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Kritik von Jens Jessen (aus irgendeiner
Tageszeitung ..) Die Schönheit der
Resignation Die Geschichte von Romeo und Julia ist
die Urgeschichte aller Teenager-Tragödien. Darum kann Baz Luhrmann sie so
umstandslos aus der verwahrlosten Adelsgesellschaft des italienischen
Cinquecento in die lateinamerikanische Mafia-Gesellschaft des zwanzigsten
Jhrhunderts übersetzen. Es ist nicht nötig, die historischen Parallelen
ausdrücklich zu ziehen; obwohl der Film ohne Frage nebenbei ein düsteres Bild
sozialer Dekadenz und Rechtlosigkeit im Spätkapitalismus entwirft. Er tut es
aber nur nebenbei, und nur nebenbei werden jugendliche Zuschauer darin auch die
Urbilder ihrer eigen Cliquenkämpfe erkennen. Vor allem werden sie das Urbild ihrer
Gefühlslagen erkennen. Es hat sich seit Shakespeares Tagen wunderbarerweise
nicht verändert. "Romeo und Julia" enthält die Rebellion gegn die Welt der
Eltern (hier der Familienfeindschaft), die Unbedingtheit der ersten Liebe, die
trotzige Entdeckung des eigenen Weges, schließlich die tödliche Erkenntnis, daß
alle Liebesrebellion vergebens sein kann und an der schrecklichen
Unerschütterlichkeit der Erwachsenenwelt zuschanden geht. "Romeo und Julia" ist keine aufbauende,
schon gar keine mutmachende Geschichte. Sie enthält als Trost nur das süße Gift
des Selbstmords; auch dies übrigens seit alters ein fester Bestandteil des
jugendlichen Seelenhaushalts. Jene letzte Szene, in der sich Romeo vergiftet,
eigentlich nur wegen einer Kette dummer Zufälle und Mißverständnisse, und Julia
darob zur Pistole greift, hat etwas ungeheuer Verlockendes, wunderbar
Friedliches, obwohl es im Film eher gestelzt wirkt. Es ist aber der Frieden der
großen Resignation, der größer ist als alle Kunst und darum auch das
künstlerisch Mißglückte noch triumphal durchbricht. Wohl fragt man sich, warum die
Mißverständnisse nicht aufklärbar sein sollten, warum die Katastrophe durch ein
Versagen der Post kommen muß, und könnte daraus auf einen schlecht konstruierten
Plot, eine dramatische Verlegenheitslösung schließen. Doch liegt gerade in dem
zufälligen, schlecht motivierten Doppelselbstmord die Pointe. Wer so viel
durchgestanden, gewagt und verloren hat, der mag nun einmal irgendwann nicht
mehr; vor allem nicht hoffen. Es ist genug. Auch Mißverständnisse
will man nicht mehr aufklären und Zufälle nicht mehr meistern. Im unaufgeklärten
Mißverständnis liegt selbst schon eine gewisse bittere Süßigkeit, und sie läßt
sich im Selbstmord noch gewaltig steigern. Auch dies ist ein pubertärer Gedanke,
gewiß; aber vor den großen Leidenschaften und Katastrophen ist der Mensch nun
einmal immer pubertär. Der Film, der auf der Berlinale seine Premiere hatte und
jetzt in die Kinos kommt, ist ein Klassiker; auch für Erwachsene. * |