Die Welt - 3. Januar 1998

 

 

Auch Briten kennen Gefühle

Die Schauspielerin Kate Winslet muß dafür nicht kreischen

von Hanns-Georg Rodek

 

Manche Hunde muß man wirklich zum Jagen tragen, nicht wahr, Leonardo? Diverse Affären hat man Dir angedichtet - mit dem Designer-Körper Demi Moores, Langhaar /Langbein Alicia Silverstone, der Verführung vom Dienst Ellen Barkin - und bei offiziellen Anlässen hältst Du Händchen mit Blond-Models namens Bridget oder Kristen. Doch läuft Dir jemand wahrhaft Besonderes über den Weg, scheinst Du mit Blindheit geschlagen.

Was heißt über den Weg laufen! Volle sechs Monate hat Dir das Schicksal eingeräumt, ein ganzes halbes Jahr zusammen mit Kate. Leonardo Di Caprio und Kate Winslet, das neue Traumpaar des Kinos, drehen zusammen "Titanic"! Von wegen Traumpaar. Am Ende hast Du behauptet, da sei nichts gewesen. Bloß gegenseitiger Respekt. Just friends. Welch Coolness. Welche Blindheit. Oder, das würde für Dich sprechen, schützende Nebelwerfertaktik.

Sieh sie Dir einmal wirklich genau an. 1,68 Meter mißt sie (manche Quellen sagen 1,69), wiegt 63 Kilo. War, wie sie zugibt, ein dickes Kind, hat als Teenager 80 Kilo auf die Waage gebracht. Dann packte sie der Schlankheitswahn, hungerte sie sich an die Grenze zur Magersucht und kippte ein paarmal ohnmächtig um. Das hat sie zur Vernunft gebracht.

Jetzt besitzt sie die ideale Figur für - taufen wir's mal so - die Nach-Bohnenstangen-Ära. Körbchengröße 75 C statt Äpfelchen, richtige Oberschenkel statt Telegrafenmasten. Du müßtest es wissen, Du zeichnest doch einen Akt von ihr in "Titanic". Oder sollte nur ein Körperdouble vor Dir gesessen haben? Dann besorge Dir einfach "Herzen in Aufruhr", ihren dritten Film. Dort gibt es die echte Kate zu schauen, in kompletter Nacktheit auf dem Rücken im Bett, Glieder ausgestreckt, wie durch ein Dachfenster von oben gefilmt, unberührt unschuldig und unglaublich erotisch.

Sie habe nichts gegen's Ausziehen, hat sie gesagt, wenn es dramaturgisch notwendig sei. Daß sie in dreien ihrer bisher fünf Filme abgelegt hat, entwertet diese Aussage nicht. Sie kann die Hüllen fallen lassen, ist aber nicht darauf angewiesen. Denn da ist zuallererst dieses Gesicht, in dem wie auf Knopfdruck alles erscheinen kann von grenzenloser Verletzlichkeit bis unendlicher Willenskraft.

Du hast es beim "Titanic"-Dreh ständig vor Dir gehabt und doch, vielleicht war es nicht ihr schönstes. Es ähnelt ein wenig dem vollen Mond, einem Pfannkuchen, und dem tut es nicht gut, wenn man ihn durch viel Haar an den Seiten noch verbreitert. Die "Titanic"-Stylisten haben die Mähne halb in Locken gelegt, teils über die Ohren gezogen und - schlimmer geht's nimmer - kastanienbraun gefärbt. Das mag der 1912er-Mode entsprechen, begeht aber ein Verbrechen an Kates Zügen. Sie hätten kurz schneiden und das Haar oben am Kopf hochstehen lassen müssen - und schwarz tönen, nicht blond oder rot oder braun, nur schwarz. Es gibt ein unglaubliches Bild von ihr in Freizeitklamotten: verwaschene Jeans, kurzes Top, klobige Springerstiefel - und schwarzes, hochgestecktes Haar. Wenn Du sie je so gesehen hättest. . . .

