Quelle: http://www.zeit.de/2010/07/Berlinale-Scorsese
DIE ZEIT - 13.02.2010

 

 


© Tiziana Fabi/AFP/Getty Images
Der Regisseur Martin Scorsese bei einem Fototermin für seinen neuen Film "Shutter Island" in Rom

Martin Scorsese: Einmal beim Meister

von Jerome Charyn

Martin Scorsese bringt seinen neuen Film "Shutter Island" nach Berlin. Der Schriftsteller Jerome Charyn traf den Regisseur vorab in New York. Eine Begegnung zwischen Vorfreude und Panikattacken

Ich war gewarnt worden. Es käme dem Versuch gleich, in Guantánamo oder Fort Knox einzubrechen, man würde mich filzen, an mir herumzupfen und mich aushorchen, bevor ich auch nur in die Nähe von Martin Scorsese käme, Paramounts schwer bewachtem Dr. Fu Manchu, der sich mit seiner Entourage im Hotel Le Parker Meridien vergraben hatte, um Interviews zu seinem neuen Film Shutter Island zu geben. Also fragte ich mich, wie viele Erkennungsmarken ich wohl brauchen würde. Ob ich meinen eigenen Kaffee in einem Plastikbecher zum Interview würde mitbringen können?

Es war mit fast minus dreißig Grad ein beißend kalter Tag in New York, und ich beschloss, wie ein guter Polizist zu Fuß aus meinem eigenen Schlupfwinkel im Greenwich Village zum Le Parker Meridien auf der 56. West zu marschieren. Doch auf meinem Weg in den Norden Manhattans bekam ich eine Panikattacke.

Von dem Erlebnis, 1973 Mean Streets (Hexenkessel) zu sehen, hatte ich mich nie erholt. Der Film überwältigte mich mit seinem traumgleichen Fließen, in dem er das Leben in Little Italy zeigte, mit seiner phantasmagorischen Illusion, dass keine wirkliche Kluft mich von Johnny Boy (Robert De Niro) oder Charlie (Harvey Keitel) da oben auf der Leinwand trennte. Ich hätte ihnen praktisch auf dem Schoß sitzen können. Es war mein erster amerikanischer Film ohne den Stempel oder den ätzenden Gestank Hollywoods. Er kam mir vor wie ein böses Stiefkind des Studiosystems. Es war nicht Scorseses erster Film, aber Mean Streets erweckte den Eindruck, als hätte sein Regisseur durch ihn die Sprache des Kinos entdeckt und darüber hinaus uns, die Zuschauer, in die Erzählung seines eigenen Lebens hineingerissen. Er war intim, ohne je sentimental zu werden, brutal und zärtlich zugleich. Johnny Boy und Charlie hätten die beiden Seiten seiner eigenen Psyche sein können – der wilde Bursche und der junge Mönch.

Ich habe den Film wieder und wieder gesehen, jedes Mal mit noch größerem Entzücken, weil seine Struktur, ja seine Haut mit einem eigenen grimmigen Sog zu atmen schien. In der Mitte des Films kommt es in einem Billardsalon zu einem Kampf, der wie ein chaotisches Ballett wirkt; und gerade als der Kampf vorbei ist, beginnt er wieder von vorne – in keinem anderen Drehbuch hätte eine solche Szene stehen können. Es gab die Zeit, die wir kannten, und die »Scorsese-Zeit«, die alle Regeln brach.

Dieselbe tiefe Lust bereiteten mir Taxi Driver (1976) und Wie ein wilder Stier ( 1980). Auch für The Departed ( 2006) schwärmte ich, einen Film von etwas konventionellerem Gepräge. Hier waren die Gangster nicht italienischer, sondern irischer Abstammung, und den Schauplatz bildete Boston, nicht der Hexenkessel Manhattans. Doch war es immer noch ein sehr persönlicher Film, und die beiden Protagonisten, Polizeikadett Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) und Sergeant Colin Sullivan (Matt Damon) wirkten wie der kampfeslustige Schatten des jeweils anderen, wie Blutsbrüder fast. Wieder waren wir in Scorsese-Country, einer feudalen Landschaft, in der Feinde eine intime Vertrautheit hatten, wie sie Freunden nie vergönnt war.

