GQ - Februar 2005

INTERVIEW

 

 

Martin Scorsese über Howard Hughes, Ava Gardener, Leonardo DiCaprio, Kate Beckinsale, Gwen Stefani, Jude Law, Cate Blanchett und: seine Tochter

 

 

Sie feiern in "Aviator" einen Flugzeugfreak. Fliegen Sie gern?

Im Gegenteil ! Ich verwandle mich in ein Nervenbündel, wenn ich in eine Maschine steige. Deshalb hat mir mein Manager das Drehbuch ohne Titelblatt geschickt. Er befürchtete, ich würde es gar nicht lesen, wenn ich sehe, dass es von der Luftfahrt handelt.

Warum haben Sie es dann nicht gleich weggelegt als Sie merkten, worum es da geht?

Weil Howard Hughes nicht nur in Flieger war, sondern auch ein visionärer Designer und Unternehmer - und vor allem ein kompromissloser Regisseur. Sein "Hell's Angels" ist einer der spektakulärsten Kriegsfilem aller Zeiten. Und er nahm sich drei Jahre Zeit dafür. Ich wünschte, ich könnte mir so etwas mal leisten.

Der Mann investierte dafür sein eigenes Geld, Sie arbeiten mit dem Geld anderer Leute.

Und gerade deshalb fasziniert mich Hughes so sehr. Er war von allen unabhängig.

Hatten Sie Bedenken, Leonardo DiCaprio eine so gewichtige Rolle spielen zu lassen?

Moment ! Erstmal war "Aviator" Leos Projekt. Er hat den Film produziert, ohne Leo hätte ich ihn nicht machen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Aber es gibt auch eine physische Ähnlichkeit. Das fiel mir sofort auf, als ich Fotos von Hughes in jungen Jahren mit Leo verglich: beide groß und schlaksig, ähnliche Frisur. Wir mussten nur mit ein bisschen Make-up arbeiten und bekamen eine sehr glaubhafte Version von Hughes hin.

So weit die Äußerlichkeiten. Wie ging DiCaprio die Rolle an? Immerhin war Hughes auch ein tragischer Mensch, der sich in seinen Zwangsneurosen verlor.

Natürlich fiel Leo die Rolle nicht leicht. Aber er musste ja die Tragik nicht am eigenen Leib erlebt haben, er konnte sich in bestimmte Situationen hineinversetzen. Wie fühlt es sich an, wenn man nicht aufhören kann, einen Satz zu wiederholen? "Bringen Sie die Milch herein. Bringen Sie die Milch herein." Hughes sagte solche Sachen 20 Mal hintereinander. Und Leo konnte sich in den Mann hineinversetzen.

"Aviator" zeigt ein Panoptikum von legendären Berühmtheiten. Cate Blanchett etwa spielt Katherine Hepburn, obwohl sie gar nicht so aussieht.

Das sollte sie auch gar nicht. Aber sie übernahm Hepburns Charakter bis in die kleinste Nuance und fand dafür eine Körpersprache, die ihr angemessen war. Die Idealbesetzung.

Sie haben also nicht gezielt nach Doppelgängern gesucht?

Es gab nur einen einzigen Fall, wo ich jemand nach äußerliche Kriterien besetzt habe. Ich war unterwegs zu meinem Schneidetisch, als mir an einem Kiosk ein Modemagazin ins Auge stach. Auf dem Cover war Gwen Stefani mit ihren hellblonden Haaren. Ich kannte sie nicht, aber ich dachte, die sieht genau aus wie Jean Harlow - die ja durch "Hell's Angels" zum Star wurde. Ich rief auf der Stelle meine Castingagentin an: "Komm zum Kiosk undf schau dir das an !"

Kate Beckinsale, die Ava Gardener spielt, hatte es da schwerer. Sie musste erst mal Testaufnahmen absolvieren.

