Cinema - März 1994

 

Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa

Johnny Depp in einem Familienfilm der etwas anderen Art

Fast schon ein kleines Kino-Wunder, welch warmen und lakonischen Film der schwedische Regisseur Lasse Hallström dem Clan der Grapes gewidmet hat, die in der tristen Provinz Amerikas ihr ganz normales verrrücktes Leben führen ....

Auf Johnny Depp kann man sich verlassen. Seit "Edward mit den Scherenhänden" bürgt sein Name für kostbaren Leinwand-Zauber, der mehr mit Stimmungen als mit Stories und mehr mit Fühlen als mit Sehen zu tun hat. Rare Qualität im Kino der Neunziger. Und noch seltener kommt es vor, daß sie mit einem Schauspieler verknüpft werden können, der ungerührt von Marktgeschrei und Hit-Konzepten auf Filme setzt, in denen Klischees keinen Chance haben. Er sei ein Rebell, raunt die Branche. Doch wenn überhaupt, dann rebelliert Depp gegen das Bombardement der Oberfächenreize. Und zwar leiser und subtiler, als es Querdenker für gewöhnlich zu tun pflegen.

Wie schon "Edward..", "Arizona Dream" und "Benny & Joon" besticht nun auch "Gilbert Grape" mit Depps kuriosem und hoffnungslos romantischen Charme. Sparsame Gesten, traurige Blicke, wenige Worte - mit minimalistischen Wesenszügenn zeichnet er seinen kauzigen Einzelgänger. Der jedoch trägt aller Zurückgezogenheit zum Trotze sein Innenleben so offen zur Schau, daß es einfach zum Schulterschluß mit dem Publikum kommen muß und Gilbert plötzlich nicht mehr ganz so einsam und verloren in der Welt steht. Neu ist diese Depp-Rolle nicht - doch von Abnutzungserscheinungen keine Spur. Gilbert Grape braucht, wie die Seelenverwandten aus früheren Filmen, dringend das Verständnis der Zuschauer. Und er bekommt es auch.

Endore, Idaho. Ein Nest im amerikanischen Flachland, "in dem das Leben einem Tanz ohne Musik" gleicht, wie es Gilbert einmal resignierend beschreibt. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein, träge und gleichgültig dehnt sich der Alltag, und daß wir uns in der Gegenwart befinden, merkt man eigentlich erst, als nach einer Stunde ein futuristisch anmutender Supermarkt ins Bild kommt. Diese Atmosphäre allein reichte schon aus, um die Bewohner ihre Träume vergessen zu lassen. Doch nicht nur Endora macht Gilbert zu schaffen. Er trägt vor allem unter der Last seiner Familie, für die er seit dem Selbstmord des Vaters verantwortlich ist.

Meet the Grapes: Mama (Darmene Cates) wiegt 500 Pfund und hat sich seit sieben Jahren kaum von der Couch, geschweige denn aus dem Haus gewuchtet. Der 17jährige, geistig retardierte Arnie (eine schauspielerische Offenbarung: Leonardo DiCaprio) gedeiht unter Gilberts Fittichen recht gut - nur eben mit dem Gemüt eines 8jährigen. Bleiben zwei relativ pflegeleichte Schwestern - und Gilbert. Der introvertierte Samariter, dessen Geduldsfaden erst zu reißen droht, als er durch die in Endora gestrandete Becky (Juliette Lewis) wieder an ein Leben jenseits des schmalen Horizonts zu denken beginnt. Zeit, daß sich einiges ändert.

Was assoziiert man im Kino mit schlichten, ländlichen Gemütern? Bestenfalls klebrige Mitleidsadressen oder abgeschmackte Witze. "What´s Eating Gilbert Grape?" ist Regisseur Lasse Hallströms ("Pelle der Eroberer") wundervoller Gegenentwurf zu solcherlei Gemeinplätzen. Ein Schleier der Melancholie liegt über seiner episodenhaft, im geduldigen Echtzeit-Rhythmus erzählten Geschichte. In den dramatischsten Momenten überrascht er mit zärtlich-spleeniger Situationskomik. Und vermeintlich Häßliches, Dickes, Doofes ist aus Hallströms Perspektive schön und würdevoll: Weil er und sein hevorragendes Ensemble daran erinnern, daß die bescheidenen Schicksale im Kino noch immer menschlicher anrührender und wichtiger sind als stachelige Kindermädchen und Konsorten.

Viel Zeit nimmt sich der Film, um die kleinen Schritte auf dem Weg aus der Endora-Ödnis zu neuen, aufregenden Ufern zu verdeutlichen. Für manchen vielleicht zu viel Zeit. Doch wessen Aufmerksamkeitsspanne nicht überfordert ist, der findet die Vermutung bestätigt, daß es sich lohnt, manche Träume trotz aller Widerstände nicht aus den Augen zu verlieren. Davon erzählt und das beweist "Gilbert Grape".

Von Roland Huschke

*

ÜBER SEINE FILME

MAIN