DIE ZEIT - N# 27/1999

 

 

Verheissungen des Alltags

Liebe

von Ulrich Woelk

Ein Schiff, ein Paar, eine Katastrophe. Offenbar sind manche Geschichten mit wenigen Strichen so deutlich skizziert, dass jeder auf der Stelle meint, sie zu erkennen. Wer mit dem abendländischen Mythenvorrat einigermaßen vertraut ist, wird jedenfalls nicht lange zögern, den drei Motiven einen Stoff zuzuordnen. Keine Frage, es kann nur jene berühmte Dichtung Gottfried von Straßburgs gemeint sein, zu der Richard Wagner eine Musik mit ziemlich unkalkulierbaren Risiken und Nebenwirkungen geschrieben hat: Tristan.

Jack und Rose heißt jenes von Leonardo Di Caprio und Kate Winslet gespielte Liebespaar, das im vergangenen Jahr allein in Deutschland 18 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte und Titanic damit zum erfolgreichsten Kinofilm aller Zeiten gemacht hat. Ihre Liebe zerrinnt nicht in den Tümpeln des Alltäglichen oder wird durch langjährige Gewöhnung verwässert - nein, denn kaum ist sie erblüht, wird sie auch schon in den Abgrund einer Katastrophe gerissen, die ihresgleichen sucht. Nimmt man die pure Dimension des technischen Desasters, in dem sie untergeht, zum Maßstab, dann hat der Mythos der Liebe seit den Zeiten eines Gottfried von Straßburg nicht viel von seiner Kraft eingebüßt.

Tempotaschentücher, das sind die kleinen Segel unserer kleinen Gewässer

Aber was hilft das denen, die noch nicht im Strudel der Liebe ertrunken sind? Egal, ob in der Oper oder im Kino - die Liebe, um die es auf weit entfernten Bühnen oder hoch oben schwebenden Leinwänden geht, ist immer ein paar Nummern zu groß für uns, die wir im Parkett sitzen. "Sind's deiner Seufzer Wehen, die mir die Segel blähen?", singt melancholisch ein Seemann im Tristan, und wir da unten halten die Tempotaschentücher bereit, die kleinen Segel unserer kleinen Gewässer.

Dabei sind wir doch besser mit emotionalem Know-how ausgestattet als jede Generation vor uns. Großgeworden mit humanistischen Werten, die selbst doch irgendwie Kinder der Liebe sind, haben wir uns in den gemäßigten Breiten spätbürgerlicher Lebensentwürfe kommod eingerichtet. Gleichberechtigung und gegenseitiges Verstehen sollen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern prägen, und im Schutze des Gut-gemeint-Seins dieser Ideale haben sich Formen des Zusammenlebens herausgebildet, die sogar halbwegs funktionieren, zu unserem Leidwesen aber doch seltsam unbefriedigend bleiben. Gebettet in eine ungefährliche Liebeswirklichkeit aus Beziehungen und Partnerschaften, seriellen Monogamien und wilden Ehen, die, so ist zu befürchten, nie wild waren, macht sich am Ende des Jahrhunderts bei vielen offenbar eine gewisse emotionale Ratlosigkeit breit. Wenn der verwegenste Ausdruck der Leidenschaft der One-Night-Stand ist, wird die ursprüngliche, die bedingungslose und irrationale, die ungleichberechtigte und hingebende Liebe zum letzten verbliebenen Abenteuer.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Denis de Rougement hat in seinem 1938 erschienenen Buch Die Liebe und das Abendland geschrieben: "Das ist der große Fund der Dichter Europas, das, was sie vor allem in der Weltliteratur auszeichnet, was am tiefsten die Besessenheit des Europäers zum Ausdruck bringt: Erkenntnis durch den Schmerz hindurch, das ist das Geheimnis des Tristanmythos, die leidenschaftliche Liebe, die zugleich geteilt und bekämpft wird, die um ein Glück bangt, das sie zurückstößt, die in ihrer Katastrophe verherrlicht wird - die gegenseitige unglückliche Liebe."

