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Berliner Zeitung - 26.07.2010


Spannend und intelligent:
Christopher Nolans Thriller "Inception" spielt mit Vorstellungsräumen

 

Träumt was Schönes!

von Anke Westphal

Das Schluchzen war leise, aber unüberhörbar. Der Kollege neben mir war in Tränen ausgebrochen, was insofern bemerkenswert schien, als wir weder in einem französischen Melodram noch in einem britischen Tierfilm saßen. Nein, gezeigt wurde ein Hollywood-Blockbuster: "Inception", der neue Film des Regisseurs Christopher Nolan. Und der Mann auf dem Nachbarsitz weinte auch nicht aus Verzweiflung oder Wut darüber, wie heruntergekommen das US-amerikanische Großkino sei. Er weinte offensichtlich, weil er so ergriffen war von der Schönheit und Komplexität, aber auch der tiefen Schwermut, die diesem Film zu eigen ist. Wer nur Herablassung aufbringt für das US-amerikanische Unterhaltungskino, sollte sich "Inception" anschauen. Er wird sein Urteil revidieren müssen und sich noch lange nach dem Verlassen des Kinos wundern. Etwa darüber, dass Hollywood so ein Risiko finanziert hat. Denn "Inception" (dt.: Anfang) ist ein erzählerisch komplizierter Film, was man von Nolan (u. a. "Memento", "Prestige") auch nicht anders erwartet.

Grob vereinfacht geht es hier um einen Mann, der im Auftrag von Firmen oder mächtigen Einzelpersonen Gedanken stiehlt. Dom Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, ist der beste "Extractor" einer blühenden Zukunftsbranche. Ein letzter Job soll ihm die Rückkehr zu seinen Kindern in die USA ermöglichen, wo er gejagt wird, seit er im Verdacht steht, seine Ehefrau getötet zu haben. Was er natürlich nicht getan hat. Der japanische Gangsterboss Saito betraut Cobb nun mit einer besonders schwierigen Aufgabe: Er soll dem Alleinerben eines Milliardenimperiums keinen Gedanken stehlen, sondern ihm vielmehr einen einpflanzen. Robert Fischer jr. soll dahin gebracht werden, den Megakonzern seines Vaters zu zerschlagen - und dabei zu glauben, das wäre seine eigene Idee. Der Stratege Cobb, seine rechte Hand Arthur, der Drogenspezialist Yusuf und die Traumarchitektin Ariadne arbeiten bald gemeinsam daran, Robert Fischers Gedankenwelt zu erobern.

Dabei werden unaufhörlich die Ebenen gewechselt. Mal sind die Figuren des Films in der Realität zugange, mal in irgendeinem Traum, und mal drängen sich ihnen die Schatten einstiger traumatischer Erfahrungen auf, was wiederum ihre aktuelle Arbeit sabotiert. Dass der Zuschauer dabei ziemlich durcheinander kommt, macht gar nichts - schließlich sehen die Helden von "Inception" auch nicht immer durch: "In welchem Traum sind wir jetzt eigentlich?" fragt Ariane ihren Chef einmal genervt. Vom Unterbewusstsein ist in der deutschen Synchronfassung immer die Rede. Unterbewusstsein? Geht es nicht um das Unbewusste? Liebe Psychiater, klinische Psychologen und Psychotherapeuten, begriffstechnisch bitte nicht so kleinlich sein! Wichtiger ist doch, dass man sich in diesem Film mit einem altmodischen Gitterfahrstuhl von Bewusstseinsebene zu Bewusstseinsebene bewegen kann. Das ist doch toll und sieht hübsch aus! Was auch geschieht, "in Wirklichkeit schlafen wir", sagt Cobb zu Beginn von "Inception". Aber in diesem Schlaf erlebt man unerhörte Dinge. Da sitzen Cobb und Ariadne etwa in einem Straßencafé in Paris, und plötzlich stürzen die Mauern um sie herum ein, und der Boden öffnet sich - weil ein Traum zerplatzt: der von diesem Augenblick in Paris. Plötzlich schwenken unendliche Treppen in den Himmel, um alsbald die Richtung zu wechseln. Und dann faltet sich die Ansicht von Paris aus der Vogelperspektive zusammen oder klappt vielmehr aufeinander - und der Mund steht einem offen.

Hochintelligent spielt Christopher Nolan mit unseren Begriffen der Dimensionen, mit dem Verhältnis von Zeit und Raum. Indem er seine filmischen Räume immer wieder unerwartet neu als Vorstellungs-, Denk- oder Traumräume ausrichtet und sie dabei ineinander verschachtelt, stellt dieser Regisseur grundsätzliche Fragen. Und die reflektieren nicht nur das Medium Film und das Handwerk des Spielleiters, sondern zielen gleich ganz aufs Erkenntnistheoretische: In welcher Wirklichkeit existieren wir? Kann man sie überhaupt erkennen? Und gestalten? Wie manipuliert man andere am besten? Wie verwandelt man also politische oder ökonomische Strategien in Gefühle? Und wie verändern wir uns selbst dabei? Die Zukunftswelt, die "Inception" entwirft, ist ebenso anziehend wie beunruhigend: ein von C. G. Jung und A. R. Penck inspiriertes Universum, das vollgestellt ist mit dem alten psychologischen Gepäck, Projektionen, Erinnerungen, Traumata. Letztlich handelt dieser Film davon, die rätselhafteste menschliche Ressource zu erschließen: das Unbewusste. Wo alles entschlüsselt und reproduzierbar ist, finden sich hier die letzten Unberechenbarkeiten. Zu all dem fällt Christopher Nolan unerhört viel und sogar Lustiges ein. So wird man hier etwa seine Projektionen am besten mit der Schusswaffe los: einfach umlegen, die lästigen Dinger, wobei sich eine weißlackierte Knarre optisch viel besser macht als andere Waffen, seien wir doch mal ehrlich!

"Inception" bietet die atemberaubendsten, perfektesten Action-Szenen, die man seit Langem sah im Kino. Und jede noch so kleine Rolle ist auf den Punkt besetzt, jede Figur durchdacht: DiCaprio gibt einen Helden, der gegen eigene Dämonen kämpfen muss; Cillian Murphy macht Robert Fischer jr. zum androgynen Zweifler. Mit Joseph Gordon-Levitt als Arthur wurde einer der besten Indie-Stars gewonnen. Dies also ist das Kinoereignis des Sommers, auf das wir gewartet haben. Dass Christopher Nolan in Hollywood Narrenfreiheit genießt, seit sein Batman-Film "The Dark Knight" Milliarden einspielte - davon profitieren wir nun alle. Christopher Nolan zeigt uns, was für ein Traum das Kino sein kann.

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Inception USA 2010. 148 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre. Drehbuch & Regie: Christopher Nolan Kamera: Wally Pfister Darsteller: Leonardo DiCaprio, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page, Tom Hardy, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Marion Cotillard, Michael Caine und andere. Ab Donnerstag im Kino.

 

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