Filmdienst Nr. 20 - 1995

 

Jim Carroll - In den Strassen von New York

von Mark Kieppe

 

Bei diesem Spielfilmdebüt des Videoclip-Spezialisten Scott Kalvert handelt es sich nicht etwa um einen Sport(ler(film, sondern um das beklemmende Protokoll einer Drogensucht nach den 1978 veröffentlichten Tagebüchern des heute 45jährigen New Yorker Underground-Poeten und Musikers Jim Caroll ("Living at the Movies") aus seiner frühen Jugend in den 60ern. Obwohl Carroll fast gleichzeitig mit der Buchveröffentlichung auch die Filmrechte freigab, scheiterten sämtliche früheren Adaptionsversuche - entweder an der schwierigen Umsetzung der episodenhaften, nicht linearen Erzählung in ein Drehbuch oder an der Besetzung der anspruchsvollen Hauptrolle.

Drehbuchautor Bryan Goluboff, der sich wie der 30jährige Kalvert zu den Ur-Verehrern Carrolls zählt, beginnt seine Geschichte an der katholischen St. Vitus Highschool in New York, wo Jim und seine Freunde Mickey, Pedro und Neutron die Stützen des besten Basketball-Schülerteams der Stadt bilden. Für das scheinbar unzertrennliche, aber charakterlich doch sehr unterschiedliche Quartett bietet der Sport neben spontan provozierten Schlägereien mit den Konkurrenzmannschaften, ersten Drogenexperinmenten, kleinen Diebestouren, waghalsigen Felssprüngen in den Hudson River und anderen gefährlichen Mutproben allerdings nur eine Möglichkeit unter vielen, ihren unbängigen (Er-)Lebenshunger zu stillen, der für Jim allein von der Leukämie seines im Krankenhaus dahinsiechenden Freundes Bobby gebremst wird. Die verhängnisvolle Verwechslung von Uppers und Downers kurz vor einem wichtigen Meisterschaftsspiel markiert den Anfang vom Ende: chemisch ausgeknockt, werden die einst "Unbesiegbaren" von ihren Gegnern vorgeführt und anschließend erst aus dem Team, dann von der Schule geworfen. Während Neutron noch die Kurve kriegt und die Clique verläßt, durchlaufen der vom Tod Bobby´s zusätzlich geschockte Jim, Mickey und Pedro alle Stationen der klassischen Drogenkarriere: von der Flucht in den Rausch, über Abhängigkeit und Isolation, Beschaffungskriminalität und Prostitution, Entzugsversuchen und Rückfällen bis zur schließlich endgültigen seelischen und körperlichen Kapitulation.

Die bis zum Ende inkonsequent bleibende Verlegung der Geschichte in die Jetztzeit durch eine willkürlich wirkende Vermischung von Musik, Ausstattung, Sprache und prominenten Namen aus den späten 60er und frühen 90er Jahren mag bei einem Minimalbudget von knapp fünf Millionen Dollar durchaus verständlich sein; schwerer ins Gewicht fällt die Verkürzung der Vorlage auf die Suchtkrankheit des Autors und die Beziehungen zu dessen Leidensgenossen. Die mögliche Ursachen und Hintergründe aber, die Auseinandersezung Carrolls mit seiner Mutter, seiner katholischen Erziehung, der Religion und ihrer Rituale wird bis auf wenige, dramatisch zugespitzte Szenen und sporadisch aus dem Originalwerk zitierenden voice-overs im Film weitgehend ausgespart. Überstrahlt bzw. verdunkelt werden die inhaltlichen Defizite allerdings durch die herausragende Leistung der überwiegend jungen, noch unbekannten Darstellerriege - allen voran Leonardo DiCaprio inn seiner ersten Hauptrolle, der sich bereits an der Seite etablierter Stars wie Robert De Niro ("This Boy´s Life") und Johnny Depp/Juliette Lewis ("Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa") behaupten und sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellen konnte. Sein stets hochkonzentriertes und leidenschaftlich-sensibles Spiel verleiht dem Film eine emotionale Kraft und Eindringlichkeit, die ihn von vielen larmoyant-belehrenden Drogen-Dramen abhebt. Für den 20jährigen scheint offensichtlich keine Aufgabe zu groß zu sein - auch nicht der für ihn bereits reservierte Part des James Dean in dem gleichnamigen, lange angekündigten Film, für den allerdings immer noch ein Regisseur gesucht wird.

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