Quelle: Die Welt

Interview mit Sam Mendes über den Film, Kate und Leo

 

 

"Sie hatten so viel vom Leben erwartet"

Das Gespräch führte Uwe Schmitt

 

So bitter kann die Ehe sein: Sam Mendes hat den Yates-Roman "Zeiten des Aufruhrs" verfilmt. Der Regisseur über die Dreharbeiten mit Gattin Kate Winslet und Leo DiCaprio...

Der englische Theaterregisseur Sam Mendes, 43, errang mit seinem Film-Debüt "American Beauty" (1999) fünf Oscars, darunter für "Beste Regie" und "Bester Film", und wurde ein umschwärmter intellektueller Star, wie ihn Hollywood liebt und - für eine Weile - verhätschelt. "Road to Perdition" (2002) brachte es noch auf sechs Nominierungen und einen Oscar. "Jarhead" (2005) scheiterte, wie fast alle Filme über den Irakkrieg, an den Kassen, aber auch die Kritiken waren nicht begeistert. Seit 2003 ist er mit der englischen Schauspielerin und Sängerin Kate Winslet (Jahrgang 1975) verheiratet. Die Familie lebt in Lower Manhattan. Für "Zeiten des Aufruhrs" nach dem 1961 erschienenen Roman von Richard Yates gewann Mendes seine Frau und Leo DiCaprio, vor zehn Jahren ihr Co-Star in "Titanic". Hier nun sind die beiden April (Winslet) und Frank (DiCaprio) Wheeler, die es zu Wohlstand, zwei Kindern und einem Haus im Vorort-Idyll New Yorks gebracht haben. Doch Frank hasst seinen Job und April ihre spießigen Nachbarn, und bald hassen sie einander; ein modernes Drama über den ewigen Kampf zwischen Wunschbildern und ernüchternden Kompromissen in einer Ehe. Um ihren Traum von einem aufregenden Leben wieder zu entdecken, planen sie, nach Paris auszuwandern. Es ist Qual und Genuss zugleich, den Freunden Winslet und DiCaprio dabei zuzusehen, wie sie ihre Figuren und ihre Filmehe zerstören.

Welt am Sonntag:

Mr. Mendes, wären Sie beleidigt, wenn man Ihren Film mit Mike Nichols' "Wer hat Angst vor Virginia Wolff?" vergliche?

Sam Mendes: Natürlich nicht, ich wäre geschmeichelt. Auch Bergmans "Szenen einer Ehe" hatte ich im Kopf. Was ich an dem Roman "Revolutionary Road" so schätze, dass ich mich in April und Frank verliebte, ist, dass es nicht nur eine Ehe, sondern eine Ära porträtiert. Man muss die 40er- und 50er-Jahre verstehen, um zu ahnen, unter welchem Druck die Figuren stehen, wenn sie zerbrechen. Da ich über Vororte ("American Beauty") gearbeitet habe, wollte ich mich diesmal auf diesen Mann und diese Frau konzentrieren, die so viel vom Leben erwarten und so enttäuscht werden. Erst als ich diese Gestalt herausgeschält hatte, die den Dialogen so viel Zündstoff gibt, konnte ich anfangen. Alles ist reduziert: Ich habe noch nie einen Film gemacht, der sich so wenig um Stil kümmert. Es waren die Schauspieler und ich, und ich versuchte, so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Dabei war es schwer, unparteiisch zu sein und im Schnitt jeder Figur gleich viel Filmzeit und Großaufnahmen zu geben. Sonst wird es ein Film über April oder über Frank statt über das Ehepaar Wheeler.

Im Richard Yates' Roman wirkt April gerade am Anfang gemeiner gegenüber Frank als im Film.

Mendes: Wir haben einige frühe Szenen herausgenommen, in denen April besonders grausam ist und Frank besonders ahnungslos. Nicht weil sie nicht gut genug waren, sondern weil es Porträts wurden. Ein Film aber muss erzählen. Irgendwann, und das ziemlich früh, fragen die Leute: "Was ist denn die verdammte Geschichte?" Ich glaube, auf der DVD sind 16 Szenen, einige sehr gute, die wir herausgeschnitten haben.

Wie war es, das erste Mal Regie in einem Film mit Ihrer Frau zu führen?

