Cinema - Februar (?) 2003
Interview mit Michael Ballhaus

 

 

 

Rembrandts Farbenspiel

 

Kameramann Michael Ballhaus über die Inspirationen zu seinen "Gangs of New York"-Bildern und über Leonardo Dicaprios Auftritt am Set

 

Director of Photography, Bildregisseur, hält der 67-jährige für eine treffendere Berufsbezeichnung als "Kameramann". Mehr als 80 Kinofilme hat Michael Ballhaus bis heute fotografiert, gut die Hälfte davon für Hollywood. Während der 70er Jahre war er das Auge von Rainer Werner Fassbinder, mit dem er 14 Filme realisierte, darunter dessen größten Erfolg "Die Ehe der Maria Braun". Als er Anfang der 80er Jahre von Martin Scorsese angefordert wurde, "konnte ich vor Aufregung nächtelang nicht schlafen", erinnert er sich. In den USA stieg er schnell zu einem der gefragtesten Bildermacher auf, rückte Stars wie Harrison Ford, Tom Cruise oder Will Smth ins rechte Licht und erhielt Oscar-Nominierungen für "Nachrichtenfieber" und "Die fabelhaften Baker Boys". "Gangs of New York" markiert Ballhaus' sechste Zusammenarbeit mit Martin Scorsese.

 

Gibt es im Kino so etwas wie eine visuelle Mode?

Vergleicht man Filme aus den letzten Jahrzehnten mit aktuellen, kann man das schon feststellen. Zunächst fallen die schnelleren Schnitte auf. Der modernen Hektik passt sich die Kamera mit wilden Fahrten und Schwenks an. Die Optik ist heute weitwinkliger, die Farben sind erheblich kälter. Das warmen Technicolorrot der Western aus den 50er Jahren ist einem fröstelig-verwaschenen Blau gewichen, was man gut in "Minority Report" beobachten kann. Ich bemühe mich, der Mode zu widerstehen. Schnelle Filme mit vielen Spezialeffekten sind nicht so mein Fall.

Wie haben Sie mit Martin Scosese den Look für "Gangs of New York" entwickelt?

In der Vorbereitungszeit gab mir Martin Scorsese ein Buch über den holländischen Maler Rembrandt. Dessen Bilder haben ein sehr weiches Licht, gleichzeitig viel Dunkelheit und Schatten. Anhand dieser Inspiration versuchte ich, Bilder mit sehr erdigen Tönen zu machen. Als Lichtquellen verwendeten wir Feuer, Kerzen, Fackeln, Gaslaternen - der Film spielt im Jahr 1842 und zeigt eine schmutzige Welt voller Korruption, Prostitution und Mord.

Warum wurde der Film, dessen Handlung ausschließlich in New York spielt, in den römische Cinecittà-Studios gedreht?

In New York findet man keine Ecke mehr, die auch nur so ähnlich aussieht wie Mitte des 19. Jahrhunderts. Man muss also alles nachbauen. Also sind wir dorthin gegangen, wo optimale Bedingungen waren. Im italienischen Winter ist das Wetter milder als in New York. Zudem wollten wir mit Dante Ferretti arbeiten, dem besten Ausstatter der Welt. Für uns hat er unter anderem einen Hafen mit zwei beweglichen Schiffen gebaut. Der Kai wurde ausgelegt mit hundert Jahre alten Eisenbahnschwellen. Die besorgt man nicht so leicht.

Es war zu lesen, dass der Produzent Harvey Weinstein mit dem Rohschnitt des Films nicht zufrieden war, was zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und Martin Scorsese führte. Wissen Sie, worum es ging?

Scorsese wollte unbedingt einen bis ins historische Detail korrekten Film drehen, während Weinstein glaubte, dass die Zuschauer all die Details gar nicht bemerken. Die würden sich nur für die Hauptfigur und ihre Geschichte interessieren, meinte er. Das ist ein typischer Konflikt zwischen Produzent und Regisseur, absolut alltäglich in der Filmindustrie. Als filmverrückter Geschäftsmann, dem ein fast vierstündiges Opus zu wenig kommerziell ist, kam Weinstein des öfteren in den Schneideraum und sagte: "Hey Marty, du bist ein Genie, aber bitte schneide diese bestimmte Sequenz heraus." Und Scorsese sagte dann immer "No!" Nun ja, wie wir wissen, haben sich die beiden auf eine Fassung geeinigt.

