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Der Spiegel - Februar 2000
Psychokrieg unter Palmen von Marianne Wellershoff
So sieht die perfekte Idylle aus: Palmen, weißer Sand, grünblaues Wasser; in einer felsengeschützten Bucht hält
ein wunderschöner Mann wie Leonardo DiCaprio eine junge, bezaubernde Französin im Arm und schaut mit ihr aufs Meer.
Ein Stück weiter sind die anderen Freunde, sie lachen. Bald werden alle zusammen den selbstgefangenen Fisch grillen.
Dann kommt der Sonnenuntergang. Dann die Nacht. Das ist das Paradies.
Natürlich träumen fast alle Rucksacktouristen, die nach Thailand fahren, von so einem verwunschenen Ort, versteckt
auf einer Insel vor der Küste. Vom perfekten Strand, der Erlösung verspricht vom Entsetzlichen der modernen Welt.
Die meisten Reisenden bleiben dann irgendwo vorher hängen, in den lauen Bars von Chaweng Beach auf Ko Samui oder
bei den Techno-Partys auf Ko Phangan, wo sie wenigstens im Alkohol-, Gras- oder Ecstasy-Rausch in ihre schöne
Parallel-Welt driften.
Richard aber hat die Landkarte. Die Landkarte mit einem Kreuz auf einer der vielen Inseln. Daffy, ein
durchgeknallter Brite, hatte ihm vom perfekten Strand erzählt und ihm am nächstne Tag die Skizze an die Tür seines
klapprigen Hotelzimmers in Bangkok geheftet. Dann hat Daffy sich die Pulsadern aufgeschnitten, und, vermutlich
die Arme durch die Luft wirblend, die Wände mit Blut bespritzt, als wären sie die Leinwand für ein
Jackson-Pollock-Gemälde. Richard findet Daffy tot neben dem Bett liegend. Und gemeinsam mit Francoise und Etienne,
einem französischen Traveller-Paar, macht er sich auf den Weg zum Strand, wo sie auf eine Clique von anderen
Paradies-Träumern stoßen.
1996 veröffentlichte der junge Brite Alex Garland seinen Roman 'Der Strand', der Richards Reise in die bessere Welt
beschreibt, die am Ende die schlechtere ist. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller. Nun ist es von dem
Regisseur Danny Boyle, dem Drehbuchautor John Hodge und dem Produzenten Andrew MacDonald verfilmt worden, die sich
schon mit den schwarzen Komödien 'Kleine Morde unter Freunden', 'Trainspotting' und 'Lebe lieber ungewöhnlich'
Respekt verschafft haben. In dieser Woche kommt 'The Beach' in die deutschen Kinos, mit Leonardo DiCaprio, 25,
als Richard - zwei Jahre nach seinem Triumph in 'Titanic'.
DiCaprio erweist sich als die perfekte Besetzung. Zum einen, weil er mit seinen sonnenblondierten Haaren und klaren
blauen Augen den Archetyp des Beachboys verkörpert - auch wenn die Hauptfigur im Roman ein Engländer ist. Er ist
nicht dick geworden, wie manche spekuliert oder vielleicht gehofft haben, sondern jungenhaft schlank,
gut durchtrainiert, nett, harmlos, jedenfalls scheint es so.
Zum anderen aber schafft es DiCaprio, die Maske von seinem romantischen Gesicht abzuziehen. Ais Schönheit wird
Selbstgefälligkeit, aus großen Gefühlen wird große Kälte. statt sich aufzuopfern, opfert er andere. Es ist DiCaprios
persönliches Wagnis und eine große schauspielerische Leistung, sein 'Titanic'-Kitsch-Image mit der Rolle zu
demontieren: Aus dem Weichei wird ein - wenn auch nur bedingt sympathischer - Mann.
Als netter Kerl, ein bisschen unsicher, ein bisschen verliebt in die Französin Francoise (Virginie Ledoyen), tritt
er die Abenteuerreise zum Strand an. Der Weg zum Paradies ist voller Prüfungen: Ein Fischer bringt Richard,
Francoise und ihren Freund Etienne (Guillaume Canet) zunächst zu einer Insel im Naturschutzgebiet. Zum Strand der
Nachbarinsel müssen sie dann schwimmen.
Das Vorparadies ist eine Marihuana-Plantage, bewacht von düsteren thailändischen Gangstern. Und dann sind sie
angekommen: an dem Strand, der so perfekt ist wie die Phantasie.