Lieber unglücklich lieben als gar nicht? Die Liebe von Jack und Rose ist nicht unglücklich, sondern wird von einem Unglück heimgesucht. Bei Wagner hingegen ist es kein Eisberg, der sich den Liebenden in den Weg stellt, während sie ihrem Unglück entgegensegeln, die Katastrophe ist vielmehr die Liebe selbst, womit sich - wenig verwunderlich - der Tristan als das sublimere und psychologisch genauere Werk erweist als James Camerons Vierstundenepos. Zwar garnieren sowohl Cameron als auch Wagner ihre Geschichten mit allerlei gesellschaftlichem Drumherum - Jack und Rose müssen sich über die fest gefügten Klassenschranken ihrer Zeit hinwegsetzen, und Tristan und Isolde sind von einem Netzwerk aus höfischen Intrigen umgeben -, aber nur bei Wagner, dessen Tristan-Musik einem fließenden Nacheinander von mehr oder minder entrückten Rauschzuständen gleicht, wird deutlich, was Denis de Rougement in seiner Analyse des abendländischen Liebesmythos immer wieder betont: Letztlich ist es das Scheitern der Liebe an sich selbst, an ihrem eigenen Absolutheitsanspruch, das ihren mal heroischen, mal morbiden Charakter ausmacht. Es ist nicht der große Ozeandampfer Gesellschaft, der die Liebenden mit sich in die Tiefe reißt, sie ertrinken vielmehr im jeweils anderen und damit zugleich in sich selbst; sie ertrinken in dem berauschenden Bewusstsein zu lieben.

Ebenso sehr ich- wie dubezogen, ist Liebe zugleich aufklärerisch und archaisch: höchster Ausdruck individueller Freiheit sowie Inbegriff der Selbstaufgabe, der bedingungslosen Überantwortung des Ichs an ein anderes Wesen. - Das ist es wohl, weshalb auch diie postmoderne Waren- und Individualgesellschaft von der Liebe nicht lassen kann, weswegen nach allen Dekonstruktionen, dem Zerfall von Wirklichkeit zur medialen Anarchie und der fortschreitenden Virtualisierung von Erfahrung der Mythos der reinen, ganz und gar ursprünglichen Liebe mit Macht zurückkehrt.

Sogar die Sexualität scheint vor ihrem archaischen Hintergrund zu verblassen. Gemessen an einer Gegenwart, die vor erotischen Chiffren nur so platzt, gebärden sich Jack und Rose insgesamt eher keusch. Statt neuneinhalb Wochen bleiben ihnen nur neuneinhalb Stunden. Wohl dürfen sie auf der Rückbank eines Autos zueinander finden, aber der erotische Höhepunkt ihres kurzen Liebeslebens ist eine berührungsfreie Aktsitzung, in der sich der junge Künstler Jack - auch in diesem Punkt auf den Pfaden bewährter Mythen wandelnd - den Gegenstand seiner Liebe erst einmal selbst erschafft.

In einer Welt, die von Tag zu Tag unübersichtlicher zu werden scheint, kann die Kraft des Liebesmythos nur wachsen. Er verspricht Rettung aus dem alten Dilemma, dass die Kulissen der Moderne jede ursprüngliche Erfahrung verstellen. Die Liebe soll die Liebenden zurückversetzen in ein unmittelbares Dasein, das vor jeder Erfahrung liegt, in einen Urzustand, eine emotionale Singularität.

Liebe ist immer ein Roman, eine Oper, ein Film, denn bevor sie beginnt, geht in den Köpfen das Licht aus. Mythen sind scheu, sie trauen sich erst in der Dämmerung hervor. Dann aber leuchten sie umso heller, und auf einmal ist der Ozean real, auf einmal lösen sich die Leinen. Es gibt Träume, die träumt man immer wieder. Ein Schiff, ein Paar, eine Katastrophe ...

© Die Zeit 27/1999

Danke Mona Lisa !

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