Immerhin musste dann doch eine Szene nachgedreht werden - in einem New Yorker Studio.

In New York standen alle benötigten Personen schneller zur Verfügung. Es ging um eine Kampfszene zwischen Leonardo DiCaprio und Daniel Day-Lewis. Daniel ist ein ziemlicher Kerl, immer gut trainiert. Um gegen ihn anzutreten, schwitzte Leonardo über Monate im Kraftraum und legte dabei gut 20 Pfund zu. Die waren beim Nachdreh allerdings wieder verschwunden, weil er zwischendurch mit Steven Spielberg "Catch me If You Can" gedreht hatte, wofür er schmächtiger aussehen musste. Also haben wir Leo auf kräftig geschminkt und jede Menge Watte in die Wangen gestopft, damit er in diesen Sekunden nicht komplett anders aussieht als im übrigen Film. War eine ziemlich knifflige Sache, aber wir haben's hingekriegt.

Haben Sie eine Lieblingsszene in "Gangs.."?

Es gibt eine sehr dramatische, emotionale Liebesszene zwischen Leonardo Dicaprio und Cameron Diaz. Sie findet statt, als er erfährt, dass sie ein Verhältnis mit seinem Erzfeind Daniel Day-Lewis hat. Mit erotische Szenen konnte Scorsese wie übrigens die Mehrheit der amerikanischen Regisseure nicht viel anfangen. Aber ich hielt speziell diese Sequenz für essentiell in der ganzen Geschichte. Also zeigte ich ihm den französischen Film "Die Bartholomäusnacht", in dem es eine wunderbare Szene gibt, in der Isabell Adjani zum ersten Mal mit ihrem Liebhaber schläft. Man sieht nicht viel Haut, und es gibt kaum Licht, aber es herrscht eine ungeheure Leidenschaft. Mit der Vorführung habe ich Martin Scorsese überzeugt, wie großartig so etwas wirken kann. Auch Leonardo und Cameron waren Feuer und Flamme. So drehten wir eine tolle Szenen voller Vitalität und Leidenschaft, auf die ich richtig stolz bin.

Angeblich ist der Umgang mit Leonardo DiCaprio nicht ganz einfach am Set, einige behaupten, ihm sei der "Titanic"-Rummel zu Kopf gestiegen. Was waren Ihre Erfahrungen?

Er kam vielleicht einmal oder zweimal zu spät zur Arbeit, was in sieben Monaten Drehzeit jedem passiert. Mit anderen Skandalgeschichten kann ich leider nicht dienen. Natürlich waren wir gespannt, wie sich unser 20-Millionen-Dollar-Star in das Team einfügen würde. Doch vom ersten Tag an war Leo ein sachlicher, freundlicher junger Mann, der Martin Scorsese verehrte und bei jedem Wort an seinen Lippen hing. Außerdem war er ein echter Kumpel, gerade für mich. Seine Mutter ist ja Deutsche, und wir haben uns zwischendurch immer wieder sehr herzlich auf Deutsch unterhalten.

Leo besitzt zwei besonderere Eigenschaften. Das ist zum einen sein Gespür für die Kamera. Er sieht das Objektiv als sein Publikum und weiß instinktiv, wo es sich hinbewegt und wann er sich zum Beispiel vorbeugen muss, um das richtige Licht zu haben. Das ist für einen Bildermacher wie mich ganz wunderbar. Zum anderen vermag er seine Seele zu öffnen. Durch seine Augen blickt man in sein tieferes Ich. Gewiss macht ihn diese Offenheit verletzlich, was andere mit Allüren verwechseln. Aber genau das ist die Gabe, die den Schauspieler vom Star unterscheidet.

Das Interview führte Jochen Schütze

 

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