Widescreen - Februar 2002
FEATURE

 

 

Meilen, Mädels & Moneten

'Catch Me If You Can' ist nicht nur eine amüsante Story über einen smarten Trickberüger. Der Spielberg-Film lässt auch den den ganzen Charme der späten 60er Jahre wieder aufleben.

 

Text von Jürgen Fröhlich

 

New York City, Park Avenue. Vor dem berühmten Waldorf Astoria Hotel herrscht wie immer reges Treiben. Tausende von Menschen drängen sich auf den Bürgersteigen. Auf den Straßen ein Hupkonzert. Stoßstange an Stoßstange rollt eine Blechlawine durch den dichten Verkehr. Wie Schiffbrüchige auf einer Holzplanke versucht sich eine Handvoll Filmleute in dem tosenden Meer aus Stahl Gehör zu verschaffen. Ihr Ziel: Der Straßenzug soll innerhalb weniger Stunden eine Zeitreise von vierzig Jahren vollziehen. Für die Macher von 'Catch Me If You Can' waren diese Aufnahmen die größte Herausforderung während der Dreharbeiten der wahren Geschichte über den Trickberüger Frank W. Abagnale (gespielt von Leonardo DiCaprio) und seinem FBI-Verfolger Carl Hanratty (Tom Hanks). "Es war wirklich eine Guerilla-Operation", erklärt Steven Spielberg. Das Team war gezwungen, den kontinuierlichen Verkehrsstrom zu stoppen, um die Szenerie mit authentischen Straßenkreuzern und Taxis aus der 60er Jahren zu füllen. Spielberg schickte seine Porduktions-Designerin Jeanine Oppewall los, um alle möglichen Gegenstände und Utensilien zu sammeln, die für eine perfekte Kulisse im Look dieser Zeit gebraucht wurden. Kein einziger Drehort für das witzig-dramatische Gaunerstück wurde im Studio nachgebaut. Man filmte - wie im Fall des Astoria-Hotels - an originalen Schauplätzen.

Die fand man in Nordamerika zur Genüge. Der historische TWA Terminal auf dem New Yorker JFK Airport war der ideale Drehort für DiCaprios Auftritt als nonchalanter Möchtegernpilot mit dem Decknamen Frank Tayler. Das Gebäude wurde 1962 von Architekt Earo Saarinen geschaffen und wegen seiner verschlungenen Architektur damals liebevoll "Das Vogelhaus" genannt. Der alte Ontario-Flughafen in Los Angeles wurde zum Miami International Airport. Ein ausrangiertes Gefängnis in Montreal diente als "Double" für den französischen Knast, in dem Abagnale nach drei Jahren des Lügens und Fälschens einsitzen musste. In Quebec City wurde das von französischen Einwanderern geprägte Landschaftsbild genutzt, um das Loire-Städtchen Montrichard zu simulieren. Eine alte Boeing-Fabrik im kalifornischen Downey diente als Kulisse für die Büros des FBI.

Für das Filmteam wurde Abagnales "Jet-Setting" zum "Set-Jetting". Innerhalb von nur 56 Drehtagen baute die Filmcrew ihre Kameras an über 140 Orten in den USA und Kanada auf und ab. "Manchmal waren es drei Drehorte an einem einzigen Tag. Ich habe noch nie in meinem Leben so schnell gearbeitet", bekennt Spielberg. Die rasante Geschwindigkeit, mit der das Projekt abgewickelt wurde, refelektierte gleichsam die Zeit, in der der Film spielt. Tom Hanks erinnert sich an die damals neue Faszination vom Fliegen: "Man stieg in ein Flugzeug ein und war buchstäblich innerhalb einiger Stunden am anderen Ende der Welt." Hanks beschreibt die Glamour-Zeit der späten 60er: "Die Farben waren kräftiger und alles war pompös und stylish."

