Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kino/...

Der Tagesanzeiger / Schweiz

 

 

Neuer Film mit DiCaprio und Winslet: Schon jetzt ein Klassiker

Dieser Film ist ein Wunder. Atemlos schaut man da einer ausweglosen Geschichte zu, kann den Blick nicht abwenden von zwei Menschen, die alles, was sie einmal an Liebe und an grossen gemeinsamen Visionen hatten, so gründlich zertrümmern, bis nichts mehr da ist als ein Ende in Tränen, Blut und Schrecken. Denn das Zusammenwirken von auferlegter Biederkeit und angeborener Überheblichkeit ist monumental. Und mörderisch.

Die beiden Menschen heissen im richtigen Leben Kate Winslet und Leonardo DiCaprio, vor elf Jahren drehten sie zusammen die «Titanic» und spielten in aller Unschuld Romeo und Julia auf dem Dampfer. Jetzt verkörpern sie April und Frank Wheeler, zwei junge Erwachsene, die in den alkohol- und zigarettensüchtigen 50er-Jahren in einem Vorort von New York an einer Strasse namens Revolutionary Road in einer Ehetragödie verglühen.

Erfunden hat die traurige Geschichte der traurige Schriftsteller Richard Yates (1926-1992). Jener melancholische Realist unter den amerikanischen Nachkriegs- autoren, der seinen grossen Vorbildern Gustave Flaubert - «Madame Bovary» blieb stets sein Lieblingsbuch - und F. Scott Fitzgerald auch dann noch stilistisch die Treue hielt, als in Amerika längst viel jüngere und wildere angesagt waren. Ein einziges Mal gelang ihm ein Erfolg - mit seinem Erstling «Revolutionary Road» («Zeiten des Aufruhrs»), mit dem er 1961 aus dem Stand für den National Book Award nominiert wurde.

«Revolutionary Road» ist die herzzerreissende amerikanische Fassung der «Madame Bovary», inklusive aller Ausbruchsversuche, Fremdgängereien und dem entsetzlichen Ende. Bereits 1962 war Samuel Gold- wyn Jr. an einer Verfilmung des Romans interessiert, es kam aber nicht dazu, und der resignierte Yates schrieb: «Kühlere Köpfe entschieden, dass das Kinopublikum nicht bereit ist für eine Geschichte von so unerlöster Tragik.» 1972 bekannte er in einem Interview, dass «Revolutionary Road» ein Buch über Abtreibungen sei, über «abgetriebene Karrieren, abgetriebene Pläne und Träume - und alles führt auf eine reale, körperliche Abtreibung hin und auf einen Tod am Ende». Düsterer und trauriger kann einer sein eigenes Buch nicht zusammenfassen. Treffender auch nicht.

Vor ein paar Jahren wurden die Drehbuchrechte an die BBC verkauft, und dort geriet der Roman in die Hände des 35-jährigen Justin Haythe, der sich auf die kühle, präzise, schneidende Kraft von Yates` Sprache verliess und eine bestechend umsichtige und originalgetreue Drehbuchfassung vorlegte. Diese wiederum gelangte durch Zufall zu Kate Winslet, und sie brachte das Wunder in Bewegung. Sie liebte «die emotionale Nacktheit, die grausame Ehrlichkeit» der Geschichte, gewann mit den Worten «Babe, you`ve got to do this» ihren Mann Sam Mendes («American Beauty») als Regisseur und gab das Script an ihren Freund Leo weiter. Drei Monate später fanden sich alle bei den Dreharbeiten wieder.

Man muss sich diesen Dreh als Trainingscamp von drei ehrgeizigen Schwerarbeitern vorstellen: Bei Kate Winslets April wechselt sich vorsichtige Heuchelei mitreissend ab mit hysterischen Ausbrüchen und einem unaufhaltsamen, eiskalten Selbstzerstörungstrieb. Und DiCaprios an sich robust gebauter Frank krepiert fast daran, einen Ehekonflikt mit einer Frau bewältigen zu wollen, für die er am Ende einfach eine Spur zu einfältig ist. Die aufgestaute Seelenqual, die sich auf seinem Gesicht kundtut, ist fast nicht auszuhalten. Das ist bei beiden kein Spiel mehr, das ist eine vollkommen obsessive Anverwandlung.

