DER SPIEGEL 52/2006

 

 

Blut am Ringfinger

Die Schmuckbranche macht mobil gegen den Hollywood-Thriller 'Blood Diamond', der das üble Geschäft mit Edelsteinen aus Afrikas Krisengebieten zeigt.

 

von Martin Wolf

 

Wer in der Zeitschrift 'Variety' auftaucht, hat es zu etwas gebracht: Es ist der Beweis, dass er in Hollywood zählt. Das US-Blatt meldet zuverlässig jeden Erfolg und jeden Misserfolg der Filmbranche, auf den Anzeigenseiten prahlen die Sudios mit den Einspielergebnissen ihrer Werke, und wenn gerade ein besonders mächtiger Produzent einen Preis gewonnen hat, schalten die lieben Kollegen Glückwunschannoncen, natürlich ohne jeden Neid.

Die ganzseitige Anzeige der "Buschmänner der Kalahari-Wüste in Botswana", die 'Variety' im September druckte, fiel entsprechend auf. Unter der Überschrift "Appell an Leonardo DiCaprio" teilten die Herren vom "ersten Volk der Kalahari" dem Hollywood-Star mit, dass man auf ihrem Boden Diamanten entdeckt habe. "Diese Diamanten", klagten sie, "sind ein Fluch für uns", denn nach dem Fund seien sie vertrieben und in Lager umgesiedelt worden. "Wie sterben in den Camps," schrieben die Buschmänner, "wir wollen nach Hause." Der Schauspieler solle auf ihr Schicksal aufmerksam machen, bevor es zu spät sei.

Der Adressat der Anzeige, die von der Menschenrechtsorganisation Survival International bezahlt wurde, war klug gewählt: DiCaprio, 32, hat gerade den Film 'Blood Diamond' gedreht, einen Thriller über die hässliche, die afrikanische Seite des glänzenden internationalen Diamantenhandels.

Unter der Regie von Edward Zwick, einem Experten für politisch aufgeladene Action-Dramen ('Last Samurai'), spielt DiCaprio einen verschwitzten Glücksritter namnes Danny Archer. Danny, ein ehemaliger Söldner aus Simbabwe (das er selbst noch immer unbeirrt Rhodesien nennt) verhökert Waffen an jeden, der ihn bezahlt, vorzugsweise mit Diamanten. Zu seinen besten Kunden gehören marodierende Rebellengruppen aus dem westafrikanischen Sierra Leone, die mehrere Edelsteinminen unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dort schuften Zwangsarbeiter, die von den Aufständischen aus ihren Heimatdörfern vertrieben wurden. Wer nicht pariert, dem hacken die Despoten eine Hand ab - oder erschießen das Opfer sofort.

Einer dieser Schatzsucher wider Willen, der Fischer Solomon (Djimon Hounsou), findet eines Tages im Schlamm einen rosafarbenen Edelstein, groß wie ein Eiswürfel. Solomon kann die sagenhaft wertvolle Pretiose verstecken und schließlich fliehen. Allerdings bleibt sein Sensationsfund nicht lange geheim, und deshalb hat er plötzlich viele neue Freunde. Allen voran den skrupellosen Danny, der mit Solomons Klunker dem Chaos auf dem Kontinent für immer entkommen will. Im Gegenzug verspricht Danny, bei der Suche nach Solomons Sohn zu helfen, der in ein Kindersoldatenlager verschleppt wurde.

Es beginnt eine gefährliche Odyssee durch eine landschaftlioch wunderschöne Vorhölle. Schon Achtjährige, wenn sie denn so alt werden, hantieren hier mit Kalaschnikows. Und ein alter Mann, der nach einem Massaker über eine mit Leichen übersäte Dorfstraße irrt, bemerkt weise: "Hoffentlich entdecken sie hier kein Öl. Dann haben wir wirklich ein Problem."

Und wo bleibt das Positive? Es tritt auf in Gestalt von Maddy Brown (Jennifer Connelly), einer amerikanischen Journalistin, die für eine Reportage über das Geschäft mit Rohdiamenten recherchiert - und stellvertretend für den Zuschauer darüber staunt, dass man mit dem Kauf eines Diamantrings bei einem westlichen Juwelier unter Umständen einen Bürgerkrieg irgendwo in Afrika sponsert.

Stimmt alles nicht - oder zumindest nicht mehr, versichert dagegen die Diamantenindustrie (weltweiter Umsatz 2005: 60 Milliarden Dollar). Aus Furcht vor der abschreckenden Suggestivkraft, die ein Hollywood-Film über Blutdiamanten gerade kurz vor dem Weihnachtsgeschäft entwickeln könnte, startete die Branche eine 15 Millionen Dollar teure PR-Kampagne. Der Marktführer, die südafrikanische De-Beers-Gruppe, öffnete zudem seine sonst hermetisch abgeriegelte Londoner Zentrale für Journalisten. De Beers, verkündet die Firma, sei sich des "Problems der Konfliktdiamanten bewusst" (die Bezeichnung "Blutdiamanten wird sorgfältig vermieden); solche Steine verwende man schon lange nicht mehr.

Tatsächlich spielt der Film im Jahr 1999, und tatsächlich gilt in der Diamantenindustrie seit 2003 das "Kimberley"-Abkommen, benannt nach einem Konferenzort in Südafrika. Herkunftszertifikate sollen seitdem sicherstellen, dass keine Diamanten aus Krisengebieten mehr in den Handel gelangen. Wie gut das in der Praxis klappt, darüber streiten Diamantenlobbyisten und Menschenrechtler. Die Filmemacher jedenfalls, Weltverbesserer nur im Nebenberuf, betonen, dass ihr Werk "durchaus nicht die gesamte Diamantenindustrie anschwärzen will". Der Rummel um 'Blood Diamond' (Deutschlandstart am 25. Januar) könne aber allen Beteiligen nur nützen.

Profitiert haben zumindst die Männer aus der Kalahari: Mitte Dezember entschied das Oberste Gericht Botswanas, dass die Deportation der Buschmänner "ungesetzlich und verfassungswidrig" war.

Vielleicht dreht Hollywood irgendwann einen Film darüber.

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