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Kate Winslet im Interview zu „Zeiten des Aufruhrs“

 

 

„Also her damit!“

Onkel Leo, die Eitelkeit und entspannte Nacktszenen

von Ulrich Lössl

Für Kate Winslet war „Zeiten des Aufruhrs“ etwas ganz Besonderes: Elf Jahre nach „Titanic“ stand sie wieder mit Leonardo DiCaprio gemeinsam vor der Kamera, und der Regisseur war niemand anderes als ihr Ehemann Sam Mendes („American Beauty“). Ganze fünf Mal wurde die 33-jährige Britin schon für den Oscar nominiert - so auch für die Rolle der April Wheeler in „Zeiten des Aufruhrs“. Anfang des Jahres bekam sie ihn dann - allerdings für eine andere Rolle.

 

GLAMOUR: Ist für Sie als Schauspielerin der Oscar die ultimative Belohnung?

Kate Winslet: Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich ihn nicht sehr, sehr gerne hätte. Für jeden Filmschauspieler ist der Oscar sicher die wichtigste Trophäe, die das Filmbusiness zu vergeben hat. (Lacht) Also her damit! Aber er ist sicher nicht alles.

GLAMOUR: Sie waren fünf Mal für den Oscar nominiert - und haben ihn nie bekommen…

Kate Winslet: …oh ja, ich weiß sehr gut, was da in einem vorgeht!

GLAMOUR: Gehören diese „zehn Sekunden danach“ zu Ihren größten schauspielerischen Leistungen?

Kate Winslet: (Lacht) Ein gewisses Schauspiel-Training hilft einem da sicher über die Runden. Aber letztlich ist alles ja doch nur eine große Show. Bei der ich allerdings jedes Mal total nervös bin. Schon wenn ich über den roten Teppich laufe. Bei der letzten Oscar-Verleihung bin ich meiner Mutter in der ganzen Hektik voll auf den Rocksaum getreten. Ich werde mich künftig hoffentlich besser im Griff haben.

GLAMOUR: Vielleicht sollten Sie diesmal lieber mit Leonardo DiCaprio über den roten Teppich gehen. Er hält Sie übrigens für die beste Schauspielerin Ihrer Generation.

Kate Winslet: Das würde ich nie von mir sagen. Aber es ist wirklich süß, dass Leo das von mir behauptet. Auf Leo trifft das aber auf jeden Fall zu. Mir fällt niemand in seinem Alter ein, der ihm das Wasser reichen könnte. Uns verbindet aber viel mehr, als nur die Schauspielerei: Seit den Dreharbeiten von „Titanic“ sind wir echte Freunde. Meine beiden Kinder nennen ihn sogar Onkel Leo.

GLAMOUR: Warum haben Sie beide eigentlich so lange gewartet, bis Sie wieder einen Film zusammen gemacht haben?

Kate Winslet: Nach „Titanic“ wollte man uns ja zum neuen „Hollywood-Traumpaar“ hochjubeln, aber das war mit uns – Gott sei Dank - nicht zu machen! Nach all dem Wirbel war Leo und mir sonnenklar: Sollten wir je wieder gemeinsam vor der Kamera stehen, dann nur, wenn es etwas ganz Besonderes wäre. Und bei „Zeiten des Aufruhrs“ war es dann endlich soweit. Ich habe Leo das Drehbuch geschickt, er hat es gelesen und binnen einer Woche zugesagt. Drei Monate später haben wir mit dem Drehen begonnen.

GLAMOUR: Dem Film wurde von manchen Kritikern vorgeworfen, dass er kein gutes Haar an der Ehe lässt und Vorstadt-Bashing betreibt. Wie stehen Sie dazu?

Kate Winslet: Ich fürchte, dass diese Herren Kritiker weder das Buch noch den Film begriffen haben. Das ist doch viel zu kurz gegriffen. Die Probleme, die Frank und April Wheeler haben, sind in ihren Persönlichkeiten begründet, in ihrer Unfähigkeit ihre Träume tatsächlich zu leben und sich mitzuteilen. Sie reden zwar viel miteinander, kommunizieren aber nicht mehr wirklich. Das passiert nicht nur Eheleuten und Vorstädtern. Das ist universal. Ganz abgesehen davon: Ich glaube an die Ehe! Ich bin schließlich schon über sieben Jahre mit Sam verheiratet.

GLAMOUR: War es nicht seltsam, als Ihr Mann die Liebesszenen mit Ihnen und Leonardo DiCaprio gedreht hat?

Kate Winslet: Überhaupt nicht. Wir sind schließlich erwachsene und aufgeklärte Menschen, die das Projekt sehr professionell angegangen sind. (Lacht) Und Liebesszenen vor der Kamera sind alles andere als romantisch oder gar sexuell stimulierend.

GLAMOUR: Sie haben zwei Kinder - Tochter Mia, 8, aus ihrer ersten Ehe, und Joe, 5, aus der mit Sam Mendes. Wie schaffen Sie es, Familie und Karriere unter einen Hut zu bringen?