Genau diese Atmosphäre wollte Spielberg auf die Leinwand bringen. Er setzte auf das Können und die Intuition eines langjährigen Weggefährten: Janusz Kaminski. Er war der Chef hinter den Kameras. Der "Meister des Lichts", wie Spielberg den gebürtigen Polen nennt. Er verwandelte die Szenen in helle und farbenfrohe Bilder. "Leicht idealistisch und nicht allzu ernst," sollte laut Kaminski alles wirken, "wie ein Glas Champagner."

Ebenso prickelnd war die Aufgabe für Jeanine Oppewall bei der Ausstattung des Sets. Ihre berufliche Vergangenheit verhalf ihr zu dem Job. Zu Beginn ihrer Karriere war sie beim "Vogelhaus"-Architekten Saarinen angestellt und arbeitete ebenso für einen Künstler, den Spielberg als "größten Designer aller Zeiten" bezeichnet: Charles Eames. Während der Finne Saarinen sich mit dem TWA Terminal ein Denkmal schuf, kreierten Charles Eames und sein Bruder Ray Einrichtungsgegenstände, die den Look der 60er Jahre prägten und auch heute noch als Kleinode moderner Gebrauchskunst gehandelt werden. Spielberg selbst machte als Kind seine Hausaufgaben in einem Eames Chair. Ein Grund mehr für den Regisseur, die 55-jährige Eames-Kennerin für die Ausstattung des Sets zu verpflichten.

Bei der Auswahl der Kostüme war die Kreativität von Designerin Mary Zophres gefragt. Die Entwicklung, die Frank W. Abagnale im Verlauf des Films durchmacht, soll sich auch in der Kleidung des Edelganoven widerspiegeln.

Als Zuschauer sollten Sie während des Films einmal darauf achten. Wenn der 18-jährige erstmals erscheint, wirkt die Umgebung vergleichsweise dezent und eintönig. Je erfolgreicher er sein falsches Spiel im Handlungsverlauf betreibt, desto wilder gerät die Farbpalette seiner Outfits und die seiner Umgebung. Auf dem kriminellen Erfolgshöhepunkt angelangt, umhüllen ihn pulsierende Farben wie orange, gelb, rot und pink.

Im krassen Gegensatz dazu: FBI-Agent Hanratty. Während DiCaprio für seine Rolle rund 100 Mal die Garderobe wechselt, trat Tom Hanks nur in einigen Anzugvariationen - grau, braun, dunkelblau - vor die Kamera. Die Bürokraten-Kluft wurde ergänzt durch immer dasselbe Hemd, dieselbe gestreifte Krawatte.

Anders als die Mode der 60er, die in späteren Jahren immer wieder aufgegriffen wurde, wird die Epoche viel stärker durch ihre eigentümliche Musik repräsentiert. Dieser Meinung war auch Steven Spielberg. Und was könnte den Vielflieger Abagnale wohl passender untermalen, als Frank Sinatra mit seinem Song "Come Fly With Me". Da die Musik eine wichtige Rolle spielte, ging Spielberg auch keine Kompromisse ein. Natürlich musste John Williams ran. Seit über 20 Jahren hat praktisch kein anderer Musiker in Spielberg-Filmen den Taktstock geschwungen. Von Orchestralem musste sich Williams allerdings verabschieden. Stylish, jazzig, das typische Flair der 60er: eine neue Herausforderung für den mittlerweise 70-jährigen. "'Catch me If You Can' war eine wunderbare Gelegenheit für mich, ein Stück von mir selbst wiederzuentdecken", sagt er. Williams spielte im berühmten Orchester von Henry Mancini seinerzeit den Klavierpart zu 'Breakfast at Tiffany's'.

So darf der Zuschauer bei 'Catch Me If You Can' in Nostalgie schwelgen und sich nebenbei an Gute-Laune-Melodien erfreuen. Und wer weiß, vielleicht erleben wir nach dem Aufguss der 80er im vergangenen Jahr nun ein Revival der 60er. Nach dem 30. Januar sind wir schlauer. Dann nämlich erscheint 'Catch Me If You Can' bei uns in den Kinos.

 

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