Quelle: http://www.cinema.de/film/der-mann-der-niemals-lebte,3361538.html

 

 

Der Mann, der niemals lebte

Hollywood im Terrorkampf: Im Auftrag des CIA lassen Leonardo Dicaprio und Russell Crowe im Nahen Osten die Waffen sprechen

Die USA haben der Welt in den letzten Jahren übel mitgespielt - nun bekommen sie die Quittung dafür", sagt Regisseur Ridley Scott ("Königreich der Himmel"). Und spricht damit die verworrene Lage in den arabischen Krisenregionen an.

Nach seinem kontroversen Kriegsdrama "Black Hawk Down" über den Abschuss von zwei amerikanischen Militärhelikoptern in Somalia widmet sich der Filmemacher hier erneut einem politischem Thema. Seine üblichen Blockbuster-Zutaten - schnelle Schnitte, halsbrecherische Kamerafahrten und einen Soundmix, der die Luft vor Spannung knistern lässt - vermischt der 71-Jährige mit zynischen Beobachtungen über die globale Jagd auf Islamisten - ohne den Konflikt schwarz-weiß zu malen. Dazu Scott: "Rückzug? Sind Sie wahnsinnig, die ganze Region würde im Chaos versinken. Allerdings kann auch ich keinen Ausweg aus dem Hut zaubern." Stattdessen versucht er, die Lage so realistisch wie möglich darzustellen - schließlich könne heute dank der nicht selten manipulierten Informationen niemand mehr sagen, was Dichtung und was Wahrheit sei.

In seiner düsteren Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von David Ignatius, in der Moral, Loyalität und Integrität schon lange keine Werte des Westens mehr sind, soll der junge Feldagent Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) im Irak und in Jordanien den Al-Qaida-Führer Al-Saleem (Alon Abutbul) zur Strecke bringen. Seine Befehle erhält er von dem konservativen Hardliner Ed Hoffman (Russell Crowe), der die Operation via Satellit aus seinem Wohnzimmer dirigiert. Bis Ferris aus Liebe zu der schönen Araberin Aisha (Golshifteh Farahani) auf eigene Faust handelt und einen folgenschweren Deal mit dem jordanischen Geheimdienstchef Hani (Mark Strong) eingeht.

Es ist Krieg, und niemand sieht hin. So redlich Hollywoods Aufarbeitung mit dem "War on Terror" im Mittleren und Nahen Osten auch ist, so sträflich wird es bislang vom Publikum missachtet. Ob wuchtige Actionkracher wie "Operation: Kingdom" oder intelligente Dramen wie "Jarhead" und "Im Tal von Elah" - das Thema Irak und Afghanistan hat sich in den letzten Jahren nicht gerade zum Zuschauermagneten entwickelt. Und ob Brian De Palmas "Redacted" und Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" hierzulande in die Kinos kommen, ist fraglich. Diesem Negativ-Trend versucht nun Blockbuster-Lieferant Ridley Scott entgegenzuwirken - mit der Unterstützung zweier Oscar-Gewinner (Russell Crowe und Drehbuchautor William Monahan) sowie des für drei Goldjungen nominierten Leonardo DiCaprio.

Und Scotts Konzept geht trotz einiger Längen auf: Seine Mischung aus massentauglichem Actioner und smartem Politthriller fasziniert, seine Schilderung der Ereignisse in Irak und Jordanien erschüttern und fesseln zugleich. Allein das Foltermartyrium, das Leonardo DiCaprio gegen Ende des Films zu durchleiden hat, geht in seiner markerschütternden Kompromisslosigkeit an die Substanz. Erinnerungen an die Enthauptung des US-Journalisten Daniel Pearl durch pakistanische Fundamentalisten 2002 oder die des Geschäftsmannes Nicholas Berg vor laufenden Kameras 2004 im Irak werden unweigerlich wach.

Als Hauptdarsteller konnte Scott wie üblich die A-Liga der Traumfabrik um sich scharen: "Gladiator" Russell Crowe, der wie schon für das Wirtschaftsdrama "The Insider" 25 Kilo zulegte, brilliert hier als selbstgefälliger CIA-Mann, der sich als Inkarnation von Uncle Sam sieht: "Liebling, kommst du zum Essen?", ruft ihm seine Frau zu. "Ich rette gerade die Zivilisation", entgegnet er ohne jeden Anflug von Ironie in der Stimme.

Leonardo DiCaprio wandelt sich nach seinem Auftritt als Polizeispitzel in "Departed: Unter Feinden" und als desillusionierter Glücksritter in "Blood Diamond" mehr und mehr zum ambivalenten Helden Hollywoods. Hier glänzt er als idealistisches Kanonenfutter der westlichen Welt, den die Realität zunehmend in die Knie zwingt. Und eine Waffenruhe ist für den 34-Jährigen nicht in Sicht: Derzeit dreht er mit seinem Mentor Martin Scorsese ("Kap der Angst") den Thriller "Shutter Island", in dem er nach einer geisteskranken Mörderin auf einer einsamen Insel sucht.

Die große Entdeckung des Films aber ist ohne Frage der Engländer Mark Strong ("Babylon A.?D."), der als charismatischer Geheimdienstchef von Jordanien die Fäden im Hintergrund zieht. Zwischen Verachtung für den Westen und den Monarchie bedrohenden Islamisten hin- und hergerissen, verkörpert er die einzige halbwegs integre Person im unentwirrbaren Dickicht aus Lügen, Verrat und Täuschung.

Am Ende des Films gibt ausgerechnet Islamistenführer Al-Saleem die einzige ernstzunehmende Vorhersage für die Zukunft ab: "Es wird auf der Welt immer genug Armut und Verzweiflung geben, um Märtyrer zu erschaffen." Eine beunruhigende Aussicht.

*

ÜBER SEINE FILME

MAIN