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Der Spiegel - 17. Januar 2005
Citizen Hughes
von Urs Jenny
Platt gesagt: große Männer haben große Macken. Etwas pathetischer: Wen die Götter vernichten wollen, den schlagen
sie mit Wahnsinn.
Falls es wahr ist, dass Howard Hughes, wie er später behauptete, schon als kleiner Junge beschloss, als Flieger,
als Filmemacher und als Frauenheld der Größte und wenn möglich dazu auch der reichste Mann der Welt zu werden, so
hat er es auf diesem Weg ziemlich weit gebracht. Mit 19 Jahren - nach dem Tod beider Eltern - ließ der Junge, der
keinen High School-Abschluss geschafft hatte, sich für vollfährig erklären und wurde Herr über ein Vermögen von annähernd
einer Milliarde Dollar. Er heiratete eine texanische Jugendliebe und ging mit ihr nach Hollywood, wo sie ihm aber
bald abhanden kam, weil er sich mit unerwarteter Besessenheit in die Filmarbeit und auf andere Frauen stürzte.
Howard Hughes (1905 bis 1976) hat mit 25 Jahren als Produzent und Regisseur den bis dahin "teuersten Film aller
Zeiten" herausgebracht, den Kriegsfliegerfilm "Hell's Angels", und danach noch zwei Dutzend weitere Filme
produziert. Er hat mit 30 Jahren als tollkühner Pilot seinen ersten Weltrekord aufgestellt, dem noch etliche
folgten, und ist später einer der dynamischsten Luftverkehrsunternehmer geworden. Und er hat als passionierter
Frauensammler nicht nur die glamourösesten Hollywood-Stars - besonders ausdauernd Katherine Hepburn und Ava Gardener -
umworben, sondern jahrzehntelang auch einen veritablen eigenen Haarem vollbusiger Girls unterhalten.
Er war wohl nicht der reichste, doch einer der wirklich mächtigen Männer in den USA seiner Zeit - nämlich, wenn es
sein musste, einer der wirklich skrupellosesten, einer, der mit der Mafia, mit dem Weißen Haus und mit der CIA kungelte,
stets nach dem Grundsatz: "Jeder Mensch ist käuflich, sonst könnte es Typen wie mich nicht geben." Er war sehr groß, sehr
gut aussehend und konnte unwiderstehlich charmant sein; doch hinter dem Lächeln lauerte eine monströse Egomanie,
und dahinter, noch tiefer, ein paranoider Wahnsinn, der Schritt um Schritt mit selbstzerstörerischer Dynamik sein
Leben verschlang.
Man liebt es in Hollywood, nicht nur die Taten vergangener Helden, sondern auch die Biografien interessanter
Zeitgenossen zu großen Lebensbilderbögen aufzubereiten, für die in der Branche das Kürzel "biopic" gängig ist.
An Howard Hughes hat man sich erstaunlich lange nicht herangetraut. Doch dann kam ein junger Himmelstürmer, der an
der Figur einen Narren gefressen hatte: Leonardo DiCaprio. Dass es den Film "The Aviator" gibt, ist zuallererst
seine Leistung. Er hat dieses Wunschprojekt, zusammen mit dem Autor John Logan, über Jahre vorangetrieben, anfangs
mit dem Regisseur Michael Mann als Partner, dann - ein begeisternder Glücksfall - mit Martin Scorsese. DiCaprio hat,
für sich selbst, mehr als je gewagt und gewonnen.
So ist "The Aviator" ein richtiger großer Scorsese-Film geworden, einer, in dem der Meister - befreit von jenem
verbissenen Willen zur Großartigkeit, der zuletzt seinem "Gangs of New York" etwas opernhaft Gravitätisches gab -
noch einmal mit erfinderischer Eleganz seine Erzählkunst triumphieren lässt: Kino aus vollen Händen.
Ein "biopic" amerikanischer Art - dessen einer genialer Prototyp "Citizen Kane" von Orson Welles ist und der andere
Scorseses "Raging Bull" - zielt ja nicht auf faktengetreue Rekonstruktion, sondern auf Fiktionalisierung: Der Mann,
um den es geht, wird zum Star seines eigenen Lebensfilms, und Scorsese gibt dem Hughes-Film - mit der hinreißenden
Cate Blanchett als Katherine Hepburn und Kate Beckinsale als Ava Gardener in einem üppigen Star-Ensemble -
swingendes Tempo, Witz, Sinnlichkeit und sogar Ironie.
John Logans Drehbuch versteht es brillant, die ausschweifenden Aktivitäten seines Helden zu bündeln und zu pointieren.
Es beschränkt sich auf zwei Jahrzehnte (von 1927 bis 1947), in denen der Sonnyboy mit der reptilienschnellen
Intelligenz sich als Aufsteiger in einer Aura der Unbesiegbarkeit sein Imperium schuf, und es gibt doch den anfangs
harmlosen Symptomen der Schwerhörigkeit und der Paranoia genug Schärfe, um das spätere Abtrudeln des Überfliegers
in die einsame Höhle des Wahns zu signalisieren.
Leonardo DiCaprio verkörpert einerseits eindringlich die Verzweiflung des Strategen, der mit wachem Verstand selbst
wahrnimmt, wie er den Verstand verliert; und er glüht andrerseits in der Euphorie des Fliegers, der sich nur allein
hoch oben im Cockpit glücklich und frei fühlt, weil nur dort alles, was ihm auf der Welt Angst macht, weit weg ist -
doch einen Grundzug dieses Mannes vermag auch er nicht zu überspielen: Sein Fall hat keine Tragik; er lässt einen
kalt.
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