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'Total Eclipse' Kritik

von Nina Stuhldreher

 

Der alte Streit: Darf man zum besseren Verständnis des Werks die Biographie eines Künstlers heranziehen ? Oder wird so die ins Werk gesetzte Wahrheit, mit ihren Wurzeln in nur verweisend gebrauchten empirischen Bildern, zur Banalität von psychologischen Gittern erniedrigt ?

Eine adäquate Annäherung kann wohl nur durch die intensive Beschäftigung mit dem Werk selbst angestrebt werden - wenn es gut ist. „Wir müssen uns auf eine Forschungsreise begeben ins Innere, bereit ein Abenteuer zu bestehen.“(Volker Braun, 1984). Wer damit nichts anfangen kann, dem werden auch Charakterstudien und Lebensdaten höchstens bei der Erstellung eines psychologischen Profils weiterhelfen. Näher wird ihm das Werk dadurch wohl kaum.

„Ich allein besitze den Schlüssel zu diesem sonderbaren Spiel.“ (Rimbaud)

Tatsache ist, daß die Darstellung eines Künstlerlebens oft ein Faszinosum ohne gleichen ist, das den damit Konfrontierten mit einem wunderbar verwirrenden Fragezeichen im Kopf und einem leisen, freudigen Hüpfer des Ahnens im Bauch zurückläßt. So auch das Gefühl, mit dem man „Total Eclipse“ verläßt. Der Film von Agnieszka Holland schildert die zerstörerische Haßliebe zwischen den französischen Dichtern Jean-Arthur Rimbaud und Paul Verlaine gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Verlaine, anerkannter Dichter, doch larmoyanter weinerlicher Trinker mit Neigung zum Jähzorn (überzeugend dargestellt von David Thewlis), lädt den unglaublich talentierten 16-jährigen Jungen vom Lande zu sich sein. Dieser entpuppt sich als unberechenbares, rücksichtsloses, geniales Enfant Terrible, der Verlaines mühsam gegen seine eigenen verfänglichen Neigungen errichteten Schutzwall zum Einstürzen bringt. Fasziniert von der Unkonventionalität und dem sprühenden Geist Rimbauds verfällt Verlaine in ein totales Abhängigkeitsverhältnis voll blinder Bewunderung . Auf den ersten Blick scheint Rimbaud diese Verbindung aus purer Eigennützigkeit einzugehen: ausgerechnet er, der nichts mehr verachtet als Kompromisse und Dilettantismus, ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen, neuen Extremen, sucht die Nähe Verlaines, dem an sich selbst leidenden Künstlertypus. Doch es ist nicht nur die Existenzangst, die ihn an den reich verheirateten Verlaine bindet. „Ich weiß, was ich sagen will. Du aber weißt, wie man es sagt“, so Rimbaud in einer Szene zu Verlaine. Noch eines macht dieses Filmportät, das übrigens völlig auf die verbale Vorkommnis der Gedichte verzichtet, deutlich : Auch wenn Rimbauds Umgang mit zwischenmenschlichen Begegnungen fast ausschließlich mit harten bis gewalttätigen Worten und Taten dargestellt wird, er die Existenz der Liebe gar leugnet, so ist doch die zärtliche Zuneigung allgegenwärtig, die Rimbaud seinen Gedichten nach für die Welt empfunden haben muß. Der zu einer Saison in der irdischen Hölle verdammte Geist Rimbauds ist eigentlich ein der Menschheit wohlgesonnener.

Die Frage ist bloß, wieviel Eigenleistung dabei von Agnieszka Hollands Seite kommt. Denn dieses Bild Rimbauds verdankt seine Subtilität vorrangig der unglaublichen Textvorlage, die der damals 18-jährige Christopher Hampton im rebellischen Jahre 1967 als Theaterstück geschrieben hat, mit einem inneren Drang, den man bei Hollands Bildern leider vermißt. Diese wirken zwar intellektuell sehr aufmerksam interessiert, doch leider etwas zu distanziert. Als hätte sie selbst es auch nicht geschafft, sich ihrem „Studienobjekt“ Rimbaud zu nähern. Ein gutes hat jedoch dieser beinahe nüchterne Erzählstil: ohne durch irgendwelche gewollt-innovativen Schnitte, Verfremdungen o.ä. abzulenken, gibt er die Bühne frei für die hervorragende schauspielerische Leistung Leonardo DiCaprios, der wie eine Reinkarnation Rimbauds vor Genialität und befremdlicher Eigenheit sprüht. „Hätte Leonardo nicht zugesagt, hätte ich den Film nicht gemacht“, so Holland. Weise erkannt, denn der Film steht und fällt, ja funktioniert sogar nur mit DiCaprio.

Doch eigentlich hätte es dann auch eine Bühne getan. Bloß ist es ziemlich unwahrscheinlich, daß man das Stück mit DiCaprio in der Hauptrolle in absehbarer Zeit hier zu sehen bekommt. Also lohnt sich der Film vorerst doch.

Vielen Dank an Gabi !

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