Cinema - Dezember 2006

 

Departed: Unter Feinden

Cops gegen Gangster: Mit seinem knallharten Mafia-Epos knüpft Kultregisseur Martin Scorsese an die dunkle Großstadt-Poesie seines Klassikers 'Good-Fellas' an

 

von Heiko Rosner

 

Am Anfang des Film sieht man den irischen Paten Frank Costello lediglich als dunkle Silhouette. Sein Gesicht bleibt im Schatten, während aus dem Off sein oberster Grundsatz zu vernehmen ist: "Ich will nicht das Produkt meiner Umgebung sein. Ich will, dass meine Umwelt ein Produkt von mir ist." Daraus abzuleiten, Frank Costello sei ein Egozentriker, käme einer Untertreibung gleich. Er ist das Böse, ein Agent der Zerstörung, ein Teufel in Menschengestalt, der wie ein verschlurfter Rentner in Schlappen und Morgenmantel einherwandelt, aber schon im nächsten Moment eiskalt Menschen abknallt und Knochen zertrümmert. Und er wird von Jack Nicholson gespielt - in seiner besten Rolle seit Kubrick's 'Shining'.

Frank Costello herrscht über die Unterwelt in Boston, und wer sich ihm in den Weg stellt, ist schon so gut wie tot. Das weiß auch Billy Costigan (Leonardo DiCaprio), der das Vertrauen des Mafiabosses genießt, aber allen Grund hat, ihn zu fürchten: Costigan ist in Wirklichkeit ein Spitzel, der für eine verdeckte Einheit von Polizeichef Queenan (Martin Sheen) und Sergeant Dignam (Mark Wahlberg) arbeitet. Doch umgekehrt hat auch Pate Costello einen Maulwurf in die Reihen der Cops eingeschleust: Colin "Collie" Sullivan (Matt Damon) kennt den Gangsterboss seit frühester Kindheit und ist ihm treu ergeben. Gefährlich wird es, als beide Seiten erfahren, dass sich ein Verräter unter ihnen befindet, ohne dessen jeweilige Identität zu kennen. Es beginnt ein gnadenloses Duell der Maulwürfe, in dessen Verlauf Bullen-Spitzel Costigan und Mafia-Cop Sullivan permanent bemüht sind, den Kontrahenten zu enttarnen, um nicht selbst als Erster aufzufliegen.

Mit dem grandiosen Mafia-Epos 'Departed: Unter Feinden' kehrt Regielegende Martin Scorsese nach überambitionierter Konfektionsware wie 'Gangs of New York' und 'Aviator' in sein angestammtes Genre des Gangsterfilms zurück. Es ist seine beste Regiearbeit seit dem dreistündigen 'GoodFellas' von 1990, und seine kommerziell erfolgreichste noch dazu. In den USA spielte 'Departed' allein am Eröffnungswochenende 26,9 Millionen Dollar ein, und nach drei Wochen waren es 77 Millionen. Ähnlich üppige Einnahmen konnte Scorsese zuvor nur mit 'Kap der Angst', dem Remake eines Robert-Mitchum-Klassikers aus dem Jahr 1962, verbuchen.

Der Kinohit 'Departed' basiert auf dem Hongkong-Triaden-Thriller 'Infernal Affairs', den 'Königreich der Himmel'-Autor William Monahan auf amerikanische Verhältnisse umstrickte und in die Straßen von Boston verlegte. Scorsese will sein jüngstes Werk dennoch nicht als Remake verstanden wissen: Es sei lediglich von 'Infernal Affairs' inspiriert, verkündete der Meister unlängst auf dem Filmfestival in Rom. Angesichts des Umstands, dass John Woo seinen Hit 'The Killer' Scorsese gewidmet hat, Wong Kar-Wai sein Erstlingswerk 'As Tears Go By' nach dem Vorbild von 'Hexenkessel' modellierte und die regennassen Bilder aus 'Taxi Driver' etliche Regisseure des Hongkong-Kinos inspirierten, ist die Paten-Oper vielleicht auch eine Verneigung Scorseses in die andere Richtung.

'Departed' (zu deutsch: die Verstorbenen) vereint die rohe Energie des frühen Scorsese-Meisterwerke 'Hexenkessel' und 'Taxi Driver' mit der düsteren, unausweichlichen Tragik seiner blutigen Gangster-Kaleidoskope 'GoodFellas' und 'Casino'. Dieser Film entführt in eine Welt, in der jeder ein Wolf ist und Werte wie Loyalität und Freundschaft ihre Bedeutung verloren haben. Gewohnt bedächtig führt Scorsese in die Handlung ein, erzeugt aber von Anfang an eine Atmosphäre von Ungewissheit und lauernder Aggression. Bricht die Gewalt dann aus - und das geschieht oft -, wird sie von Scorsese gewohnt schockierend, vehement und brutal in Szene gesetzt. Was erst recht auf das strafende Blutgericht zutrifft, das die Beteiligten am Ende erwartet.

