Filmkritik - Filmdienst Nr. 23, 1993

 

This Boy´s Life

Von Hans Jörg Marsilius

 

In den USA Ende der 50er Jahre: Durch die Heirat seiner Mutter wird ein Junge mit einem Mann konfrontiert, der seine Minderwertigkeitsgefühle brutal an dem Schwächeren abreagiert. Eine beeindruckend und stimmig inszenierte, hervorragend gespielte Milieu- und Charakterstudie, die einen realistischen Blick auf eine Kleinstadt und ihre geistige Enge vermittelt.

Verfilmte Biographien geraten in Hollywooh häufig zu Hymnen auf den standhaften Charakter eines Helden, der die Aufstiegsmöglichkeiten in einem ständig im Aufbruch begriffenen Land - eben den USA - für sich nutzt. Die Niederungen, aus denen er kommt, sind da meistens Nebensache - wer darin hängenbleibt, hat seine Chance nicht begriffen. Der dem Land angemessenere Held, so die Hollywood-Strategie, ist der, der den Weg nach oben findet. Nach genau diesem Weg sucht auch Caroline mit ihrem Sohn Toby. Während ihr Ex-Mann mit Tobys studierendem Bruder an der Ostküste geblieben ist, versucht sie sich Ende der 50er Jahre im Westen der USA durchzuschlagen. Auf der Flucht vor der Vergangenheit und der Jagd nach dem Glück gerät sie von einem Liebhaber zum nächsten - und Toby von einer Stadt in die andere. Das ändert sich erst, als Caroline Dwight kennenlernt, ihn nach einiger Zeit heiratet und zu ihm ins abgelegene, muffige Concrete zieht. Besonders für Toby beginnt damit eine Zeit der Leiden: mit aller Gewalt versucht Dwight, jedes Anzeichen von Eigensinn bei dem Jungen zu unterdrücken.

"This Boy´s Life", auf einer autobiographischen Geschichte beruhend, entwickelt in der Folge eine Milieu- und Charakterstudie, wie man sie US-Filmen dieser Art selten findet. Toby ist alles andere als ein strahlender Held, sondern ein Spielball des mit Minderwertigkeitsgefühlen beladenen Stiefvaters. Während Ellen Barkin als Mutter des Jungen nach dem Auftauchen Dwights etwas in den Hintergrund rückt (ihre Rolle erinnert bis dahin an Ellen Burstyns Part in Scorseses "Alice lebt hier nicht mehr"), bieten Leonardo DiCaprio und De Niro als Vater die bedrückende Darstellung einer gnadenlosen und ungleichen Konfrontation.

Schon bei seinem ersten Auftreten führt De Niro Dwight bis in die kleinsten Nuancen der Gestik und Mimik als einen Mann vor, der kein richtiges Verhältnis zu sich selbst gefunden hat - De Niros bestes Fach. Dwight steht unter dem Zwang, sich ständig produzieren zu müssen: ob als Charmeur, als Boxer, der andere in reinster Heimtücke "kalt erwischt", als kitschiger Abklatsch eines Saxophonspielers (ins Ironische gewendete Anspielungen auf frühere De Niro-Rollen unter Scorsese) oder als miserabler Schütze, der von seiner Frau locker geschlagen wird. Bestätigung braucht er wie andere Wasser und Brot. Bekommt er sie nicht, sucht er Zuflucht in brutaler Unterdrückung. Dwight will den orientierungslosen, aufbegehrenden Toby "heilen oder töten".

Drehbuch und Regie konzentrieren sich besonders auf die Privatspäre der eigenen vier Wände. Aber dennoch macht der Film, nicht zuletzt durch die Ausstattung, einiges von der Stimmung dieser Periode amerikanischer Geschichte deutlich. Dwight kann man sicher als Figur verstehen, die durch den stockkonservativen, engstirnigen Geist des Kleinstadtmilieus deformiert wurde und sich nun dafür rächt. Tobys Freunde, mit einer Ausnahme, unterliegen ähnlichen Zwängen. Sie flüchten sich in die Revoltenattitüde des Rock´n Roll, der aus dem Radio schallt, in der Abgelegenheit der Provinz aber ohne jede Energie verpufft. Eine angenehme Abweichung vom Klischee, genauso bemerkenswert wie eine Bemerkung von Tobys einzigem richtigen Freund, der ihm auch den Weg zum Aufbruch ebnet: "Hier endest du im Supermarkt oder du läufst Amok." Krass, leider aber vielfach bestätigt. "This Boy´s Life" erinnert in manchem an Wolfgang Beckers Film "Kinderspiele", einer ähnlichen und ebenso stimmigen Geschichte über die Jugend in engen Verhältnissen (jedoch mit einem ungleich härteren Ende). Natürlich erlauben die amerikanischen Verhältnisse ein ungleich aufwendigeres Produktionsdesign. Erfreulich ist in diesem Fall, daß es etwa die Schauspieler nicht zu Statisten degradiert, sondern auch mit allen anderen Filmelementen ein stimmiges Ganzes bildet und die sozialen Verhältnisse ernst nimmt.

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