Berliner Morgenpost - 1997

 

"Titanic": der teuerste Film aller Zeiten

Untergangs-Drama für 220 Mio. Dollar - Phantastische Szenen aus dem Computer

von Helmut Voss

 

Los Angeles - Ich habe den teuersten Film der Geschichte gesehen: Er ist jeden Dollar wert, den er gekostet hat. Drei Stunden lang hielt am Donnerstag der mit Computer-Tricks gespickte "Titanic"- Film von Starregisseur James Cameron ("Der Terminator") eine Gruppe von geladenen Journalisten im Kino der Paramount-Studios in Hollywood in Bann. Am Ende gab es spontan Applaus. "Es war, als wäre ich an Bord gewesen", sagte einer der Zuschauer erschöpft.

"Titanic" - Hollywoods "event movie" des Jahres - ist die Geschichte des 1912 mit 1522 der 2227 Menschen an Bord im Nordatlantik gesunkenen britischen Luxusliners und eines von Leonardo DiCaprio und Kate Winslett gespielten Liebespaares.

Der Film hat nie gehörte 220 Millionen Dollar gekostet und wird nach vorsichtigen Schätzungen noch weitere 65 Millionen Dollar an Werbekosten verschlingen. In den USA läuft das Drama, eine Koproduktion von Paramount und 20th Century Fox, am 19. Dezember an, in Deutschland dann am 8. Januar.

Die wahren Stars von "Titanic" sind die Silicon Graphics-Computer des Trickfilmstudios Digital Domain. Sie haben möglich gemacht, daß Cameron sich nicht wie bei früheren Verfilmungen der berühmtesten Schiffskatastrophe der Geschichte auf Vorder- und Mittelgrund beschränken mußte, sondern daß er den Untergang bis ins Detail nachvollziehen konnte.

Zu den rund 700 mit Computerhilfe geschaffenen Szenen - Kosten: 35 Millionen Dollar - gehören Szenen wie die folgenden:

Der Luxusliner rauscht - als wäre er wiederauferstanden - mit voller Fahrt und qualmenden Schornsteinen über das Meer. Die Kamera zeigt in Nahaufnahme ein Paar vorne am Bug, bewegt sich dann, als wäre sie an einem Hubschrauber montiert, in einer langen Zoomfahrt zurück vorbei am bärtigen Kapitän auf der Brücke, schwenkt um einen der vier Schornsteine herum, zeigt dann schließlich das ganze Schiff samt Heckwelle in der Totalen.

Überall an Bord sind Menschen zu sehen. Sie bewegen sich, heben Kinder hoch, spielen Ball, winken. Sie wurden - wie auch das Schiff und das Meer - ausnahmslos im Computer geschaffen, sind sogenannte "synthespians", künstliche Schauspieler.

Die in Schräglage sinkende "Titanic" bricht auseinander. Während das Vorderschiff schnell untergeht, richtet sich das über und über mit verängstigten Menschen bedeckte Achterschiff in einem bläulich kalten Licht langsam auf, bis es senkrecht aus dem Wasser ragt. Es verharrt kurz in dieser Position und sackt dann ab wie ein Fahrstuhl, bei dem die Halteseile gerissen sind.

Die Menschen auf dem glatten Deck verlieren den Halt: Sie schliddern schreiend gegen Poller, klatschen schließlich mehr als 100 Meter tief mit wedelnden Armen aufs Wasser. Die Kamera ist mit an Bord, zeigt das ganze Achterschiff samt umliegendem Wasser von der höchsten Stelle aus, macht die Höllenfahrt - zusammengesetzt aus im Computer geschaffenen und mit lebenden Schauspielern gefilmten Szenen - in voller Länge mit.

Im Mittelpunkt des Films, der zum Teil vor einer Bordwandkulisse auf einem Außengelände in Mexiko und mit Mini-Kameras in einem Modell des Wracks gedreht wurde, steht eine Romeo- und Julia-Geschichte.

DiCaprio spielt einen mittellosen Künstler ("Ich habe nur zehn Dollar in der Tasche"), der bei einem Pokerspiel ein Ticket für eine Zwischendeckspassage gewinnt und dann an Bord eine junge Frau aus der 1. Klasse kennen- und liebenlernt, der vor ihrer Heirat mit ihrem unausstehlichen, schwerreichen Verlobten ("Wir haben 500 Einladungen verschickt") graut. Am Ende versuchen beide gemeinsam, sich von der sinkenden "Titanic" zu retten.

Die Vorgeschichte, die mit einer Bergungsaktion beim Wrack der Titanic beginnt, dauert eine Stunde und 40 Minuten. Dann kommt der Augenblick, wo im Film der Ausguck entsetzt ruft: "Eisberg voraus!"

Nur drei Minuten später gibt ein lautes Krachen den Auftakt zu einem der längsten (63 Minuten) und dramatischsten Schiffsuntergänge, die je auf der Leinwand gezeigt wurden: Geschirr, das aus Regalen scheppert, vom Dampf verbrühte, schreiende Heizer, Wassermassen, die durch Gänge schäumen und schreiende Menschen mit sich reißen, wegrutschende Rettungsboote und am Ende die Schiffskapelle, die bis zum bitteren Ende an Deck musiziert. Ein Musiker verabschiedet sich von einem Kollegen mit den Worten: "Es war mir eine Ehre, mit Ihnen spielen zu können."

 

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