Quelle: http://www.zeit.de/2010/08/Berlinale
DIE ZEIT - 18.02.2010

Berlinale 2010
Neue Filme von Martin Scorsese, .... auf der 60. Berlinale

 

 

Ein Festival aus Wahn und Schnee

Ein bisschen seltsam ist es schon, sich in diesen Tagen zwischen Schneematsch und Minigletschern über den Potsdamer Platz zu bewegen, vorbei an grellen Scheinwerfern und Mädchenmassen, die laut schreiend Leonardo Di Caprio begrüßen und noch lauter schreiend den Bollywood-Star Shah Rukh Khan. Wenn man durch dichtes Schneetreiben an Szenen vorbeistapft, die aufs Wunderbarste den Image-Salat und die Geschichte eines Festivals offenbaren: etwa wenn der Jurypräsident Werner Herzog auf dem roten Teppich seine Co-Jurorinnen Cornelia Froboess und René Zellweger im Arm hält und so plötzlich Bridget Jones und Fitzcarraldo mit den Münchner Kammerspielen, dem Schlager Zwei kleine Italiener und einem vor mehr als 40 Jahren gewonnenen Silbernen Bären verschmelzen.

Gleich zu Beginn dieser 60. Berlinale lieferte ein Film denn auch eine Art indirekten Kommentar zum Festival als Wille, Wahn und Vorstellung: Shutter Island von Martin Scorsese. Nicht nur weil dieser Psychothriller einen nostalgischen Glamour besitzt, der von Anfang an auch mit einer seltsamen Ahnung, mit dem Virus des Zweifels infiziert ist. Sondern weil seine Ästhetik auf großartige Weise die Grenzen zwischen zwei einander nicht so fernen Illusionswelten verwischt: Kino und Geisteskrankheit. Leonardo DiCaprio spielt in Shutter Island einen US-Marshall, der auf einer Psychiatrie-Insel nach einer entflohenen Mörderin suchen soll. Während der Ermittlungen, die vom Klinikpersonal nach Kräften behindert werden, suchen ihn die Geister der eigenen Vergangenheit heim: traumatische Erinnerungen an seine Erlebnisse als Soldat im Zweiten Weltkrieg, an die Befreiung von Dachau. Geisterhafte Erscheinungen seiner Frau, die bei einem Brand ums Leben kam. Irgendwann stellt sich die Frage, ob diese Erinnerungen vielleicht nur Einbildungen sind, die eine andere, verdrängte Erinnerung überdecken. Schließlich wirkt alles in diesem Psychiatrie-Thriller ein wenig zu überzeichnet, zu künstlich, zu übertrieben. So wie das Meer, das zu Beginn in bleiernem Blau um die Inselfähre tost. So wie die altmodischen Rückprojektionen, die zu bedrohlicher Musik auf den Heckscheiben der fahrenden Autos ablaufen. Und so wie die Gewitterblitze, die eine Spur zu lang und zu grell sind. Shutter Island ist der Versuch einer Ästhetik der Paranoia, in der Scorseses Feier der Künstlichkeit des Kinos und die Einbildungswelt seines Helden nicht zu trennen sind. Jedenfalls wäre man nach dem Verlassen des Kinos nicht sonderlich überrascht, plötzlich in einer Gummizelle zu erwachen. Hier bekäme man dann von einem Arzt mit dem Gesicht von Dieter Kosslick mitgeteilt, dass man die Patientin einer Hamburger Nervenheilanstalt sei, die sich seit Jahren einbilde, Filmkritiken für eine bekannte Wochenzeitung zu verfassen.

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