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Der Spiegel Online / Kultur - 24.02.2010


Psychothriller "Shutter Island"

 

Inselurlaub, Gehirnwäsche inklusive

von Christian Buß

Kino in seiner pursten und perfidesten Form: Martin Scorseses auf der Berlinale zu Unrecht verschmähte Pulp-Symphonie "Shutter Island" zeigt Leonardo DiCaprio als schwer traumatisierten Cop und taucht tief ins kollektive Unterbewusstsein der fünfziger Jahre ab.

Gangster? Gewaltverbrechen? Grausame Frauen? Das waren für die Cops in den amerikanischen B-Movies der vierziger und fünfziger Jahre meist die kleineren Probleme. Hinter Mafia-Komplotten, Mordserien und Femme-fatale-Intrigen schlummerten oft sehr viel tückischere Subtexte. Die Nähe des zweiten Weltkriegs und des Holocaust, die Ahnung vom Kalten Krieg, die Angst vor der nuklearen Katastrophe - dies alles schwang in den kleinen düsteren Schockern mit, ohne konkret in Handlung übersetzt zu werden.

Sämtliche kollektive Traumata aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterließen eben auch ihre Spuren bei den Hauptdarstellern dieser Filme. Man schaue sich nur mal die fatalistisch zugezogenen Visagen von notorischen Film-noir-Schnüfflern wie Dana Andrews, Sterling Hayden oder Ralph Meeker an.

An diese großen Einzelgänger aus den finsteren Seelenkellern des amerikanischen Kinos sollte man sich erinnern, wenn man das erste Mal Leonardo DiCaprio als US-Marshall Teddy Daniels in "Shutter Island" begegnet, Martin Scorseses große B-Movie-Revision, die in der Zeit des Kalten Krieges angesiedelt ist: Alles an DiCaprio ist eine Nummer zu groß. Aber das muss so sein, schließlich trägt er die Last aller Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts auf seinen (inzwischen ziemlich breiten) Schultern.

Im Gegensatz zu seinen Film-noir-Ahnen gibt es bei diesem Daniels aber einen ganz konkreten Verweis auf die historische Last: Er soll in der US-Einheit gekämpft haben, die 1945 das Konzentrationslager Dachau befreit hat. Daniels ist ein Kriegsheld, doch die Schrecken des Genozids haben ihn offensichtlich in eine Art wandelnde Festung verwandelt.

Da harmoniert diese Figur eben wieder ganz mit seinen Vorgängern aus den Vierzigern und Fünfzigern: Der schwere Mantel scheint dazu angetan, Kugeln abzuhalten. Die gigantische Krempe seines Huts wirkt, als sollte sie - wir befinden uns in den naiven Kindertagen des Atomzeitalters! - vor einem möglichen nuklearen Fall-out schützen. Und sein Gesicht ist so grimmig verschlossen, dass gleich jeder Seelenklempner signalisiert bekommt: An mir beißt du dir die Zähne aus!

Mit seinem Kollegen Chuck Aule (Mark Ruffalo) befindet sich Daniels nämlich auf der Fahrt zur Insel "Shutter Island", auf der Dr. Cawley (Ben Kingsley) psychisch kranke Gewalttäter behandelt. Die Marshalls sollen eine entflohene Kindsmörderin einfangen. Gleich am Eingang zur Psycho-Festung müssen die beiden allerdings ihre Revolver und Dienstmarken abgeben. Später, als sie ins Innere des Klinikums vordringen, in dem die gemeingefährlichen Täter untergebracht sind, steckt man sie dann auch noch in läppische knappe Weißkittel. Für einen ansonsten komplett textil-gepanzerten Cop wie Daniels heißt das: Er ist so gut wie nackt.

Zugang zum Unterbewusstsein einer Nation

Während er auf der Insel der verschwundenen Frau hinterherjagt, steigt er immer tiefer in seine eigenen Traumata hinab - und scheint zugleich einem ungeheuerlichen Komplott auf die Schliche zu kommen: Führt Dr. Cawley mit Hilfe seines Kollegen Dr. Naehring (Max von Sydow) Gehirnoperationen auf der Insel durch? Schließlich klingt Naehrings Englisch ähnlich gebrochen und bedrohlich wie man sich das beim berüchtigten KZ-Arzt Mengele vorstellen würde. Gehirnwäsche ist ja ein weiteres großes Paranoia-Thema der fünfziger Jahre, und die CIA, so die Gerüchte, soll sich damals einiges der Nazi-Vorarbeit zu eigen gemacht haben.

Martin Scorsese hat mit "Shutter Island" einen Historienfilm gedreht - der allerdings fast komplett aus der der Bilderwelt des Kinos jener Jahre komponiert wurde. Und das macht ihn streckenweise zu einer doppelbödigen Angelegenheit. Der Regisseur nimmt die ziemlich klobige Krimi-Vorlage des "Mystic River"-Autor Dennis Lehane und verwandelt sie in eine wahre Pulp-Symphonie, in der sämtliche kollektive Traumata der Nachkriegszeit verhandelt werden: Das Kino als Zugang zum Unterbewusstsein einer Nation.

Inselurlaub, Gehirnwäsche inklusive: In dem Psychotrip finden sich unter anderem Motive aus Jacques Tourneurs Inselkollerschocker "I Walked with a Zombie", Sam Fullers grandios zerklüftetem Klappsen-Krimi "Shock Corridor" und Alfred Hitchcocks früher, suggestiver Nazi-Räuberpistole "Notorious". Der von DiCaprio verkörperte Held steckt also in einem Szenario fest, dessen Versatzstücke er möglicherweise alle mal hintereinander in einem seinerzeit weitverbreiteten Mehrfach-Feature im Kino gesehen hat. Die Selbstdefinition wird so zu einer Art cineastischem Quiz.

Auch wenn die Cineasten auf der Berlinale ordentlich was zu raten hatten, richtig gut angekommen ist "Shutter Island" bei den Filmfestspielen nicht. Man warf Scorsese unter anderem fehlende Logik und Eklektizismus vor. Wie ungerecht. Der Film, an dem der Regisseur ganze vier Jahre gebastelt hat, hat eine geradezu unglaubliche kompositorische Strenge: "Shutter Island" ist kein altkluges Zitatkino, kein postmoderner Anything-Goes-Zeitvertreib und erst recht kein plietsches Pointenwerk à la Finchers "Fight Club".

Denn an was können wir hier glauben, wenn wir die Welt aus der Perspektive eines schwer traumatisierten Mannes wahrnehmen? Selbst Teddy Daniels' Erinnerungen ans befreite KZ bleiben zweifelhaft. Zum einen ahmt Scorsese das trockene Idiom der US-Armee-Filmer nach, die direkt nach der Übernahme Dachaus die Leichenberge gefilmt haben, zum anderen wird immer wieder eine theatralisch überhöhte Rachephantasie von Daniels an einem SS-Oberen in die Handlung gerückt. Was ist Wahrheit, was Imagination?

Der 140-Minuten-Reigen, vielleicht der beste Film, den Scorsese seit "GoodFellas" gedreht hat, ist eine wahre Zumutung: Einerseits wird hier den historischen Wahrheiten in der Bilderwelt des klassischen Pulp Movies nachgespürt - und andererseits jede erinnerte Aufnahme in Frage gestellt. Das macht "Shutter Island" zu einer hoch schizophrenen Angelegenheit, zu Kino in seiner pursten und perfidesten Form.

 

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