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Süddeutsche Zeitung - 19.01.2012

"J. Edgar" im Kino

 

 

Von einem, der sich selbst unterdrückte

von Susan Vahabzadeh

Ohne Liebe ist alles nichts: Der legendäre FBI-Chef J. Edgar Hoover duldete keine Homosexuellen in seiner Behörde, dabei soll er selbst dem eigenen Geschlecht zugeneigt gewesen sein. Am Ende blieb sein Leben leer und verlogen. So zeichnet es Clint Eastwood in seinem Film "J. Edgar". Leonardo DiCaprio verkörpert diese ungeheuer zwiespältige Figur, die vor allem von ihrer Sucht nach Macht getrieben ist - das funktioniert nur wegen seiner Augen.

Als Clint Eastwood beschloss, einen Film zu drehen über J. Edgar Hoover, den Mann, der das FBI und seinen Vorgänger von 1924 bis 1972 leitete und den acht Präsidenten nicht zu kontrollieren schafften, hätte er sich für das Naheliegende entscheiden können: für eine Generalabrechnung. Geht es hier doch um einen Mann, der Geheimakten über das Privatleben von Politikern angelegt und sie damit auch erpresst hat - obwohl sein eigenes Privatleben in der damaligen Zeit ebenfalls nicht ans Licht kommen durfte.

Für Regisseur Clint Eastwoods Hoover existiert kein Kollateralschaden. Seine Sucht nach Macht und die Unfähigkeit, andere Meinungen gelten zu lassen, gehen so weit, dass er sogar versucht, sich die Vergangenheit untertan zu machen.

Die Geschichtsschreibung sieht es inzwischen als sehr wahrscheinlich an, dass Hoover, der keine Homosexuellen im FBI duldete, am eigenen Geschlecht mehr Interesse hatte als am anderen.

Das Drehbuch zu "J. Edgar" hat denn auch Dustin Lance Black geschrieben, der Autor von "Milk", des Films über den ersten offen schwulen US-Politiker Harvey Milk. Aber eine solche Anklage wäre Eastwood wohl zu wenig gewesen: Er erzählt vor allem davon, was Hoover sich selbst angetan hat, nicht den anderen.

"J. Edgar" ist ein Blick zurück am Ende des Lebens, und nichts davon hätte funktioniert, wenn Leonardo DiCaprio nicht so alte Augen hätte. Es ist etwas Müdes und Rastloses in seinem Blick, den kein Make-up-Artist maskieren kann, wenn er von der Rolle des jungen Hoover in die des alten schlüpft.

Hoover diktiert seine Memoiren, eine Fiktion, aber die ist ja erlaubt bei einem, der so viel Papier hat zerstören lassen bei seinem Tod. Ein Kostümfilm, der durch sechs Jahrzehnte streift, perfekt in seinen Dekors und Interieurs. In Rückblenden sieht man, wie Hoover die beiden Menschen findet, die ihm wohl nach dem Tod seiner Mutter (Dame Judi Dench) am teuersten waren: seine Sekretärin und Vertraute, Helen (Naomi Watts), und seinen Stellvertreter im Amt, Clyde Tolson (Armie Hammer) - mit dem er essen ging, in Urlaub fuhr, der ihn beerbte und neben ihm begraben wurde.

Lebenslang eine Rolle gespielt

Gerade diese private Ebene, von der er am meisten erzählt, lässt Eastwood dann doch sehr schön in der Schwebe - er ist sich sicher, dass Hoover Tolson geliebt hat, aber nicht, ob er diese Liebe tatsächlich ausgelebt hat. Was dabei herauskommt, ist natürlich ein umso spannenderes Porträt von Hoover, eine ungeheuer komplexe und zwiespältige Figur, wie sie das Kino sich selten leistet.

Und so ist dieser Mann umso schwieriger auf die Leinwand zu bringen - Leonardo DiCaprio muss einen spielen, der lebenslang eine Rolle spielte, er zeigt uns den Umriss eines Mannes, den jeder selbst in seiner Vorstellung vollenden muss. Das Gleiche gilt für Hoovers Arbeit, die natürlich auch am Rande vorkommt - Kommunistenhatz und Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Das eine erinnert an den Patriot Act, aber was wäre aus Amerika ohne das andere geworden?

Für Eastwoods Hoover existiert kein Kollateralschaden. Seine Sucht nach Macht und die Unfähigkeit, andere Meinungen gelten zu lassen, gehen so weit, dass er sogar versucht, sich die Vergangenheit untertan zu machen.