Mendes: Wir waren besonders nett zueinander. Wenn man 14 Stunden am Tag damit zubringt, Ehestreit zu inszenieren und zu spielen, will man sich nicht am Abend in die Haare bekommen. Wir tranken noch brav einen Tee und gingen ins Bett. Ich musste darauf achten, Leo (DiCaprio) genug Platz zu schaffen, um seine Beziehung zu Kate und zu seiner Figur zu entwickeln. Es war eine glückliche Zeit, was ironisch klingen mag. Auf eine seltsam, kathartische Weise kamen wir erleichtert aus den Dreharbeiten.

Haben Sie bei der Arbeit etwas an der Schauspielerin Kate Winslet oder an Ihrer Frau entdeckt, das Sie zuvor nicht gekannt hatten?

Mendes: Oh ja, viele Dinge. Zum Beispiel, wie zurückgezogen, wie privat sie beim Drehen ist. Ich hatte gedacht, dass sie sehr offen und zugänglich sei. Stattdessen ist sie ungeheuer konzentriert, sie kann sich auf dem Set nicht entspannen. Es war auch eine seltsame Erfahrung, durch die Kamera deine Frau zu sehen und einen Gesichtsausdruck zu entdecken, den du im Alltag als ihr Mann nie zu sehen bekommst. Sie ist eben April Wheeler. Zumal Kate so weit jenseits der Phase ist, als Schauspielerin gut aussehen zu wollen, sie will die Wahrheit über ihre Figur herausfinden. Ich musste mich anstrengen mitzukommen.

Gab es Überraschungen mit Leo DiCaprio?

Mendes: Die größte war, dass er Frank Wheeler, einen Verlierer, überhaupt spielen wollte. Die meisten Schauspieler sind eitler als die Frauen. Ich hatte erwartet, dass er fragen würde, ob Frank wirklich ein solcher Trottel sein müsse. Im Gegenteil. Jeder Moment von Schwäche und Verwundbarkeit reizte ihn. Leo ist nicht nur ein Star - wie etwa in "Aviator", wo er mit all dem Feuerwerk sehr technisch spielte. In unserem Film erlaubte er sich, alles wegzulassen und nackt dazustehen. Er vertraute mir, gab sich in meine Hand. Das hat mich sehr bewegt.

War DiCaprio Ihre erste Wahl?

Mendes: Das war er, ja. Meine Frau hatte das Skript gelesen, ich auch. Und ich verstand es, war aber nicht so angetan. Erst als ich den Roman las, fing ich Feuer. Dann gingen zwei Jahre ins Land, bevor wir Leos, Kates und meine Verpflichtungen koordinieren konnten. Endlich muss auch das Timing in der Karriere eines Stars wie Leo stimmen. Er hatte gerade zwei große Filme gemacht, "Departed" und "Blood Diamonds". Nun war er bereit zu einem kleineren Projekt, wir kamen im rechten Moment. Und wir haben ihm den Bart abgenommen und ihn wieder etwas verjüngt.

Leonardo DiCaprio versucht seit seinem Durchbruch in "Titanic", dem Star-Korsett zu entkommen und sich als Schauspieler zu beweisen.

Mendes: Genau. Kate dagegen war nie ein großer Star. Sie trieb ihre Karriere geschickt voran. Dabei sind sie und Leo sich in ihrer Hingabe an ihren Beruf sehr ähnlich.

Ihre Chemie in dem Film ist atemraubend. Wie viel haben Sie als Regisseur dazu getan?

Mendes: Chemie könnte auch in zehn Minuten entstehen. Es ist viel mehr als das: Respekt. Hier sind es zehn Jahre einer Schwester-Bruder-Beziehung; es gibt keine Grenzen zwischen ihnen. Sie sind zudem bei der Arbeit sehr großzügig und fair miteinander; nie hat einer die Arbeit des anderen kritisiert.

In den intensivsten Momenten sind sie Elisabeth Taylor und Richard Burton ebenbürtig.

Mendes: Himmel, den Vergleich mag ich. Für Taylor/Burton wie für Leo und Kate gilt, dass sie eine Vorgeschichte miteinander haben und die mit in ihr Spiel bringen können. Nehmen wir Spencer Tracy/Katherine Hepburn oder Humphrey Bogart/Lauren Bacall, es ist keine Frage, dass ihre Filme intensiver wurden, weil man ihre private Beziehung kannte und spürte.

Würden Sie DiCaprio und Ihre Frau gerne noch einmal für einen Film zusammenbringen?

Mendes: Jederzeit. Auch wenn es zehn Jahre dauert. (lacht)

Quelle: welt.de

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