Und vielleicht lag hier auch der Grund für meine Panikattacke. Ich hatte meine eigene »feudale Geschichte« mit Martin Scorsese gehabt, als ich ihm von Film zu Film folgte. Ich kannte ihn mein halbes Leben lang und empfand mich ihm vertraut, ohne ihm je begegnet zu sein. Und auf einmal machte ich mir Sorgen, unser Interview könnte verkürzt werden oder ganz in der Phantasmagorie von Dr. Fu Manchus eigenem Terminkalender untergehen. Also sprang ich in ein Taxi.

Niemand filzte mich im Le Parker Meridien. Es kümmerte sich noch nicht mal jemand um meinen Ausweis. Ein Grüßaugust von Paramount ließ mich wissen, was für ein Glückspilz ich war – man hatte mich soeben heraufgestuft. Ich konnte zwanzig Minuten mit dem Maestro haben statt der üblichen fünfzehn. So ging ich in den dritten Stock zu Scorseses Hauptquartier, wo es mit Guantánamo losgehen würde, wie ich dachte. Es war aber kein einziger Mensch mit Knopfmikrofon im Ohr zu sehen. Jemand kam und eskortierte mich zu Scorsese, der auf einer anderen Etage in den Höhen des Hotels versteckt war. Wir fuhren im Aufzug hoch und warteten im Flur. Dann erschien mein persönlicher Page, ein achtjähriger Junge, der Sohn von Scorseses Presseattaché.

Ohne ihm je begegnet zu sein, fühlte ich mich Scorsese vertraut

Es war kein Fu Manchu, auf den ich traf. Scorsese war weder gebieterisch noch geheimnistuerisch. Er hätte gar nicht freundlicher sein können. Ich erzählte ihm, wie oft ich Mean Streets gesehen hatte. Auch er liebte es, sich Filme immer wieder anzuschauen. Mit einem Lächeln erzählte er, dass er gerade die Filme Val Lewtons, jenes exzentrischen Produzenten von Low-Budget-Horrorfilmen des RKO-Studios in den 1940er Jahren, vorgeführt hatte. Als einen seiner Lieblingsfilme nannte er Katzenmenschen ( 1942) von Jacques Tourneur. Beide waren wir Fans von Tourneurs Film-noir-Klassiker Goldenes Gift aus dem Jahr 1947. Scorsese hatte sich ein wenig bei der geradezu magischen Beleuchtung beider Filme bedient, um die besondere Atmosphäre seines neuen Films, des schauerromantischen Thrillers Shutter Island, zu kreieren, die Adaption eines Buches von Dennis Lehane. Schon die erste Einstellung des Films, in der ein Boot geisterhaft aus einem sehr weißen Nebel auftaucht, könnte direkt Tourneurs unheimlichem Schattenland entsprungen sein. Genauso wie die Geschichte. Sie versetzt uns zurück in die fünfziger Jahre, auf eine Insel vor der Küste von Massachusetts. Einziger »Bewohner« der Insel ist ein Hospital für geistesgestörte Kriminelle…

Scorsese redete schon zehn Minuten, und ich hatte noch keine einzige Frage gestellt. Meine Zeit würde um sein, bevor ich überhaupt angefangen hatte. Ich musste mich einfach hineinstürzen. Ich fragte ihn, ob er ohne Filme hätte überleben können. Filme seien seine wahre Schule gewesen, sagte er. »Lesen gehörte nicht zu den Gewohnheiten.« Es bereitete ihm Mühe, durch ein Buch durchzukommen. Eines der ersten Bücher, die er je zu Ende gelesen hatte, war James Joyce’ Ein Porträt des Künstlers als junger Mann.

Endlich hatte ich meinen Einstieg. Ich sprach von Michelangelo und seinem Fresko Das jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle, in dem er sich selbst als bei lebendigem Leib gehäuteter Märtyrer porträtiert hat. Worauf auch immer Michelangelo mit dieser Selbstdarstellung zielte, sie war sein Porträt des Künstlers. Und so machte ich mir Gedanken über Scorseses Auftritte in seinen eigenen Filmen und was sie bedeuteten. In Mean Streets spielt er einen jungen Mörder, der kein Sterbenswörtchen von sich gibt. Er hat überaus dicke Lippen und sieht aus wie ein sechzehnjähriger Seminarist, als er Johnny Boy aus einem vorbeifahrenden Wagen in den Hals schießt.