Sam Mendes wiederum hat sich so sehr jegliche Sentimentalität und jedes Mitleid verboten, dass sein auch recht verzweifeltes Kleinstadtdrama «American Beauty» dagegen wie eine heitere Komödie wirkt. Die Filmfassung der «Revolutionary Road» ist beinah noch radikaler als das Buch und noch schwärzer, obwohl sie optisch in unaufdringliche Pastellfarben getaucht ist. Die 50er-Jahre bei Mendes sind alltagsnaher und ihre Ausstattung nebensächlicher als beispielsweise die thematisch oft identische, aber visuell durch- gestylte amerikanische 50er-Jahre-Serie «Mad Men». Doch fokussiert Mendes so gnadenlos auf das eheliche Psychodrama, wie man es in dieser Dichte und Nahsicht zum letzten Mal in «Who`s Afraid of Virginia Woolf» (1966) mit Elizabeth Taylor und Richard Burton gesehen hat. «Revolutionary Road» ist schon jetzt ein amerikanischer Klassiker. Oder wie Amerikas berühmtester Filmkritiker Roger Ebert sagt: «Der Film ist so gut, es ist überwältigend.»

Ein Drink in jeder Lebenslage

Vor der zunehmenden Beklemmung beginnt der Film allerdings vollkommen unbeschwert: April und Frank lernen sich an einer Party in New York kennen, er ist ein cooler Player, sie ist schön und ambitioniert und glaubt daran, einmal eine grosse Schauspielerin zu werden. Beide fühlen sich ihrer Welt überlegen, und als sie aufeinandertreffen, glüht die Leinwand. Dass es sie dann doch wie alle jungen Paare in einen Vorort von New York verschlägt, ist zuerst nur ein Spiel: Das putzige Häuschen, die niedlichen Kinder sind Accessoires, nicht anders als der Drink mit den klirrenden Eiswürfeln, an dem sie sich in jeder Lebenslage und zu jeder Tageszeit festhalten. Ihre Träume haben sie selbstverständlich in höheren Sphären angesiedelt. Sie träumen von Paris, vor allem, und von Kreisen, wo die Leute Freud und Sartre lesen und auch verstehen - während ihr eigenes, manchmal hochtrabendes Gerede viel Halbverdautes vermuten lässt.

Doch während die einsame Hausfrau April versucht, von der vorstädtischen Kommandozentrale aus eine bessere Zukunft energisch voranzutreiben, und dabei immer hochmütiger wird in ihrer totalen Verachtung der eigentlichen Realität - Winslet kann so was wunderbar -, söhnt sich Frank in der Stadt allmählich mit seinem Leben aus. Er arbeitet als Werbetexter in der gleichen Firma für elektrische Schreib- und Rechenmaschinen, wo schon sein Vater war, hat eine hübsche kleine Geliebte, die ihn für den grössten Dandy aller Zeiten hält (da tritt bei DiCaprio wieder der verführerische Gentlemanganove aus Filmen wie «Catch Me if You Can» zu- tage), und wird zu seiner grössten Verwunderung unvermittelt zum Aufsteiger. Seine einfach strukturierte Männerwelt war noch nie so sehr in Ordnung. Frank hat sich gefunden. April hat sich derweil in der Provinz verloren. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Flankiert werden die beiden brillanten Stars von einer Handvoll grandioser Nebendarsteller, vor allem von Kathy Bates als resoluter Immobilienmaklerin Mrs. Givings und Michael Shannon als ihrem psychisch schwer angeschlagenen Sohn. Hellsichtig, wie es die Wahnsinnigen im Film immer sind, wird dieser zum brutalen - und amüsanten - Analytiker des wheelerschen Ehe-Albtraums.

Träumende Amerikaner

Richard Yates war besessen vom Muster der träumenden Amerikaner, die sich grundlos zu Besserem berufen fühlen, er wiederholte es in allen seinen Roma- nen und Erzählungen und betrachtete sich selbst als einer von ihnen. Er war sein Leben lang bankrott, trank zu viel und rauchte auch, als er nur noch an eine Sauerstoffflasche angeschlossen atmen konnte. In den Wohnungen, in denen er mehr hauste als lebte, hinterliess er stets die gleiche Spur eines verarmten Schriftstellers: einen Kreis aus zertretenen Kakerlaken, dort, wo sein Stuhl vor dem Schreibtisch gestanden hatte. 1992 starb er an einer Lungenkrankheit. Dieser Film hätte ihn, den ewig Unglücklichen, ganz gewiss ein klein wenig glücklich gemacht.

So glücklich, wie er vielleicht in wenigen Wochen Kate Winslet machen wird. Ihr Ziel ist nämlich klar: «Ob ich einen Oscar will? Darauf könnt ihr eure verdammten Ärsche wetten.»

 

Danke an Shaolin !

*

ÜBER SEINE FILME

MAIN