Wenn die Kernhandlung nach gut einer Dreiviertelstunde in Schwung gekommen ist, beginnt zwischen dem "guten" und dem "bösen" Cop ein Katz-und-Maus-Spiel, das an Spannung nicht zu überbieten ist. Eine Szene bietet gar veritablen Hitchcock-Suspense: Billy Costigan und sein Gegenspieler Colin Sullivan nehmen per Handy erstmals Kontakt miteinander auf. Beide wissen oder ahnen zumindest, wer am anderen Ende ist, schweigen jedoch verbissen, mit Schweißtropfen auf der Stirn. Ebenso großartig sind die Szenen, in denen Bösewicht Frank Costello seinen Vertrauten Billy Costigan erstmals zu verdächtigen scheint. Nicholson spielt in diesen Momenten wie ein Irrer - als wolle er Robert De Niros Darstellung des gerissenen Psychpaten aus 'Kap der Angst' noch überbieten. So war es denn auch kein Wunder, dass Leonardo DiCaprio am Set mehr als einmal von Jacks unberechenbaren Aktionen überrascht wurde.

Gleichwohl, oder vermutlich deswegen, liefert DiCaprio in 'Departed' die mit Abstand beste Leistung seiner Karriere. In Momenten unbeherrschten Zorns wird sein Gesicht "zum Schlachtfeld der Emotionen", wie Scorsese treffend bemerkte. Die innere Zerrissenheit der Figur wird geradezu physisch spürbar. Ruhe findet dieser Jäger und Gejagte nur in den wenigen Augenblicken, die er mit der Polizeipsychologin Madolyn (spröde Schönheit: Vera Farmiga) verbringt. Madolyn wird zuvor zur Geliebten von "Bad Cop" Sullivan und damit zum Bindeglied der ungleichen Spitzel. Farmiga, bislang selten in Erscheinung getreten, ist im Übrigen die große Entdeckung in 'Departed', und es hätte durchaus eine gewisse Ironie, wenn ausgerechnet die einzige Frau als heimliche Siegerin aus diesem testosteronschweren Machofilm hervorginge.

So sind in 'Departed' endlich wieder alle Zutaten vereint, die einen guten Scorsese-Film ausmachen: exzellente Darstellerleistungen, dynamische Bildgestaltung - der deutsche Kameramann Michael Ballhaus arbeitet hier bereits zum siebten Mal mit Scorsese zusammen - und eine mit pessimistischem Furor erzählte Geschichte über Lüge, Korruption und Intrige. Unter seiner Oberfläche ist der Film eine Metapher für den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Die Allmacht des Paten, der wie ein feudalistischer Patriarch sein Viertel regiert, lässt sich ohne weiteres als sarkastische Projektion der kriegerischen Politik eines George W. Bush auslegen - erst recht, wenn Costello wahnhaft darüber räsoniert, was "wir" tun "in unserem Land".

Das Ende ist kompromisslos und düsterer als das Finale des Hongkong-Originals. Wer sich in den Sumpf begibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er darin versinkt. So könnte die Botschaft des brachialen Showdowns lauten, den Scorsese als Oper aus Gewalt und Blutfontänen zelebriert. "Departed" ist ein derber, obszöner, politisch unkorrekter und tollkühner Adrenalinschock, ein Film, der nach einer Stunde Amok läuft und wie eine Granate im Hirn des Zuschauers explodiert. Nachdem Scorsese zuletzt in 'Aviator' sein stilisiertes Augenfutter so dick auftrug, dass es zum dekorativen Selbstzweck verkam, scheint er nun endlich wieder Gefallen an den prallen, schmutzigen Geschichten aus dem Hexenkessel der Großstadt gefunden zu haben.

'Departed' reiht sich neben 'Taxi Driver', 'Wie ein wilder Stier' und GoodFellas' in die Reihe seiner stärksten Regiearbeiten ein und ist neben Clint Eastwoods Kriegsdrama 'Flags of Our Fathers' der stärkste Hollywood-Film des Jahres 2006.

Übrigens: Obwohl Martin Scorsese sechs Mal nominiert war, hat er bis heute keine Regie-Oscar gewonnen. Eine schreiende Ungerechtigkeit, die im kommenden Frühjahr hoffentlich bereinigt wird.

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