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Kritik aus "Die 100 besten Kultfilme", Hg.: Ronald
M. Hahn & Volker Jansen, Heyne Filmbibliothek 1998 William Shakespeare´s Romeo &
Juliet Baz Luhrmanns Verfilmung des 400 Jahre
alten Theaterstücks von William Shakespeare (Erstdruck 1597) erzählt die
weltberühmte Geschichte von Romeo und Julia in hypermodernen Bildern, hält
jedoch an der poetischen alten Sprache fest (in der amerikanischen
Originalversion noch eindrucksvoller, da die verschiedenen Akzente der Figuren
eigene Färbungen geben). Das Film-Verona ist eine lateinamerikanische Megacity,
geknechtet von greller Sonne, unschwer als Mexico City auszumachen, über dessen
Häusermeer statt Nachtigallen Helikopter kreisen. Das Haus der Capulets,
Schauplatz des Festes und der ersten Liebe, ein postmodernes Dornröschenschloß
voll innenarchitektonischer Exzesse: Im Inneren eine Doppeltreppe, wie
geschaffen für musikalische Einlagen und andere übertriebene Auftritte; ein
verschachtelter Swimmingpool, von Lichterketten beglitzert, von aller Statuetten
und Riesenmuscheln umgeben, wie selbstvertändlich von Videokameras überwacht;
die Vorräume der Damen- nud der Herrentoiletten durch ein riesiges Aquarium
getrennt, das bei naher Betrachtung Durchblicke trotz blau- und orangefarben
leuchtener Fische erlaubt. Hierdurch sehen sich Romeo und Julia erstmals, und es
scheint, daß ihre Liebe von Anfang an auf Wasser gebaut ist. Diese neureiche Geprotze verdient einen
Widerpart. "Sycamore Grove" ist ein ziemlich häßlicher Strand mit billigen
Bretterbuden und einem verfallenen (Film-)Theater, desen Leinwand zerstört,
nicht vorhanden ist und daher den Blick auf Strandleben und Meer freigibt. Hier
spielt das Leben, romantisch wie morbide, mit schönen Sonnenaufgängen und von
immer wehenden Winden bewegten Wellen und Wolken. Hierhin zieht sich Romeo zum
morgendlichen Grübeln zurück, hier finden Wort- und andere Gefechte statt,
zwischen den verfeindeten Banden letztendlich mit tödlichem Ausgang. "Luhrmanns
Romeo und Julia ist vor allem ein visuell-akustisches Spektakel. Der Film
entwickelt einen inszenatorischen und auch musikalischen ... Drive, gegen den
Evita wie eine brave Theaterverfilmung aussieht. Schwelgt dermaßen in Romantik,
daß jeder Kitschvorwurf lächerlich wäre. Und kommt dann knallhart zur Sache.
Irgendwie klappt das." (Silvia Hellensleben, EPD Film) In diesem Sinne ist Romeo
und Julia auch ein Musical mit einem phantastischen Soundtrack. Die Musik ist
stets Kommentarebene, von ironischen Choralgesängen über gefühlvolle Popballaden
bis zu alternativer Rockmusik und den schwermütigen Wagner-Zitaten. Den Auftriit
Mercutios als tanzender Transvestit hätte Freddie Mercury nicht besser geben
können. Überhaupt erscheint vieles als Tanztheater, die Kampf- und Autoszenen
zum Beispiel, aber auch der hysterisch-exzentrische Auftritt von Julias Mutter
vor dem Kostümfest, dann die Unterwasserszenen der Verliebten im
Swimmingpool. "Die überbordende Fülle der Details
beschäftigt die Wahrnehmungskapazitäten des Zuschauers. Speziell für den
Shakespeare-Kenner hat der Regisseur allerlei Zitate eingebaut: ein
heruntergekommenes Kino heißt "Globe Theatre", der Imbißstand am Strand
"Rosencrantzky´s" und für "Prospero Whisky" wirbt eine Reklametafel. ...
Luhrmanns Konzept geht insgesamt durchaus auf, manchmal sehr überzeugend wie in
der Szene, als Romeo vergeblich versucht, Julias Cousin Tybalt ohne Gewalt zu
begegnen, während dieser in der vermeintlich unmännlichen Haltung nur eine
Provokation sieht. Nicht voll überzeugen kann die Liebesgeschichte, die zu sehr
als eine kindlich-unschuldige Teenager-Schwärmerei erscheint." (Peter Hasenberg,
FILMDIENST) Gerade der letzte Aspekt dürfte den Erfolg des Films in Deutschland
ausgemacht haben. Im Februar/März starteten in der Bundesrepubblik gleichzeitig
mit Romeo und Julia Erfolgsfilme wie Der englische Patient, Fräulein Smillas
Gespür für Schnee, Knocking on Heaven´s Door, die allesamt hohe Zuschauerzahlen
erreichten. Sieht man sich ein halbes Jahr späer die Kinowerbungen der
Großstadtzeitungen an, fällt auf, daß alle Filme aus dem Angebot verschwunden
sind. Ausnahme: Romeo nud Julia läuft und läuft, 22, 24, 26 Wochen, immer in
kleinen Nebenkinos der Kinopaläste. Das Publikum: Teens, meist weiblich,
empfänglich für unschuldige Schwärmereien und hektische, grell garnierte
Popkultur, dazu zwei Kultstars ihrer Generation: "... die tollen Hauptdarsteller
Claire Danes und Leonardo DiCaprio bringen es fertig, daß man auch diesmal beim
traurigen Ende Rotz und Wasser heulen muß." (Kalle und Nick, YOUNG MISS)
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