Cinema - (Januar?) 1998

 

 

James Cameron erweckt die Titanic zum Leben

von Scott Orlin

 

Der Name des Schiffes ist Synonym für die größte Tragödie der neuzeitliche Seefahrt. Seit der Luxuskreuzer in jener verhängnisvollen Nacht zum 15. April 1912 auf seiner Jungfernfahrt im Nordatlantik einen Eisberg rammte, sank und über 1500 Menschen in en Tod riß, symbolisiert ein Wort die Katastrophe: Titanic.

Der Name de Regisseure ist Synonym für formvollendetes Adrenalin-Kino. Aber für James Cameron, der mit "True Lies" und den beiden "Terminator"-Filmen die Grenzen des Action-Genres neu definiert hat, bahnte sich bei er monumentalen Inszenierung des Titanic-Untergangs sein ganz persönliches Desaster an. Während der Drehzeit schoß das Budget des Films von 125 auf 285 Millionen Dollar, Crew und Schauspieler wurden tagelang von einer PCP-Vergiftung außer Gefecht gesetzt, und nicht weniger als zehn Special-effects-Studios mußten Camerons Firma Digital Domain unterstützen, um die aufwendige Postproduktion zu bewältigen. Und als "Titanic" endlich, mit beinahe sechsmonatiger Verspätung, über die US-Leinwände schipperte, hatten die Kritiker schon längst eine Kino-Katastrophe epischen Ausmaßes vor Augen und den Nachruf auf die Karriere Camerons bereits im Textcomputer. Sollte seine schier maßlose Gigantomanie den Untergang des besessenen Regie-Perfektionisten besiegeln?

Schluß mit den Spekulationen: "Titanic" ist da, und Kapitän Cameron hat sein Schiff sicher in den Hafen gebracht. Über eine Laufzeit von drei Stunden und vierzehn Minuten (länger als der echte Luxusliner brauchte, um zu sinken) erstreckt sich eine kraftvolle, mitreißende Saga, und die Qualität von "Titanic" beschränkt sich nicht allein auf die - natürlich - brillianten Spezialeffekte. Denn im Gegensatz zu "T2" und "True Lies" konzentriert sich Cameron in "Titanic" voll und ganz auf seine Figuren. Und ähnlich wie in "Romeo & Julia" ist die verbotene und zum Scheitern verurteilte Liebe der Protagonisten der Motor, Herz und Seele der Geschichte: Rose (Kate Winslet) ist ein hübsches Mädchen aus der ersten Klasse, das an den hohen Erwartungen seiner Mutter und seines Verlobten beinahe zerbricht. Jack (Leonardo DiCaprio) ist ein junger, freigeistiger Dritte-Klasse-Paasagier. Er rettet Rose bei ihrem Selbstmordversuch, verliebt sich in sie - und befindet sich damit auf Kollisionskurs mit der strengen, snobistischen Gesellschaft. Daß die Bezieung der beiden, der einzig fiktive Stein in Camerons Katastrophen-Mosaik, zuweilen in schaurig-schönen Kino-Kitsch abzugleiten droht (etwas wenn Roses Schmuckstück, ein angeblich unheilbringender Diamant, bedeutungsschwanger ins Bild gerückt wird), machen Winslet und DiCaprio durch ihr jugendlich-kraftvolles Spiel wieder wett.

Die Liebesgeschichte darf natürlich nicht dazu führen, daß die "Titanic" gegen Ende das Wasser unterm Kiel verliert. Neben der künstkerischen Kür erwartet das Publikum - zu Recht - die Pflicht, nämlich die spektakuläre Inszenierung des Untergangs. Und Cameron weiß, was er seinen Zuschauern schuldig ist. Die Kombination aus Miniaturen, lebensgroßen Modellen und Computeranimationen erweckt das Prachtschiff buchstäblich wieder zum Leben - und läßt es ebenso authentisch sterben. Der Untergang der Titanic gehört zum absolut Eindrucksvollsten, was im Katastrophen-Genre jemals gedreht wurde. So wie "Jurassic Park" die Spezialeffekte in den neunziger Jahren revolutionierte, läuten die "Titanic"-Tricks schon heute das nächste Jahrtausend ein. Wenn Menschen in dem umgekippten Schiff metertief in den Tod stürzen, der Rumpf der Titanic in zwei Teile zerbricht und der angeblich unsinkbare Stolz der christlichen Seefahrt sein frühes Grab findet, läuft Cameron, der master of disaster, einmal mehr zur Höchstform auf. 285 Millionen Dollar kostete sein Meisterstück, und in der atemberaubenden Untergangssequenz ist jeder Cent davon auf der Leinwand zu sehen.

Aber Camerons "Titanic" ist mehr als die dramatische Nacherzählung einer der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Sein Film ist ein Lehrstück über die irrige Annahme des Menschen, die unverwundbare Krone der Schöpfung zu sein. Er ist eine Geschichte über die soziale Arroganz und das mangelnde Mitleid der Menschen. Und er ist ein tragisches Epos über Glaube, Liebe und Courage. Unter den zahlreichen Filmen, die das Titanic-Disaster thematisieren, gelingt nur James Cameron das Kunststück, neben einer spannenden Geschichtsstunde auch noch einen ergreifenden Film zu inszenieren.

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