Kritik von Peter Zander (Berliner Zeitung?)

 

Muskelspiel der Dichter

Agnieszka Holland hat die Liebe zwischen Rimbaud und Verlaine verfilmt

 

Künstler- Liebschaften sind in. Das weiß nicht nur der Rowohlt-Verlag, der die erfolgreiche Serie "Paare" herausgibt (demnächst erscheinen die Bücher Madame de Stael und Benjamin Constant sowie Arthur Schnitzler und Adele Sandrock). Der Trend macht sich zunehmend auch auf der Leinwand breit. Erst kamen aus den Staaten "Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis", der die unmögliche Liebe zweier Literaten beschrieb, dann folgte aus England "Carrington" über die trostlose Beziehung der Malerin zu einem schwulen Schriftsteller. Und nun zieht Frankreich mit "Total Eclipse" nach: Die verhängnisvolle Affäre zwischen Arthur Rimbaud und Paul Verlaine, den "Poètes maudits" des Symbolismus. Das Drehbuch schrieb, wie schon bei "Carrington", Christopher Hampton. Der Vorteil von "Total Eclipse" gegenüber den Vorgängern ist der, daß die hier beschriebene Liebe nicht platonisch blieb. Zwischen den Lyrikern ging es ganz schön zur Sache: Sie küßten und sie schlugen sich.

1871 lernen sie sich kennen. Der 16jährige Rimbaud schreibt aus der Provinz an Verlaine, der acht Jahre Ältere lädt ihn nach Paris ein. Statt eines hochbegabten jungen Dichters trifft er jedoch einen frechen Rotzbengel, der sich nicht um Konventionen schert und die Bourgeoisie mit diebischem Vergnügen brüskiert. Ein wahrer Bürgrschreck, der Verlaines Frau und die Schwiegereltern so entsetzt, daß er noch in der ersten Nacht aus dem Haus fliegt.

Verlaine, der seinen Sturm und Drang gerade hinter sich und in großbürgerliche Verhältnisse eingeheiratet hat, ist fasziniert von dem provokanten Treiben des kleinen Aases - auch als der ihm unbekümmert vorwirft, seine Dichtung sei dekadent. Unversehens verliebt er sich in den Jungen und läßt seine schwangere Gattin im Stich....

Zwei Jahre währt die Liaison. Rimbaud und Verlaine hetzen rastlos durch Europa, berauscht von Haschisch und Absinth, getragen von körperlicher Begierde und literarischen Ergüssen. Eine abgrundtiefe Lolita-Geschichte: Der Junge stößt den Älteren immer wieder vor den Kopf. Der kann nicht mit, aber auch nicht ohne ihn, reißt aus, kehrt zurück zur verzeihenden Ehefrau. Doch Rimbaud reist ihm nach, und wieder läßt Verlaine alles stehen und liegen.

Ein Liebesdrama, wie es sich ein Drehbuchautor nur wünschen kann, immer wieder durchzuckt von rasender Eifersucht und wütenden Handgreiflichkeiten. Rimbaud sticht dem Freund in die rechte Hand, Verlaine schießt ihm in die linke. Daraufhin wird ihm der Prozeß gemacht: Nicht wegen Tötungsversuch, sondern wegen seiner homosexuellen Neigung. 22 Jahre später sollte Oscar Wilde das gleiche Schicksal ereilen.

Getragen wird der Film um die beiden ungleichen Dichter vor allem von den beiden Hauptdarstellern. Sie agieren so unterschiedlich und gegensätzlich, daß es dem realen Verhältnis sehr wohl entspricht. Leonardo DiCaprio spielt den Rimbaud, als sei er noch mal "Jim Carroll in den Straßen von New York": immer ein wenig zuviel des Guten. Er tritt auf wie ein Penner und gibt sich wie ein Punk. Nur eins mag ihm nicht recht glauben: daß er Verse schmieden kann. Das kommt dem historischen Vorbild recht nah: "Ich weiß, daß ich die winterweiße Marmorschale/der alten Meister füllen muß mit jungem Ruhm", schrieb er in seinem Gedicht "Ich bin mit Fluch geschlagen".

David Thewlis ("Naked") gibt seinen Verlaine dagegen als Wolf im Schafspelz: Hinter der ruhigen Hülle verbirgt sich ein jähzorniger Mann, der seiner Frau aus Launigkeit die Haare versengt und beinahe das gemeinsame Kind erdrosselt.

Agnieszka Hollands Film funktioniert so lange, wie die Amour fou ein Muskelspiel der beiden Darsteller ist. Der Punkt geht dabei an DiCaprio. Die Rahmenhandlung allerdings, in der ein greiser Verlaine Rimbauds Schwester begegnet und so vom Ende des Geliebten erfährt, wirkt aufgesetzt und unbeholfen. Da bestelle man sich am besten, wie Verlaine, einen doppelten Absinth.

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