Eastwood hat die Handlung verschachtelt: Wir gewöhnen uns keinen Moment lang an den jungen Edgar, denn wir landen immer wieder bei einem Mann am Ende seines Lebens, der eine Bilanz zieht, eine geschönte, selbstverständlich. Er diktiert wechselnden Assistenten seine Version der Geschichte - diese Memoiren gibt es so nicht, aber Hoover hat im richtigen Leben die von ihm selbst verbreiteten Legenden in Fernsehserien und Comic-Heften und auch überall sonst, wo sein langer Arm hinlangte, platziert.

Die Erwartungen an Eastwood sind hoch, zu Recht, er ist einfach ein phantastischer Regisseur, und er wird im Alter immer besser - "J. Edgar" ist aber natürlich auch das Werk des feinfühligen Autors Dustin Lance Black.

Es ist nicht so, als wäre "J. Edgar" ein versöhnlicher Film geworden, aber die Art, mit der Eastwood und Black mit dem großen Geheimdienstmogul ins Gericht gegangen sind, ist eben sehr eigen. Der Mann ist ihnen bis zu einem gewissen Grad fremd geblieben: Der Film wahrt Distanz zu seiner Hauptfigur, nur zwei, drei Momente gibt es, in denen er uns nah heranlässt an den Mann hinter der pompösen Selbstinszenierung. Der Rest zeigt ihn ohne jeden Charme - so muss man sich vielleicht jemanden vorstellen, der sich permanent selbst unterdrückt.

Und wie sollte jemand, der so mit sich selbst umgeht, Mitgefühl für andere entwickeln? Einmal sehen wir ihn mit seiner Mutter, die gut versteckte Verzweiflung, wie er mit ihr über den Spiegel in einem Hotelzimmer kommuniziert, sie beide gleichermaßen betrachtet - er hat sich gerade beklagt, dass Ginger Rogers' Mutter versucht hat, ihn zum Tanz aufzufordern, und er will nicht mit Frauen tanzen.

Die geliebte Mama, die genau weiß, dass er einen Teil seiner selbst verleugnet, macht ihm knallhart klar, dass er, was sie angeht, nur wählen kann zwischen Verdrängung und Tod. Und dann sehen wir Hoover noch einmal, wieder vor einem Spiegel, als sie gestorben ist, in ihrem leeren Schlafzimmer: endgültig allein.

Nicht einmal Clyde Tolson lässt er wirklich ganz an sich heran. Eine letzte Begegnung gibt es, kurz vor seinem Tod, als Clyde ihm all seine Lügen um die Ohren haut. Nicht aus Bosheit, sondern weil er ihm immer näher gestanden hat, als Hoover zulassen wollte - weil er ihn trotz allem geliebt hat. Nicht einmal mit dieser Bedingungslosigkeit kann Hoover etwas anfangen. Ihn erreicht nichts, nicht einmal diese Liebe.

Und das ist dann Eastwoods eigentliche Art, sich Hoover vorzunehmen. Im Kern ist "J. Edgar" die Geschichte von einem, der auszog, sich selbst zu belügen, und der bis zum Schluss den Dingen nicht so recht ins Auge sehen kann. Ein Film über das Sterben - Eastwood ist inzwischen 81 Jahre alt, vielleicht erlaubt ihm das, mit so viel Wärme und Bedauern einen Mann zu betrachten, der nie glücklich war.

Wie hoch darf der Preis für den Sieg sein?

Selbst Hoovers Diktate sind ein geschönter Blick zurück, Luftblasen, die Eastwood immer wieder durch eingestreute Richtigstellungen platzen lässt, einige Rückblenden sehen wir spät im Film wieder, in manchen ist Hoover nicht einmal dabei.

Hoover verbuchte alle Erfolge des FBI auf seinem Privatkonto, gerne hätte er sogar die Behauptung aufrechterhalten, er habe Dillinger höchstpersönlich zur Strecke gebracht.

Aber was übrig bleibt, am Ende, ist ein leeres Leben. Auf dem emotionalen Privatkonto ist nichts, die politischen, die öffentlichen Erfolge sind umstritten. Wie hoch darf der Preis sein, den man für einen Sieg zahlt, wie viel Gerechtigkeitssinn geht dafür verloren, wie viel Lüge verträgt eine wahrhaftige Zielsetzung? Ob der Zweck tatsächlich alle Mittel heiligt - die Frage hat Eastwood schon oft gestellt. Aber er ist in seinen Filmen auch immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass ohne Liebe alles nichts ist.

J. EDGAR, USA 2011 -Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Dustin Lance Black. Kamera: Tom Stern. Mit: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Armie Hammer, Judi Dench. Warner, 137 Minuten.

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