Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/-der-mann--der-niemals-lebte-....

Berliner Zeitung - 21.11.2008

 

 

Entrücktes Töten

"Der Mann, der niemals lebte", ein Film von Ridley Scott

von Gerhard Midding

Der erste Golfkrieg, der die Illusion eines "sauberen", Kollateralschäden weitgehend vermeidenden Krieges genährt hatte, war da gerade ein Jahr vorüber. Nachdem das Kommandounternehmen erfolgreich abgeschlossen ist, herrscht für einen Moment beklommenes Schweigen. Die Geheimdienstler sind verblüfft darüber, wie entrückt das Schauspiel des Tötens doch sein kann. Bei aller klinischen Präzision der Operation empfinden sie kein wirkliches Gefühl der Entlastung oder aber des Triumphes. Eine Erschütterung hat sie ergriffen, für die sie keine Worte finden.

In den 16 Jahren, die seither vergangen sind, haben Überwachungstechnik und Kriegshandwerk so rasante Fortschritte gemacht, dass die Diskussion über ihre moralische Zulässigkeit kaum mithalten konnte. Es wäre vermutlich blauäugig, anzunehmen, dieser Umstand könne einen Regisseur wie Ridley Scott ernsthaft genieren. Das Erzählen kann ihm nicht schnell genug gehen, die kinetische Bildwirkung scheint seinem Kino als Botschaft schon auszureichen.

So ist die Observation in seinem neuesten Film "Der Mann, der niemals lebte" zunächst einmal ein Schauwert. Sie hat einen technischen Standard erreicht, bei dem jede Bewegung auf der Welt überwacht werden kann. Aufnahmen aus Helikoptern und Flugzeugen erwecken regelmäßig den Anschein von ortskundiger Nähe und Kontrolle. Die Verfügbarkeit der Welt ist ein berauschendes, tückisches Sujet für einen Spionagethriller: Wie findet man da noch die Zeit, zu fragen, wie man mit ihr umgehen soll?

Da sich ein Action-Film wie "Der Mann, der niemals lebte" natürlich nicht damit zufrieden geben darf, dass die Kriegsführung aus behaglichem Abstand stattfinden kann, stellen Scott und der Drehbuchautor William Monahan zwei Erzählperspektiven einander gegenüber: die des Agenten Roger Ferris (Leonardo di Caprio), der im Nahen Osten an vorderster Front gegen den Terror kämpft und die seines Einsatzleiters Ed Hoffman (Russel Crowe), der aus Washington per Mobiltelefon jeden seiner Schritte lenkt. Sie tun es mit der aus zahlreichen Kriegsfilmen vertrauten Gewissheit, dass die Verantwortung mit dem räumlichen Abstand nicht unbedingt abnimmt und amerikanische Soldaten sich letztlich nur schuldig machen, weil sie Befehle ausführen. Zu den Strategien der Entrückung gehört auch die vorbehaltlich tröstliche Botschaft, die er für das US-Publikum bereithält: Amerikanisches Territorium ist diesmal nicht bedroht, die Terroristen nehmen nur Ziele in Europa ins Visier.

Ferris soll Al-Saleem dingfest machen, den Chef einer Organisation, die nicht deutlicher an Al-Kaida erinnern könnte. Ferris fingiert Anschläge einer rivalisierende Terrorzelle, die Al-Saleems Eifersucht so weit wecken soll, damit er sein sicheres Versteck aufgibt.John Le Carré hat unlängst in einem Interview das Dilemma des Kampfes gegen den Terror so definiert: Man kann keinen Krieg gegen eine Taktik führen. Hoffman verkörpert einerseits jene Ignoranz der CIA, die den 11. September mit ermöglichte, und zugleich deren rein pragmatische Anpassungsfähigkeit. Er ist ein selbstgefälliger Stratege, dem es an Gespür für kulturelle Rücksichtnahme gebricht. Skrupellos opfert er die Informanten, für die Ferris ein echtes Verantwortungsgefühl empfindet. Zum polternden, anmaßenden Hoffman baut der Film bald eine charismatische Gegenfigur auf: den jordanischen Geheimdienstchef Hani (Mark Strong), mit dem Ferris paktieren soll. Strong spielt ihn als einen vornehmen Hedonisten mit untadeligen Manieren, der Geschmack hat an erlesenen Zigarren, exquisiten Gespielinnen und edlen Maßanzügen.

Der Film vollzieht eine beachtliche dramaturgische und auch ideologische Bewegung, indem er Hani moralische Integrität und professionelle Souveränität zubilligt. Vertrauen und Ehre sind keine leeren Worte für ihn, statt auf Folter setzt er auf Bestrafung und Loyalität.

So regt sich zaghaft eine ganz unamerikanische Ahnung in dem Film: dass die USA vielleicht nicht der alleinige Weltpolizist sein sollten. Die naiv angelegte Liebesgeschichte Ferris' mit einer muslimischen Krankenschwester rührt an die Angst, aber vielleicht auch die Hoffnung, die darin liegt, sich in der Ferne einer fremden Kultur anzuverwandeln.

*

ÜBER SEINE FILME

MAIN