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Schnitt - Das Filmmagazin - Nr. 14/1999 Wofür ein gewisser Helmut Dietl drei
Filme brauchte, wovon der letzte leider wirklich das Letzte ist, benötigt Woody
Allen gepflegte 113 Minuten. Celebrity ist trefflichst
gelungene Medien- und Showbiz-Satire und umfaßt vom Verlagswesen über Modewelt
bis hin zum Fernsehen nahezu die ganze Branche. Die gesamte Bandbreite des
Promiwahnsinns, das Ausmaß des maskierten Branchen-Habitus´ zieht Woody Allen in
erster Linie an der Figur Lee Simons auf. So gerne wäre Lee Teil des ganzen
Zirkus, doch je stärker sein Verlangen wird und je näher er einflußreichen
Berühmtheiten zu kommen glaubt, umso mehr entfernt er sich von seinem Ziel und
vor allem sich selbst. Lee Simons ist wohl das ärmste
Wüstchen, das Woody Allen je geschaffen hat und die Besetzung von Kenneth
Brannagh eine seiner grandiosen Ideen. Allen gelang es, Brannagh endlich diesen
künstlichen Stuck aus dem Antlitz zu vertreiben, mit dem er regelmäig
Shakespeare zum Bürgerlichen Trauerspiel zu degradieren pflegt. Brannagh
verbreitet eine atemberaubende Glaubwürdigkeit, fast Natürlichkeit in der
Umsetzung der Figur, die selbst im Presseheft fälschlich als "Alter ego" Allens
bezeichnet wird. Dabei ist sie das gerade nicht. Mag auf den ersten Blick die
Gestik und besonders die Art, wie Brannagh spricht, auf die Allensche Figur
verweisen, so erscheint bei genauer Sicht klar, warum Allen diesmal zu spielen
verzichtete. Die ausgesprochene Tragik der Figur, die sich bereits im ersten
Bild durch das himmlische "Help" andeutet und darin gipfelt, daß Lee am Ende als
einziger übrigbleibt, der keinen müden Schritt weiter gekommen und zu keinerlei
Selbsterkenntnis gelangt ist, diese Tragik unterstreicht Brannagh durch
anbiedernde Blicke und großartig subversive Unterwürfigkeit, reichend bis zur
Selbstverleugnung. Jener substantielle Verlust der eigenen Würde ist es, wodurch
sich Lee deutlich von allen Allen-Figuren absetzt. Nicht selten war Allen in
seinen Filmen am Ende der Verlierer, doch gemäß der großen Therapie-Idee gab es
auch immer etwas zu gewinnen, er blieb Sympath - für Lee bleibt als letzte
Empfindung höchstens kopfschüttelndes Mitleid. Niemals hätte sich Alvy Singer
oder Issac Davis selbst aufgegeben, nicht einmal Harry Block, nur um in der Nähe
von Stars etwas von deren Glanz für sich zu ergattern. So hat Woody Allen seinem Kosmos erneut
eine überraschende Seite abgewonnen und distanziert speziell in einer Szene sein
Regie-Ich auf die ihm eigene ulkige Art von der Hollywood-Celebrity: Vor einem
Kinobesuch des neuen Films von John Papadakis erklärt Joe Mantegna, Papadakis
sei einer dieser Idioten, die all ihre Filme in Schwarzweiß drehen würden.
Dieser schrägen Verbeugung vor dem europäischen Autorenfilm, mit der Allen
gleichsam sich selbst und auch seinem großartigen Kameramann Sven Nykvist
huldigt, schließe ich mich geneigten Hauptes an: Ich liebe diese Idioten! Von Oliver
Baumgarten * |