The Movieticket - by Magnus

 

"William Shakespeare´s Romeo und Julia" von Baz Luhrmann

 

“Shakespeare war absolut schonungslos. Es gab nichts, was er nicht getan hätte, um das Publikum bis zum letzten Augenblick bei der Stange zu halten." So der australische Regisseur Baz Luhrmann (Strictly Ballroom). Und ganz mit diesem Gedanken im Hinterkopf hat er den zahlreichen Shakespeare-Verfilmungen, die derzeit in unseren Kinos zu sehen sind, mit seiner Version von Romeo & Julia eine weitere hinzugefügt. Ein durchaus gewagtes Experiment, schließlich wurde kein Theaterstück Shakespeares so oft aufgeführt, verfilmt, adaptiert, persifliert, belächelt und sogar verspottet. Man muß schon einiges an Ideen und Können auffahren, um das Publikum hierfür noch begeistern zu können.

Zunächst muß das Publikum die Möglichkeit erhalten, sich mit den beiden Helden in irgendeiner Weise zu identifizieren. Luhrmann verlagert die Handlung daher vom mittelalterlichen Verona in Italien in eine mexikanische Küstenstadt gleichen Namens am Ende des 20. Jahrhunderts. Und scheinbar wie von selbst fallen alle Figuren und Umstände der Handlung an einen zeitgemäßen uns ohne weiteres nachvollziehbaren Platz: Zwei mafiaähnliche Familien bekriegen sich in kleinen die Nerven des Polizeipräsidenten zermürbenden Scharmützeln. Es geht um Gefälligkeiten, um Stolz, um Drogen, um das Imponiergehabe junger Männer - natürlich aber vor allen Dingen um die Liebe, die die beiden Kinder der Montagues und der Capulets für einander empfinden. Hier zeigt sich einmal mehr, wie zeitlos Shakespeares Werke tatsächlich sind, denn es bedarf nur dieses kleinen Kunstgriffs, damit sich jeder Zuschauer wieder in Figuren hineinversetzen kann, die vor über vierhundert Jahren erdacht worden sind.

Aber Luhrmann ist hiermit allein noch nicht zufrieden. Die Verlagerung der Szenerie in das Jetzt reicht ihm nicht aus, um sich sicher sein zu können, daß das Publikum seinen Film auch wirklich mögen wird. Sie ist allenfalls eine Basis, von der aus er arbeiten kann. Und er nutzt sie für ein ganzes Feuerwerk von Ideen, das inbesondere zu Beginn des Films in unglaublichem Tempo abbrennt. Es beginnt mit dem durch eine Nachrichtensprecherin ersetzten Chorus, geht weiter mit der Vorstellung der Haupt- und Nebenrollen im Stil einer Fernsehserie und findet seinen ersten Höhepunkt im Handgemenge zwischen Benvolio und Tybalt, bei dessen Ende eine ganze Tankstelle in Flammen steht und die Polizisten des Prinzen versuchen, von Hubschraubern aus wieder Ordnung in die Stadt zu bringen. Das alles läuft in einem schier unbeschreiblichem Tempo ab, das insbesondere durch viele kurze Schnitte, den häufigen Gebrauch des Zeitraffers und wilde Kamerafahrten hervorgerufen wird. Es gibt daher auch Kritiker, die zur Beschreibung dieses Stils, ja des ganzen Filmes nur drei Buchstaben gebrauchen: M T V. Aber wer MTV wirklich ab und an einschaltet, wird ohne weiteres erkennen können, daß es sich hierbei nur um eine sehr oberflächliche Ähnlichkeit handelt.

Dies umso mehr, als schon bald die Geschwindigkeit merklich nachläßt und Platz macht für die Erzählung der Liebesgeschichte. Spätestens hier wird man sich unweigerlich in den Erzählstil des Regisseurs verlieben, dessen Bilder oft zutiefst bewegend sind, weil sie genau die Gefühle einfangen, die man selbst aus seiner Jugend nur zu gut kennt, angefangen vom Streß mit den Eltern über das Bedürfnis nach Einsamkeit bis hin zu den Tag- (und Nacht-) Träumereien. Ohne Zweifel ist vieles davon bereits bei Shakespeare angelegt. Aber man wird es wohl nicht oft so eindringlich dargestellt, so auf die Spitze getrieben sehen wie hier. Es ist eine furiose Mischung aus Anmut, aus Kitsch, aus Lust, Lärm und Liebe, die da über einen hereinbricht und einen erbarmungslos mitreißt.

Bei alldem darf man nicht vergessen, daß man zwar eine ganze Menge mit Shakespeares Stücken anstellen kann, daß es aber eine ziemlich klare Grenze gibt: Man kann Shakespeare nicht mit schwachen Darstellern wirkungsvoll inszenieren. Wer nun stellt die beiden fast völlig ausgelutschten Charaktere dar ? Zwei leidlich bekannte Schauspieler. Leonardo DiCaprio, einem breiten Publikum allenfalls durch Gilbert Grape bekannt, und Claire Danes, die - mangels entsprechender Zuschauerzahlen - vermutlich niemandem sonderlich aufgefallen sein wird in der Verfilmung von Little Women (Betty und ihre Schwestern). Werden sie ihrer Aufgabe gerecht ? In jedem Fall. Mehr als das. DiCaprio spielt Romeo mit einer wunderbar ungezwungenen, lässigen Ernsthaftigkeit, die genug Platz bietet für die notwendige jugendliche Naivität. Claire Danes wiederum überzeugt insbesondere durch ihr zurückhaltendes Spiel, das bisweilen fast nur aus Mimik zu bestehen scheint, mit der sie alle Emotionen von verzweifelt bis ekstatisch wirkungsvoll zu vermitteln vermag.

Dann gibt es noch eine ganze Reihe sogenannter Nebenrollen. Neben Pete Potlethwaite als Bruder Lorenzo (Friar Laurence) überzeugen hier insbesondere die Darsteller des Mercutio und des Tybalt. Von beiden habe ich zuvor noch nie gehört, aber man sollte sich ihre Namen merken (Harold Perrineau Jr und John Leguizamo). Es ist ein besonderes Vergnügen, ihnen zuzusehen, das allein schon das Geld für die Kinokarte wert wäre.

Am Ende verläßt man das Kino aufgewühlt, bewegt, in jedem Fall aber überaus nachdenklich und beeindruckt von einer Unzahl atemberaubender Bilder und in der Hoffnung, daß man so gelungene Filme noch öfter sieht.

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