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PRINZ - Juli 1997 Er ist der begabteste Shauspieler
seiner Generaton und drehte am liebsten Flops. Nach "Total Eclipse" will
Leonardo DiCaprio zurück zum Publikum von Silke Schütze Es war sein wunderbares Lachen. Heiser,
unbekümmert, den Kopf in den Nacken geworfen und in die Sonne blinzelnd. Und der
Speichel, der ihm dabei über das Kinn lief, nahm ihm nichts von seinem Charme.
Das Lachen von Johnny Depp´s behinderten Bruder in "Gilbert Grape - Irgendwo in
Iowa" machte Leonardo DiCaprio, 21, vor zwei Jahren weltberühmt. Er wurde für
den Oscar nominiert, von der Presse als genialische Antwort auf entrückte
Schönlinge wie Keanu Reeves stürmisch gefeiert; Drehbuchprojekte, die man ihm
anbot, erhielten über Nacht das Label "der neue Leonardo-DiCaprio-Film". Und
ganz Hollywood beobachtete die Schritte des neuen Golden Boys. Der jedoch kam
ins Stolpern. Drei Jahre nach "Gilbert Grape" muß sich DiCaprio ducken, um nicht
die Mütze "Kassengift" übergestülpt zu bekommen. Zugegeben, richtig furchtbare
Filme hat er nicht gemacht seither. Aber Filme, die das Publikum kalt
liessen. Der tödliche Schmerz der Sucht, der den
Drogenpoeten Jim Carroll durch die Strassen von New York treibt, war zu schwer
für seine schmalen Schultern. Der Neo-Western "Schneller als der Tod", in dem er
einen Nachwuchs-Revolverhelden mit Vater-Trauma spielt, war nicht nur wegen des
ständig über die Knabenhüften rutschenden Revolvergurts eine Lachnummer.
Und als Dichter Arthur Rimbaud in
"Total Eclipse" versteht man DiCaprios Faszination für die Person, nicht aber
dessen Leidenschaft für den älteren Dichter Verlaine. Der Film setzt ein, als
Rimbaud nach Paris kommt, um im arrivierten Verlaine (David Thewlis) einen
Mentor zu finden. Die beiden verlieben sich ineinaner - sagt das Drehbuch.. Aber
im Film springt kein Funke über, zwischen DiCaprio und dem Briten Thewlis. "Die
Szenen mit dem Geschlechtsverkehr machten mir nichts aus, aber mich ekelte vor
den Küssen", sagt DiCaprio. "Wir haben uns den Mund gespült, und ich achtete
darauf, daß keine Zungen ins Spiel kamen." Kein Wunder, daß über den
leidenschaftlichen Szenen von "Total Eclipse" stets der aseptische Duft von
Mundwasser zu liegen scheint. Die besten Szenen sind die, in denen DiCaprio
nicht den Liebhaber, sondern den verspielten Rebellen gibt, die Pariser
Bohemeszene schockt, wenn er auf das Manuskript eines aufgeblasenen Literaten
pinkelt oder beim Picknicken Äpfel mit seinen zerbrechlich wirkenden
Schultrblättern festhält. Schwierige "kleine Filme" hat sich
DiCaprio ausgesucht. Filme, in denen er sich ausprobiert. Filme, denen er nicht
gewachsen war: Seine bezaubernde Unschuld, die ihn in "Gilbert Grape" so
unwiderstehlich machte, entpuppte sich in den folgenen Filmen als Unreife. Wir
sehen immer wieder ein großes Talent, das ins Leere läuft. "Es gibt Legionen von
Schauspielern, die kurz auftauchen und wieder in der Versenkung verschwinden",
erklärt DiCaprio seine Rollenwahl. "Wenn du den schnellen Erfolg suchst, brennst
du viel schneller aus, als wenn du zurückhaltend bleibst und kleinere Filme
machst." In Hollywood jedoch definiert der Erfolg des letzten Filmes die
Qualität eines Schauspielers. Hier gibt es kein Verständnis für ein großes
suchendes Kind, das sich zur Einstimmung in dramatische Szenen einfach
vorstellt, seine Mutter würde vor seinen Augen verbrennen. Rimbaud schrieb: "Genug erlebt. Alle
Hemmungen des Lebens. Lärm und Gesichte. Abfahrt in der neuen Liebe und im neuen
Lärm und Gestank." DiCaprio lächelt in diese lebenssatte Melancholie hinein wie
ein trauriger Pfadfinder, der zwar ahnt, aber noch nicht versteht. Filme wie
"Total Eclipse" entsprechen der unerfüllten Sehnsucht eines jungen
Schauspielers, Film möge mehr sein als ein Geschäft und Popcorn. Vielleicht sind
es DiCaprios europäische Wurzeln (seine Mutter ist Deutsche, sein Vater
Italiener), die ihn die Defizite der knallbunten MTV-Kultur besonders
schmerzlich spüren lassen und ein Bedürfnis nach Inhalten, nach Bedeutung, nach
der künstlerischen Erfüllung wecken. Hier trifft sich DiCaprio mit Rimbaud,
dessen Ziel die vollkommenene Erfahrung, das Absolute war. "Rimbaud war eine der
wichtigsten Rollen meiner Karriere. Ich lebe mein Leben, indem ich dauernd über
die Konsequenzen nachdenke. Rimbaud hat mich gelehrt, mir keine Sorgen zu
machen, was andere über das denken, was ich tue." Vielleicht hat Rimbauds lässige
Selbstsicherheit DiCaprio die Angst genommen, ein Legionär im Heer der
Kommerzritter zu werden. Oder aber er hat seine um jeden Preis künstlerisch
anspruchsvolle Periode abgeschlossen. Läßt wie andere Jugendliche die Pubertät,
die Zeit der kompromißlosen Innerlichkeit und Sinnsuche, hinter sich und macht
sich auf zu neuen Ufern. Denn er bricht mit seinem Gebot der "kleinen Filme" und
steht ab Herbst bei dem 100-Millionen-Dollar-Projekt "Titanic" von "True
Lies"-Regisseur James Cameron vor der Kamera. "Und selbst wenn er seine eigenen
Visionen nicht mehr begreift, so hat er sie doch geschaut", porträtiert Rimbaud
sich selbst. Leonardo DiCaprio hat genug geschaut. Er will zurück zum Publikum.
Der Untergang der Titanic könnte der Neuanfang für den jüngsten Wilden von
Beverly Hills sein. * |