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Aus: Blickpunkt:Film Titanic Kein Eisberg in Sicht, der James Camerons fabelhafte
"Titanic" versenken könnte. In dem nach eigenem Bekunden 200 Mio. Dollar teuren
Film lädt der Vater des "Terminator" den Zuschauer ein auf eine 194 Minuten
währende, aufregende, spektakuläre Kreuzfahrt auf den Grund des Meeres. Mit
seiner verblüffend klischeefreien Lovestory zwischen einem mittellosen
Lebenskünstler und einem Mädchen aus feinem Hause löst Cameron das lange
gegebene Versprechen ein, handwerkliche Perfektion und technologische Innovation
homogen mit einer hochemotionalen, dramaturgisch erstklassig gestalteten
Geschichte zu verschmelzen.
Seine größte Leistung besteht dabei nicht darin, daß er den Untergang des
weltberühmten Schiffes mit allen Mitteln der Technik absolut detailgetreu
wiedergibt, sondern daß Gefühle in seinem Meisterwerk zu jeder Zeit über die
makellosen Effekte triumphieren. Wer angesichts der zwei bekanntesten Filme
Camerons, "Aliens - Die Rückkehr" und "Terminator 2" verblüfft ist von der
Bedingungslosigkeit, mit der sich der erklärte Technokrat hier einer
Liebesgeschichte annimmt, übersieht, daß sich dieses Motiv wie ein roter Faden
durch sein Oevre zieht: Schon in "Terminator", "True Lies" und am deutlichsten
in "Abyss" balancierte er eiskalte Extremsituationen mit bewegenden Geschichten
über große Gefühle aus.
Neu an "Titanic" ist, daß sich der Filmemacher aus dem Korsett der
Genrekonventionen gewunden hat und der Tragweite seines Melodrams zusätzliches
Gewicht verlieh, indem er sie in den Kontext einer authentischen
Schiffskatastrophe, das Mahnmal für menschliches Versagen und die Fehlbarkeit
des technologischen Fortschritts, stellte. Camerons Vorliebe für starke,
faszinierende Frauen ist bekannt. Seine Rose Dewitt Bukater, von Kate Winslet
mit dem rechten Maß an Lebensmut und strahlender Neugier ausgestattet, ist denn
auch als direkte Vorfahrin jener Sarah Connor zu sehen, die in "Terminator" von
der mausigen Angestellten zur Guerillakämpferin heranreifen durfte.
Rose legt einen ähnlichen Weg in die Unabhängigkeit zurück: An Bord der
Titanic schippert das Aristokratenmädchen einem öden Leben an der Seite des
traditionalistischen Millionenerben Hockley (Billy Zane mit sichtlichem Spaß an
der Rolle eines blasierten Snobs) entgegen und denkt an Selbstmord, bis sie den
Dritte-Klasse-Passagier Jack Dawson (Leonardo DiCaprio noch besser als in
"William Shakespeares Romeo & Julia") kennenlernt. Der entfacht ihre Lust am
Leben aufs neue, indem er ihr Wege außerhalb der gesellschaftlichen Konvention
aufzeigt und ermöglicht. Wenn sich ihre Situation nach dem fatalen Zusammenstoß
mit einem Eisberg am 15. April 1912 dramatisch zuspitzt, hat Cameron den
Zuschauer ebenso raffiniert wie ökonomisch auf einen eineinhalbstündigen (!)
Showdown vorbereitet, der ohne Beispiel ist.
Bevor Cameron jedoch sein unvergleichliches Gespür für Action, Tempo und
Spannung aufbieten darf, um den Zuschauer mitten in den Überlebenskampf von 1500
Menschen zu schleudern, hat "Titanic" bereits eine weite Strecke zurückgelegt.
Nach dem Beginn in den Tiefen des Ozeans, wo atemberaubende Aufnahmen vom Wrack
des einstmals so majestätischen, als unsinkbar geltenden Schiffs für die
standesgemäße Einstimmung sorgen, wendet sich die Handlung einer Gruppe von
modernen Abenteurern unter der Führung des Glücksritters Lovett (Cameron-Regular
Bill Paxton) zu. In den Überresten suchen sie nach einem sagenumwobenen
Diamanten, fördern aber statt dessen die Geschichte der mittlerweile 101jährigen
Rose zu Tage, die den Untergang der Titanic überlebte.
Ihre Erzählung packt Fleisch und Blut auf das rohe Skelett einer von Lovetts
Leuten angefertigten Computersequenz, in der die Fakten des Unglücks
rekapituliert werden, und verleiht den abstrakten Koordinaten der Katastrophe
ein menschliches Antlitz. Ein gelungener Kunstgriff, denn diese Information ist
auch für den Zuschauer hilfreich, wenn sich das Chaos nach all den begeisternd
süffigen Bildern von dem penibel nachkonstruierten Schiff (inklusive einiger
irrer Kameraschwenks über das gesamte Deck) auf dem Luxuskreuzer schließlich
Bahn bricht: Stets ist man im Bilde über die Vorgänge, die man sonst nur schwer
in einen Kontext setzen könnte.
In Realzeit bannt Cameron die letzte Stunde der Titanic nach der Kollision
mit dem Eisberg auf Zelluloid. Gleichzeitig eskaliert auch die
Dreiecksgeschichte. Während sich an Bord nach anfänglicher Ungläubigkeit Panik
breit macht, die Menschen in Todesangst zu den beruhigenden Klängen des
Orchesters einen Platz in den viel zu wenigen Rettungsbooten suchen und das
Schiff sich aufbäumt, um schließlich in zwei Teile zu brechen und unterzugehen,
fechten Jack und der arrogante Hockley ein nicht weniger dramatisches Duell um
Rose und das nackte Überleben aus. Weil alle Details hundertprozentig stimmen,
in fast allen Fällen nicht zu ahnen ist, wann und wo die Spezialeffekte zum
Einsatz kommen, ist die Illusion perfekt, der Kampf der beiden packender und
spannender als alles andere, was 1997 produziert wurde.
James Cameron erweist sich mit seinem Liebesfilm für das nächste Jahrtausend
nicht nur einmal mehr als großer Filmemacher mit Vision, sondern auch als
überragender Drehbuchautor: Wie aus einem Guß präsentiert sich dieses
Meisterwerk, das einen staunen läßt, was im Medium Film kurz vor dem Millennium
alles möglich ist. So und nicht anders würde David Lean seine Epen erzählen,
wenn er heute noch filmen könnte. * |