Die Lebenden lassen sich nicht mehr von den Toten unterscheiden

»Wir drehten die Szene an meinem dreißigsten Geburtstag«, erzählt Scorsese. Und es sei keine Verlegenheitslösung gewesen, bei der man für einen ausgefallenen Schauspieler einspringt. Er habe diesen jungen Mörder unbedingt spielen wollen. »Als meine Eltern den Film sahen, wussten sie nicht, dass ich das war… Ich bin in Little Italy in einer Atmosphäre emotionaler Gewalt aufgewachsen. Die Rolle sollte deutlich machen, dass da immer noch eine Wut war.« Die Rolle war aber auch Scorseses Mittel, um sich selbst zu befreien. »Ich wischte die Welt weg, aus der ich kam.«

Er versuchte also, seine eigene Vergangenheit zu ermorden, um als Regisseur zu überleben. Und doch kehrte er mit seinem Kino immer wieder zu dieser Vergangenheit und ihrer tief sitzenden Gewalt zurück. Drei Jahre nach Mean Streets spielt er in Taxi Driver eine Art Soziopath. Der Todesschütze mit dem Babygesicht ist verschwunden. Jetzt sehen wir einen mörderischen Christus, der seine untreue Frau entstellen und töten will. Der ursprünglich für diese Rolle vorgesehene Schauspieler verletzte sich. Scorsese sprang ein. Paul Schrader, der das Drehbuch schrieb, wollte nicht, dass er diese Figur spielte, »aber Bobby war dafür«. »Also sehen wir Scorsese auf dem Rücksitz von Robert de Niros Taxi. Fast hat man den Eindruck, De Niro hätte in dieser Szene Regie geführt. »Bobby sagte: ›Wenn du mich anweist, dass ich das Taxameter ausschalten soll, musst du mich dazu bringen, es zu tun.‹« Was Scorsese tat. Vielleicht muss man ein mörderischer Christus sein, um in die gewalttätige, psychopathische Welt des Films einzutauchen.

Dann sprachen wir über The Departed, in dem Leonardo DiCaprio einen verdeckten Ermittler spielt, der sein halbes Leben in einer schizoiden Welt zugebracht hat, zwischen dem Unterschichts-Irisch seines Vaters und der Patrizierwelt der Familie seiner Mutter. Er ist von Beginn des Films an verloren. Wir wissen, dass er sterben wird. DiCaprio ist zu Scorseses Fetischdarsteller geworden, wie De Niro es einmal war – doch wenn De Niro Scorseses geisterhafter Doppelgänger auf der Leinwand war, ist DiCaprio jetzt sein geisterhafter Sohn.

In Gangs of New York (2002) macht er sich gut als Sohn eines ermordeten Bandenführers, der sich verdeckt in die Reihen des Gegners begibt, um seinen Vater zu rächen. Seine Darstellung in The Departed jedoch reicht tiefer. Wir fühlen regelrecht, wie er sich aufzulösen beginnt. Vollkommen gelingt diese Auflösung jetzt in Shutter Island, in dem er als Marshall das Verschwinden einer Mörderin aus dem Hospital untersuchen soll, also den Geistern auf der Geisterinsel nachforscht. Ein fürchterlicher Sturm wird die Insel von der Außenwelt abschneiden. Damit entführt uns dieser Film auf einen pirandellohaften Planeten, auf dem sich die Lebenden nicht mehr von den Toten unterscheiden lassen. Die Charaktere, denen wir begegnen oder nicht begegnen, könnten auch Phantome unter der Schädeldecke des Marshalls sein…

Und gerade, als ich Scorsese nach seiner eigenen Manipulation der Figuren in Shutter Island aushorchen wollte, war meine Zeit zu Ende. Ich bat nicht um weitere fünf Minuten. Ich schüttelte Scorsese die Hand und kehrte nach unten in die Besuchersuite zurück, wo ich mich an Ricotta und Tasse um Tasse von Le Parker Meridiens Kaffee labte, Paramount Pictures sei Dank.

Aus dem Englischen von Michael Adrian

Jerome Charyns neuer Roman »The Secret Life of Emily Dickinson« erscheint diesen Monat bei W. W. Norton. Ebenfalls im Februar kommt in deutscher Übersetzung »Das Isaac-Quartett« im Rotbuch Verlag heraus

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