TV Spielfilm - Februar 2003

 

Das alte Amerika

Eine einzige große Schlägerei und ein gewaltiger Film: In Gangs of New York erzählt Martin Scorsese aus der wilden Zeit seiner Stadt

 

Von Volker Bleek & Scott Orlin

 

Am 16. Juni 1977 erschien im Hollywood-Branchenblatt "Variety" eine doppelseitige Anzeige, die "Gangs of New York" als neuen Film von Martin Scorsese ankündigte. Es sollte 23 Jahre dauern, bis es soweit war. Am 18. September ließ Kameramann Michael Ballhaus im geschichtsträchtigen Filmstudio Cinicittá bei Rom die ersten Meter Film durch seine Kamera laufen. Das Abenteuer "Gangs of New York" hatte begonnen.

New York, 1846: Im Slumviertel Five Points sieht der junge Amsterdam Vallon mit an, wie sein Vater (Liam Neeson), den alle nur "Priest" nennen, vom Anführer einer gegnerischen Gang ermordet wird.Sechzehn Jahre später kehrt Amsterdam (Leonardo DiCaprio zurück - bereit, Rache zu üben. Der Mörder seines Vaters ist der allmächtige Herrscher über die Five Points, William "Bill the Butcher" Cutting (brillant: Daniel Day-Lewis, der für den Film aus dem "Ruhestand" zurückkam). Der Schlächter lässt keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hat: "Du bist Amsterdam? Erfreut, ich bin New York !" Er weiß, wie es läuft: "Hier schuldet jeder jedem etwas, und jeder bezahlt irgendwann dafür."

Amsterdam führt die Gang "Dead Rabbits" in die New Yorker Grabenkämpfe, an denen alle beteiligt sind, vom korrupten Polizisten bis zum berechnenden Lokalpolitiker, der auch mal die freiwillige Feuerwehr zu Brandstiftern macht. Die Mobilmachungskampagne der Regierung, die für den nahenden Bürgerkrieg rüstet, führt zu weiteren Unruhen. Auch Amsterdam, der inzwischen der geheimnisvollen Taschendiebin Jenny Everdeane (Cameron Diaz) näher gekommen ist, muss sich für eine Seite entscheiden.

Irgendwann Anfang der Siebzigerjahre stolperte Martin Scorsese, der im New Yorker Stadtteil Queens zur Welt kam, über das Buch "Gangs of New York", geschrieben im Jahr 1928 von Herbert Asbury. Scorsese war fasziniert von der nüchternen Schilderung der schillernden Entwicklung seiner Heimatstadt; am liebsten hätte er das Buch gleich nach "Taxi Driver" (1976) verfilmt. Doch daraus wurde nichts. Gangs of New York" blieb immer in Scorseses Gedächtnis, war sein "Pet Project", sein Traum. "Jahrelang habe ich versucht das Projekt zu beleben, aber ich habe, ehrlich gesagt, nicht mehr dran geglaubt, dass daraus noch etwas werden könnte."

Der Regisseur hat auch eine Erklärung dafür, warum seine Anläufe immer wieder scheiterten: "Irgendwann änderte sich das Wesen der ganzen Industrie. Die Vision eines Einzelnen umzusetzen, wie wir es aus den Siebzigerjahren kannten, wurde zu kostspielig. Die Tage eigenwilliger Regisseure wie mir waren vorbei."

Das Interesse zweier sehr unterschiedlicher Männer sorgte dafür, dass sein Traum doch noch wahr wurde: Harvey Weinstein, Boss des New Yorker Filmstudios Miramax, und Leonardo DiCaprio, Superstar aus Hollywood. "Ich drehte gerade 'Bringing out the Dead'", erinnert sich Scorsese, "da kam DiCaprios Agent zu mir und meinte, er wolle mit mir arbeiten. Als Leo interessiert war, waren plötzlich auch die Studios wieder interessiert."

Was den ambitionierten Jungstar mit den deutschen Wurzeln an dem Epochenpanorama gereizt hat, ist ein typisch amerikanischer Reflex: die plötzliche Entdeckung der eigenen Geschichte. "Über die Zeit wusste ich so gut wie gar nichts", bekennt der "Titanic"-Star. "In meinen Büchern in der Schule stand jedenfalls nichts über die Aufstände, die zu den größten in unserer Geschichte gehören. Das war eine Zeit, die die Geschichtsschreibung lange vergessen hat."

Präsenter als die Historie war dem Schauspieler dafür der Zeitgenosse Scorsese. "Ich war 17 Jahre alt, als ich das erste Mal von diesem Projekt hörte. Und - das ist nicht übertrieben - ich war besessen davon, mit Marty zu arbeiten."

Als DiCaprio an Bord war und die "Gangs" das "Go" bekamen, begannen allerdings die Probleme erst richtig. Mit dem bulligen Weinstein, in der Branche ebenso für seine Begeisterungsfähigkeit wie für seine Rücksichtslosigkeit bekannt, gab es Reibereien. Die Dreharbeiten zogen sich in die Länge, das Budget kletterte von 80 auf 100 Mio. Dollar, und als Scorsese seine erste Version von fast vier Stunden Dauer vorführte, ordnete Weinstein Kürzungen an. Was in etwa so ist, als würde Franz Beckenbauer seinem Trainer Hitzfeld zwar die Mannschaftsaufstellung überlassen, wer eingewecheselt und wie lange gespielt wird, läge aber beim Präsidenten. Regisseur und Produzent gingen auf Konfrontationskurs.

Die Anschläge des 11. September sorgten für die nächste Verzögerung, und Scorsese wurde nicht rechtzeitig fertig, um den Film noch ins Rennen um den Oscar zu schicken, ein Preis, der dem Regisseur noch fehlt. Wieder hieß es ein Jahr warten, auch für die deutschen Geldgeber, die rund 65 Mio. Dollar in den Film investierten.

Jetzt ist er da, und das Warten hat sich gelohnt. "Gangs of New York" ist ein gewaltiges (und gewalttätiges) Epos, eine schicksalsschwere Geschichte von Rache, Hass, Liebe und Ehre. Wenn man Scorsese überhaupt etwas vorwerfen mag, dann, dass Schauspieler und Story manchmal von der monumentalen Ausstattung erdrückt werden. Darunter leidet die sonst unverwechselbare Handschrift des Filmemachers.

Der Film endet mit der sich im Zeitraffer aufbauenden Skyline New Yorks, über dem Abspann läuft der etwas schmachtende Songs "The Hands that Built America" von U2, und dann hört man nur noch die vertrauten Straßengeräusche aus dem heutigen New York. Genial.

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