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TV Spielfilm - Dezember 2006
Brüder im Geiste
von Volker Bleek
Manche Filme sprengen
alle Dimensionen, und für die Besetzung des neuen Martin-Scorsese-Films ist jede Leinwand zu
klein. Es ist ein Aufmarsch harter Hunde: die hitzigen Jungspunde Matt Damon, Mark Wahlberg und
Leonardo DiCaprio, die Old-School-Fraktion um Alec Baldwin und Martin Sheen und natürlich: Jack.
Jack Nicholson kostet die erste Zusammenarbeit mit dem fünf Jahre jüngeren und ebenso legendären
Regisseur Scorsese bis in die letzte Nuance aus. Sein Bösewicht Frank Costello ist ein echtes
Schwergewicht, nicht nur in cineastischer Hinsicht. Er macht die Ansagen. Und wenn er Sätze sagt
wie "Wenn einer von uns beiden sterben muss, tendiere ich meist dazu, dass ich es nicht bin",
dann schlottern einem die Knie schon ganz automatisch.
'Departed: Unter Feinden' heißt der 19. Kinospielfilm des 'Taxi Driver'-Regisseurs. Nach Motiven des
kultverdächtigen Hongkong-Thrillers 'Infernal Affairs' schufen Scorsese und sein Drehbuchautor
William Monahan ('Königreich der Himmel') einen brutal-toughen, ultracleveren Katz-und-Maus-Thriller,
der die Grenze zwischen Gut und Böse verschwinden und den Zuschauer den Atem anhalten lässt. Der
Erfolg gibt ihm recht: 'Departed' war in den USA mit Abstand Scorseses erfolgreichster Start an den
Kinokassen.
Verräter auf beiden Seiten "Cop oder Verbrecher: Wenn man in die Mündung einer geladenen
Pistole schaut, was macht das dann noch für einen Unterschied?" Mit dieser Erkenntnis empfängt
Verbrecherboss Frank Costello (Jack Nicholson) seinen Ziehsohn Colin Sullivan (Matt Damon), der
von der Polizeischule kommt und schnell aufsteigt in der Hierarchie der Massachussetts State
Police in Boston, bis zum Sergeant einer Ermittlungsspezialeinheit. Aus der gleichen Gegend wie
Sullivan stammt Billy Costigan (Leonardo DiCaprio), der nach einer Bilderbuchkarriere in der
Bostoner Unterwelt, mit anschließendem Knastaufenthalt, den Job bei der Polizei als letzte Chance
sieht, einen Schlussstrich unter sein bisheriges Leben zu ziehen.
Costigan wird beim Einstellungsgespräch von zwei Polizisten in die Mangel genommen. Nicht ohne
Grund: der aufbrausende Sergeant Dignam (Mark Wahlberg), der nicht einmal einen Morgengruß ohne
Schimpfwort über die Lippen bringt, und der väterliche Captain Queenan (Martin Sheen) suchen
einen Mann für einen ganz speziellen Auftrag, und Costigan scheint mit seinem Background der
Richtige zu sein.
Billy wird in die Gang von Frank Costello eingeschleust und soll dafür sorgen, dass die Polizei den
geschickten Gangsterboss endlich überführen kann. Niemand der Kollegen kennt Billys wahre Identität,
nicht mal Ellerby (Alec Baldwin), der Leiter der Ermittlungseinheit, und auch nicht Sullivan, der
Costello weiterhin mit Informationen versorgt.
Dass es eine undichte Stelle im Department gibt, wird immer deutlicher, Billy soll die Ratte
aufdecken (im Englischen bedeutet "rat" auch Verräter). Denselben Auftrag erhält Sullivan erst
von Gangsterboss Costello, dann von seinem Vorgesetzten - er soll sich quasi selbst aufspüren.
Zwei Undercover Cops schüffeln umeinander herum, und es wird noch schräger: beide werben um dieselbe
Frau (Vera Farmiga)... Die Sopranos lassen grüßen Die Dreharbeiten der von Hongkong nach Boston an die Ostküste
verlegten Handlung führten Martin Scorsese wieder einmal nach New York: Aus finanziellen Gründen
fand ein Großteil des Drehs im "Big Apple" statt. Weiteres Geld hätte es von Mobilfunkunternehmen geben
müssen, denn mit den ständig einander Nachrichten zusendenden Hauptfiguren wirkt der Film
streckenweise wie ein SMS-Werbespot. Für Matt Damon und Mark Wahlberg waren die wenigen Drehtage
in Boston eine Heimkehr - beide stammen aus der Gegend.
Zur ersten Zusammenarbeit der Filmlegenden Martin Scorsese und Jack Nicholson wäre es fast nicht
gekommen: Nicholson lehnte zunächst ab. Später überzeugte ihn ein Treffen mit dem Regisseur und
DiCaprio. Kuriose Personalie am Rande: Scorsese-Veteran Robert De Niro sollte Frank Costello
spielen; er sagte ab, um seinen Film 'The Good Shepherd' zu inszenieren. Auf die Hauptrolle in
'Shepherd' verzichtete Leonardo DiCaprio zugunsten von 'Departed', der Part ging an - Matt Damon.
Nach 'Aviator' und 'Gangs of New York' spielt DiCaprio zum dritten Mal für seinen Mentor, der
Deutsche Michael Ballhaus steht zum siebten Mal hinter der Kamera. Die für Ballhaus charakteristischen
eleganten Kreisfahrten machen hier einer fast dreckig-realistischen Optik Platz, die an den TV-Hit
'Die Sopranos' erinnert. Schon 1990 drehten die zwei ein Gangsterepos, und obwohl Scorsese seitdem
keine schlechten Filme gemacht hat (man denke an 'Casino'), bleibt als Fazit: 'Departed' ist seit
'GoodFellas' sein bester Genrefilm.
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