Dort treffen sie auf eine kleine internationale Gemeinschaft aus sesshaft gewordenen Rucksacktouristen. Diese haben
Hütten aus Palmwedeln gebaut, als wären sie Darsteller der Bacardi-Reklame, und alle sind schlank und schön und braun
gebrannt, auch wie in der Bacardi-Reklame. Die einen fischen, die anderen kümmern sich um den Gemüseanbau, einige
kochen, alle essen und schlafen gemeinsam. Hier ist das Glück zu Hause.
Nein, natürlich nicht. Der Strand ist ein Glücksversprechen, das nicht eingelöst wird. In Garlands Roman erkennt
Richard nach und nach die wahre, bösartige Struktur der Gruppe: es ist ein faschistisches System, angeführt von Sal
(Tilda Swinton),
die sich als esoterische "Erdmutter" gibt, aber eine kontrollsüchtige Diktatorin ist. Sie legt die Regeln fest.
Schwache und Kranke werden aus der Elite-Gemeinschaft aussortiert, Zweifel und Widerspruch sind verboten, die
Außenwelt ist der Feind. Das Paradies ist die Hölle.
Auch in der Verfilmung ist das Paradies die Hölle, aber eine ganz andere. Für einen Film zu passiv sei der
Roman-Richard, sagt Boyle, und deshalb hat er dem Sonnyboy eine finstere Energie gegeben. Sie treibt die
Strandgesellschaft in die Katastrophe. Für alle auf Ko Phangan feststeckenden Traveller blieb der Weg das Ziel.
Als Richard am Strand ankommt, ist er dagegen am Ziel der Ziele. Und er stellt sich die Frage: Was jetzt?
Das Paradies taugt nur als Fiktion. Als Wirklichkeit ist es langweilig. Zumindest für jemanden wie Richard, der
seine Lebenseinstellung aus dem Gameboy zieht: jagen, zuschlagen, töten. Her mit dem nächsten Thrill. Zufriedenheit
mit dem Hier und Jetzt ist in der Psyche eines modernen Menschen nicht vorgesehen.
Der nächste Thrill kommt. Beim Fischen wird Richard von einem Hai angegriffen. Er überwindet seine Angst, tötet den Hai -
und steigt in der Hierarchie am Strand auf Platz zwei hinter Sal auf.
Und nun? Richard erobert die schöne Francoise. Gut, abgehakt, mehr bedeutet es ihm nicht. Er schläft mit Sal, als sie
Sex von ihm verlangt. Sie ist älter, erfahrenen als er, und sie ist die Mächtigste in der Gruppe. Warum also nicht?
Francoise, die den Betrug ahnt, lügt er an.
Der schöne Leo Dicaprio, der romantischste aller Kinohelden, lügt? Die Filmproduzenten baten Boyle, die Szene
herauszuschneiden. "Amerikaner glauben mit Herz und Seele an ihren Helden," sagt der Regisseur, "und deshalb darf er
nicht lügen und betrügen." Europäer aber lieben widersprüchliche Helden. Der Brite Boyle ließ sich nicht umstimmen.
Im Gegenteil, Richard wird noch niederträchtiger, als er in Sals Auftrag den Strand vor Eindringligen schützen soll.
Er hält sich, inszeniert in einer Boyle-typische surrealen Passage, für die Hauptfigur seines Computerspiels, für
einen unbesiegbaren Dschungelsoldaten. Jetzt will er Menschen sterben sehen.
"Es gibt eine Dunkelheit in DiCaprio, die nicht sehr kalifornisch ist", sagt Boyle, "deshalb wird er auch nie ein
Tom Hanks oder ein Tom Cruise sein." Auch für den Film war zunächst ein finsteres Ende vorgesehen. Als der Rohschnitt
fertig war, "wirkte das sehr trostlos", erzählt Boyle. "Ich dachte, wir müssten den Zuschauern mehr Hoffnung
anbieten."
Sie drehten eine Szene nach. Richard/DiCaprio blickt auf ein Foto, das ihm Francoise als E-Mail geschickt hat: das
Gruppenbild der Strand-Gesellschaft, die gemeinsam jubelnd in die Luft springt.
Das Paradies hat keinen Ort. Das Paradies ist ein Moment, den man nicht festhalten kann, und so kurz wie ein
Luftsprung. Und dann landet man wieder in der Hölle.
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