Kate Winslet: Sam und ich haben dieselben Prioritäten: An erster Stelle stehen bei uns die Kinder und die Familie. Dann kommt der Beruf, die Karriere. Irgendwie kriegen wir so Job und Privatleben ganz gut geregelt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir es beide gewohnt sind viel zu improvisieren. Wir leben abwechselnd in unserem Loft in Manhattan und in unserem Landhaus im Südwesten von England. Dort verbringen wir meistens die großen Ferien.

GLAMOUR: Ist das „Große-Ferien-machen auf dem Land“ auch eine Flucht vor dem Star-sein?

Kate Winslet: Jedes Mal wenn man mich einen „Hollywood-Star“ nennt, zucke ich innerlich zusammen. Das bin ich nun wirklich nicht! Julia Roberts ist ein Hollywood-Star. Ich sehe mich eher als eine englische Schauspielerin, die einfach nur sehr viel Glück hatte.

GLAMOUR: Und die ihren Beruf sehr ernst nimmt.

Kate Winslet: Auf jeden Fall. Ein guter Schauspieler dient immer zuerst der Sache und spielt sich nie in den Vordergrund. Diesen Mangel an Bescheidenheit vermisse ich allerdings des Öfteren bei gewissen Kollegen. Genauso wie den Mut zur Hässlichkeit. In den meisten Hollywood-Filmen sehen die Leute – selbst noch wenn sie bis zum Hals im Dreck stehen - immer ungeheuer attraktiv aus.

GLAMOUR: Und kaum jemand in Hollywood bewegt sich vor der Kamera so frei und ungehemmt wie Sie.

Kate Winslet: Ach, ich weiß gar nicht, warum die Leute so ein großes Aufhebens darum machen. Als Schauspielerin bin ich doch geradezu dazu verpflichtet mich mit allen Facetten meines Körpers und meiner Seele zu präsentieren. Und wenn es das Drehbuch erfordert, dass ich nackt bin, etwa in einer heißen Liebensszene, dann klemme ich mir sicher nicht die Bettdecke unter den Armen fest. Ich stehe zu mir und meinem Körper!

GLAMOUR: Und zu Ihrem Gewicht. Sie sind eine der ganz wenigen Celebrities, die den grassierenden Schlankheitswahn nicht mitmacht.

Kate Winslet: Weil das krank ist - und krank macht. Ich kann wirklich nicht nachvollziehen, was gut daran sein soll sich halbtot zu hungern, nur um einem gewissen Pseudo-Schönheitsideal zu entsprechen - das überhaupt nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ich war als Teenager zeitweise sogar dick, habe aber trotzdem das Leben in vollen Zügen genossen und mich nicht etwa versteckt. Ich kann jeder jungen Frau nur raten: „Stehe zu dir! Es ist dein Körper, deine Seele, dein Leben! Lass dir da von niemanden drin herum pfuschen!“

GLAMOUR: Sie scheinen ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein zu haben.

Kate Winslet: Habe ich das? Auch ich habe meine Zweifel, Komplexe und Unsicherheiten. Aber ohne ein gewisses Maß an Selbstvertrauen kommt man nicht sehr weit im Leben, oder? Schon gar nicht im Film-Business. Als der „Titanic“-Hype damals richtig losbrach, war ich gerade einmal 22. Da musst du schon ein sehr gesundes Ego haben, um so etwas gut verkraften zu können. Fragen Sie mal Leo. Sicher haben mir auch meine Familie und gute Freunde dabei geholfen, nicht abzuheben. Oder zu zerbrechen. (Lacht) Es sieht ganz so aus, als hätte ich eine ziemlich robuste Kondition.

GLAMOUR: Hilft Ihnen die Schauspielerei auch in Ihrem richtigen Leben?

Kate Winslet: Nicht im Sinne von „Ha! Ich kann den Leuten etwas vormachen!“, aber sehr wohl diesbezüglich, dass ich mich selbst besser verstehe und mit jeder Rolle etwas Neues über die conditio humana lerne. Wie zum Beispiel auch bei meinem anderen neuen Film, „Der Vorleser“ (ab 26.2. im Kino), in dem ich Hanna, eine ehemalige KZ-Wärterin, spiele. Wissen Sie, eine der größten Fallen, in die Schauspieler tappen können, ist die Eitelkeit. Die macht alles zunichte. Auch das größte Talent. Deshalb habe ich immer einen großen Bogen um die Eitelkeit gemacht.

GLAMOUR: Was motiviert Sie denn als Künstlerin, als Mensch?

Kate Winslet: Ich bin ein Mensch mit großen Ambitionen, sei es beruflich oder privat. Ich liebe es Dinge zu bewegen, aktiv zu sein. Und dass ich dabei nicht über das Ziel hinausschieße, dafür sorgen schon meine beiden Kinder.

GLAMOUR: Inwiefern?

Kate Winslet: Die größte Aufgabe, die ich zum Beispiel heute noch meistern muss, ist ihnen Essen zu kochen. Und dabei die vitaminreiche Kost - wie Brokkoli, Karotten und Blumenkohl – so geschickt zu verstecken dass sie denken, sie äßen Hamburger.

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