen Presse so bestimmt wie das zu erwartende
Mammutwerk des Regie-Altmeisters. Explodierende Budgets, brachiale Produzenten, Stars am Rande des
Nervenzusammenbruchs und ein Regisseur, der immer noch eine Szene nachdrehen will: Die Gerüchteküche
brodelte, nachdem der Starttermin der Megaproduktion immer wieder verschoben wurde.
Einzig Scorsese, Schöpfer gefeierter Filmerfolge wie "Taxi Driver", "Good Fellas" und "Casino",
schien die Hysterie kalt zu lassen. Natürlich gab es Differenzen mit den Geldgebern, bestätigte er
gutgelaunt vor der Presse. Was bei so einem Projekt wohl in der Natur der Sache liege.
Von der Idee ist er seit 25 Jahren besessen. Die von Gewalt begleitete Geburt des modernen Amerika
wollte der Regisseur bereits Mitte der 70er Jahre auf die Leinwand bringen. Damals fiel ihm das
Buch "The Gangs of New York" von Herbert Asbury in die Hände, das vom New Yorker Bandenwesen in der
Mitte des 19. Jahrhunderts erzählt. Das Drama, das die Straßenkämpfe in den Slums von Manhattan
zeigt, führt zu den Wurzeln amerikanischer Geschichte zurück.
Die zweite Einwanderungswelle ungebildeter irischer Neuankömmlinge sorgt für aggressive Reaktionen
bei den arrivierten Briten und Niederländern, die als Einheimische ihr Terrain verteidigen. Das
übervölkerte Armenviertel Five Points ist fest in der Hand des Rädelsführers Bill the Butcher (Daniel
Day-Lewis, der die Eindringlinge rücksichtslos bekämpft. Bis zu 15 000 Menschen pro Woche drängen
ins Land, unter ihnen der Ire Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), der nicht nur um seinen Platz
in der Neuen Welt kämpft, sondern auch noch seinen von Bill the Butcher ermordeten Vater (Liam
Neeson) rächen will. Dass beide Männer darüber hinaus um die schöne Diebin Jenny (Cameron Diaz)
konkurrieren, treibt den Konflikt auf die schickalsschwere Spitze.
"Amerika ist aus der Gewalt geboren", erklärt der Regisseur, der selbst aus New York stammt. "In der
Epoche, die ich beschreibe, wurden die Grundfesten dieser großen Nation geschaffen." Das 19.
Jahrhundert war das gewalttätigste in der amerikanischen Geschichte. 20 000 Tote an einem einzigen
Tag während der sogenannten Draft-Unruhen in New York ein trauriger Rekord. Die Geschichten von der
verarmten Arbeiterklasse, von immer neuen Immigranten unterschiedlichster Herkunft, welche die
Straßen überschwemmten, von korrupten Politikern und mächtigen Unterweltbossen haben Scorsese nie
losgelassen.
"Ich habe immer davon geträumt, diese Legenden auf die Leinwand zu bringen. Immerhin ist unser Land
ein einziges gewagtes Experiment, alle Rassen und Nationalitäten, Hautfarben und Glaubensrichtungen
miteinander leben zu lassen." Der erbitterte Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung ist ein Stoff,
der Zuschauer fesselt.
Und nicht nur der. Als "Gangs of New York" in Porduktion gehen sollte, stand die A-Klasse der
Hollywood-Schauspieler Schlange, um eine Rolle zu ergattern. Selbst ein Kassenstar wie Cameron Diaz,
für die Produzenten normalerweise sofort ihr Scheckbuch zücken, rückte zum Vorsprechen an. Leonardo
DiCaprio wechselte eigens den Agenten, um schneller Kontakt zu Scorsese zu knüpfen. Auf die
Hauptrolle bereitete er sich wie ein Besessener vor.
"Dreißig Pfund Muskeln habe ich mir antrainiert, um die hautnahen Kämpfe realistisch darstellen zu
können", berichtet der spätestens seit "Titanic" krisenerprobte Jungstar. "Als sich die Dreharbeiten
verzögerten, musste ich über Monate meine Form halten. Aber mit Scorsese zu drehen, ist ein echtes
Erlebnis. Der Mann ist ein absoluter Fanatiker. Er lebt und atmet Film."
Den Vogel schoss jedoch Daniel Day-Lewis ab, der als "method actor" komplett in der Rolle aufging.
"Daniel haben wir auf dem Set immer nur als Filmfigur erlebt", erinnert sich Cameron Diaz. "Er wird
buchstäblich eins mit seinem Charakter. Angesichts dieser Intensität sind ihm alle mit ziemlicher
Ehrfurcht begegnet."
Im römischen Cinecittà entstand ein perfektes Abbild des New Yorker Armenviertels. Der filmverrückte
Scorsese ließ die historischen Häuser und Hinterhöfe, Bars und Bordelle vom italienischen Bühnenbauer
Dante Ferreti in derartiger Detailtreue nachbilden, dass selbst die Set-erfahrenen Stars bei der
ersten Besichtigungstour ganz verzückt waren.
"Marty hat Five Points buchstäblich wieder auferstehen lassen", sagt Leonardo DiCaprio bewundernd.
"Die alten Gebäude, die gepflasterten Straßen, auf denen sich die Schweine suhlten, dazu der Hafen
- wir fühlten uns schlagartig in eine aandere Zeit versetzt. Eine solche Set-Dekoration habe ich in
meinem ganzen Leben noch nicht gesehen."
Über zwei Meilen erstreckte sich die Ministadt, in der die Straßenbanden ihr Unwesen trieben.
Genügend Fläche, um aufwändige Arrangements und imposante Massenszenen von Michael Ballhaus'
Kamera einfangen zu lassen. Geld spielte offenbar keine Rolle, zumindest nicht für den als genialen
Eigenbrötler bekannten Regisseur. Miramax-Mogul Harvey Weinstein, der für Filmerfolge wie "Der
englische Patient" und "Shakespeare in Love" verantwortlich zeichnet und mit einem Scheck über 35
Millionen Dollar die US-Rechte für "Gangs of New York" erstand, sieht das naturgemäß anders. Die
Filmgeschichte steckt schließlich voller Beispiele, wie bombastische Bauten,endlose Drehzeiten und
aberwitzige Kosten die Produzenten erst in den Wahnsinn und dann in den Ruin getrieben haben.
Ursprünglich auf 80 Millionen Dollar veranschlagt, fraß Scorseses Saga bislang über 100 Millionen
Dollar (65 Millionen co-finanzierte allein die deutsche Splendid Film AG). Eine erste Schnittfassung
belief sich auf drei Stunden und 40 Minuten, was den marketingerfahrenen Miramax-Bossen die
Schweißperlen auf die Stirn trieb. Ihnen kann's nicht straff genug sein. Jetzt tüftelt Scorsese,
der sich beim Schnitt gewöhnlich sehr viel Zeit lässt, an immer neueren Versionen.
Das Kräftemessen zwischen dem brachialen Filmfinanzier und dem eloquenten Bildermagier und
Exzentriker geht weiter. "Wer solch einen Film drehen will, muss auch den Preis dafür bezahlen",
sagt Scorsese. Und mag sich noch nicht darauf festlegen, ob "Gangs of New York" rechtzeitig zum
Weihnachtsgeschäft ins Oscar-Rennen einsteigt.
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