Ich war aber sofort von ihr begeistert. Ich hatte ihr ein Video von John Fords "Mogambo" gegeben. Sie sollte sich ansehen, wie Ava Gardener in dem Film mit Clark Gable umspringt. Und genau diese Power strahlte Kate beim Test aus. Sie hatte sich ein bisschen wie Ava Gardener zurechtgemacht, aber sie äffte sie nicht nach. Sie schlüpfte einfach in ihren Charakter.

Wie lief es mit Jude Law?

Er kam auf einen schnellen Termin vorbei. Ich sah sofort, dass er die Flynn-Masche draufhatte: den harten Typen mit den zusammengepressten Kiefern. Ehrlich gesagt, fiel die Entscheidung auch deshalb nicht so schwer, weil die Rolle ganz klein war.

Wie wichtig war Ihnen die historische Genauigkeit?

"Aviator" ist kein Dokumentarfilm. Wenn ich jede wichtige Tatache aus Hughes' Leben eins zu eins wiedergegeben hätte, wäre daraus niemals ein Film geworden. Dem Drehbuchautor John Logan und mir ging es darum, Hughes' Persönlichkeit zu vermitteln. Anstatt alle seine Frauengeschichten zu zeigen, konzentrierten wir uns auf zwei der wichtigsten, Katherine Hepburn und Ava Gardener. Und dann zeigen wir, wie er sich seine eigene Traumfrau schaffen will, indem er eine 15-Jährige unter Vertrag nimmt und sie nach seinen Vorstellungen formt.

Wo gehen im Film Geschichte und Erfindung auseinander?

Hughes hat zum Beispiel einem Klatschjournalisten Paparazzi-Aufnahmen von Katherine Hepburn und Spencer Tracy abgekauft. Tatsächlich half er der Hepburn, die Rechte an einem Stück zu kaufen, mit dem sie dann ihren kommerziellen Durchbruch erlebte. Aber wir erfanden die andere Geschichte, weil wir die aufrichtigen Gefühle zwischen ihnen zeigen wollen. Der Rechtedeal hätte keine Emotionen transportiert. Historisch korrekt ist dagegen Hughes' Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss des Senats. Davon existieren Originalaufnahmen.

Nur einen idealen Darsteller für diesen Film haben Sie übersehen.

Was? Wen?

Sich selbst. Als besessener Regisseur haben Sie doch sehr viel gemein mit Howard Hughes.

Na ja, ganz so exzentrisch wie der arme Mann bin ich nicht. Ich habe zwar schon Phasen von Paranoia erlebt, aber das lag wohl eher am Schlafmangel.

Muss man als herausragender Künstler ein Exzentriker sein?

Das glaube ich nicht. Zumindest haben mir meine Probleme nie bei der Arbeit geholfen.

Sie galten lange als ziemlich verrückt. Sind Sie jetzt normaler als früher?

Kann man so sagen. Bis Anfang der 90er war ich von früh bis spät damit beschäftigt, Bilder auf die Leinwand zu bringen oder sie mir dort anzusehen. Aber der Zwang hat nachgelassen. Ich habe mehr Zeit. Ich lese Bücher, das habe ich früher nie geschaftt. Und ich kann mich um meine Familie kümmern.

Woher der Sinneswandel?

Erst mal muss ich nicht mehr so viele Filme sehen. Die wichtigsen kenne ich inzwischen und bei neuen warte ich ab, was mir Freunde empfehlen. Außerdem bin ich verheiratet und habe eine fünfjährige Tochter. Die bringt mir den Sinn für Realität bei. Sie hat ihr Zimmer auf dem gleichen Gang wie ich mein Büro. Wenn ich mein Stereoanlage auf vollen Touren laufen lasse, klopft sie an meine Tür und sagt: "Papa, warum ist die Musik so laut?" Oder sie schimpft: "Warum musst du am Telefon so schreien?" - "Weil ich über Filme rede." - "Kannst du nicht endlich kommen und mir meine Schnürsenkel binden?" Und genau das mache ich dann. Es gibt tatsächlich wichtigere Dinge als Kino.

Das Interview führte Rüdiger Sturm

 

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