Für die Öffentlichkeit pudert sie sich britische Blässe ins Gesicht, überdeckt das kleine Schönheitsmal auf der rechten Backe. Alles makellos, vom Lidstrich über den eleganten Hosenanzug bis zum Englisch und den netten Worten über Kollegen. Nur eines paßt nicht ins Bild der Contenance: Sie raucht Zigarette auf Zigarette und schnippt die Asche mangels Becher in ein halbvolles Glas Mineralwasser. Es kann Dir unmöglich entgangen sein, das Brodeln hinter der Maske. Nach einem Interview-Tag soll sie sich letztes Jahr mal auf den Boden geworfen und laut geschrien haben - aus Erleichterung über das Ende dieses Marathons. Ich vermute, sie überlegt sich noch immer, ob sie in diese Höhen gehört, ob sie den Riesensprung von der Provinz in die Hauptstadt wirklich hat springen sollen. Auch wenn sie selbst zweifeln mag, sie gehört dorthin - denn sie ist kein schöner Hohlkörper. Die kurzen 22 Lebensjahre haben Spuren in ihr hinterlassen, nichts ist ihr zugeflogen. Der Schauspieler-Vater hatte mehr Auftritte auf dem Arbeitsamt als auf der Bühne, und die sechsköpfige Familie (sie hat zwei Schwestern und einen Bruder) drängte sich in einem kleinen Mietshaus in Reading. Mit 13 hat Kate 60 Pfund für einen einen Puffreis-Werbespot bekommen und sich davon eine Lederjacke geleistet, mit 16 mußte sie sich an der Theaterschule "Schwabbel" hinterherrufen lassen, mit 18 schnitt sie in einem Londoner Delikatessenladen Fleisch in Scheiben und absolvierte Mini-Rollen in einer gräßlichen Fernseh-Sitcom.

Also hat sie kämpfen gelernt - und tricksen, falls nötig. Der Regisseur von "Herzen in Aufruhr" traute ihr die Sue Brideshead nicht zu, also knöpfte sie ihn sich vor: "Ich weiß, daß Sie mich für zu jung halten, aber ich werde Ihnen nun all die Gründe aufzählen, warum ich anders bin als all die 19jährigen, die Sie kennen." Für "Sinn und Sinnlichkeit" sollte sie eine Nebenrolle vorsprechen, doch gab sie vor, ihre Agentin habe sie aus Versehen nur für den großen Marianne-Part präpariert. Sie bekam ihn - und den von Sue.

Dazu hätte Chuzpe genügt, doch nicht für die Vorstellungen, die folgten. Ein Mädchen, das lieber seine Mutter umbringt, als sich von ihrer Freundin zu trennen in "Heavenly Creatures". Eine bis zur Selbstzerstörung unabhängige Frau im viktorianischen England der "Herzen in Aufruhr". Eine Naive, die am Verrat ihrer ersten Liebe fast zugrunde geht, in "Sinn und Sinnlichkeit". Eine wahrhaft irre, sich in der Zwangsjacke windende Ophelia in "Hamlet". Emotionen, geschöpft aus einem Brunnen der Erfahrung, einem tiefen Brunnen, der den Fall in Verzweiflung erst ermöglicht. Wie Sue Brideshead um ihre Kinder kämpft, überhaupt kein Zweifel, würde es Kate Winslet um die ihren tun. Wehe dem Bengel, der ihnen auf dem Schulhof ein Haar krümmte; ich sehe sie wie eine Furie auf den Tunichtgut losgehen und wäre er einen Kopf größer als sie.

Eine leichte Beute ist sie nicht. Keins der Kreische-Girls, durch deren Pulks Du Dir gern den Weg bahnst, Leonardo. Stolz und Unberührbarkeit gehören inzwischen zur Winslet-Erscheinung. "Das ärgert mich", hat sie vor kurzem bekannt. "Ich muß schon beinahe die Leute zum Sitzen zwingen und sagen, ,Ihr könnt mit mir reden, wirklich, ich bin ein ganz normaler Mensch'." Drei Jahre war sie mit einem Stephen Tredre zusammen, der immer noch Unsummen der Klatschblätter für intime Berichte ausschlägt. Dann kam Mike Sewell, ein Schauspieler, und der Rat ihrer Mutter: "Genieße so viele Männer wie möglich. Have fun." Sie wird auch diesen elterlichen Ratschlag befolgen, wie die meisten. Aber nicht auf Dauer. Ein Mann rechts im Bett, ein anderer links, es würde nicht zu ihr passen.

Stimmt es eigentlich, daß Kate bei den "Titanic"-Dreharbeiten, während ihr durchnäßt und erschöpft auf der wogenumtosten Reling standet, plötzlich undrehbuchgemäß "Ich will ein Kind" ausstieß und Du bloß mit einem coolen "jetzt?" gekontert hast? Gerücht oder nicht, kümmere Dich um sie und jette nicht soviel nach London zu Deinen Modenschauen.

Als Kate die dortige "Titanic"-Premiere wegen Magenschmerzen absagen mußte, warum hast Du sie nicht im Krankenhaus besucht? Du weißt, daß Du sie mit Geld nicht kaufen kannst. Nicht nur, weil sie inzwischen Ein-Millionen-Dollar-Filmgagen in den Wind schlägt und Mom und Dad ein Haus und sich ein Apartment und einen Jeep gekauft hat. Wieder: Es würde nicht zu ihr passen.

Na gut, es hat nicht gefunkt zwischen Euch beim ersten Mal. Du kannst Dich verwundet zurückziehen. Chancenlos, wie ich bei ihr nun mal bin, laß Dir sagen: An Deiner Stelle würde ich nicht aufgeben. Dazu sind Kates zu selten.

 

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