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Dichterliebe

Manchmal verdirbt der Erfolg einen Schauspieler, der früher einmal richtig gut war: ein klassisches Beispiel dafür ist Leonardo DiCaprio. Mit "Titanic" und "The Beach", aber auch schon mit Baz Lurman's "Romeo und Julia" in die romantische Mädchenschwarm-Rolle gedrängt, hat er inzwischen keine Chance mehr, an seine frühere Qualität etwa als Johnny Depps behinderter kleiner Bruder in "Gilbert Grape" oder aber auch an diesen wilden kleinen Film neben David Thewlis (am ehesten erinnerlich als der einzige Lichtblick im ansonsten grässlichen "Sieben Jahre in Tibet") wird er wohl nicht mehr anknüpfen können.

An der Oberfläche ist dies ein Film über Paul Verlaine (Thewlis) und Arthur Rimbaud (DiCaprio), die beiden wichtigsten Dichter des französischen Sprachraums im ausgehenden 19. Jahrhundert, und entscheidende Wegbereiter der Moderne in der Literatur überhaupt. Doch wer eine Poeten-Biographie im klassischen Sinne erwartet, dürfte ziemlich ratlos vor dem Bildschirm sitzen, vielleicht sogar verärgert sein. Nur zufällig handelt diese wilde Geschichte von Dichtern; sie ist überliefert, weil die Protagonisten darüber schrieben, doch an sich ist sie überraschend universell und modern - wenn wir denn zugeben wollen, dass dergleichen Exzesse mutatis mutandis eigentlich in uns allen stecken. Rimbaud, der sein gesamtes Oeuvre vor seinem 20. Lebensjahr schrieb und dann nur noch in der Welt unterwegs war auf der Suche nach Abenteuern, von Leonardo DiCaprio mit verblüffend kindlicher Wildheit gespielt, begibt sich in das Abenteuer, den zehn Jahre älteren Kollegen Paul Verlaine kennenzulernen. Als junger Wilder vom Lande dringt er in das nahezu bürgerlich geordnete Pariser Leben Verlaines und dessen schwangerer Frau Mathilde ein. Verlaine ist von dem unverschämt jungen, idealistischen und sich selbst als Genie bezeichnenden Rimbaud auf Anhieb fasziniert. Die beiden werden schon bald ein Liebespaar, wobei der exzentrische, aggressive Jüngere den Älteren nicht selten demütigt. Eine immer bösartiger werdende leidenschaftliche 'Amour fou' bringt die beiden Männer in eine destruktive und auch heftig selbstzerstörerische gegenseitige Abhängigkeit. Der Blick, den der Film auf dieses Dichterverhältnis wirft, hat etwas erfrischend Junges und gleichzeitig etwas so abgrundtief Böses, Zynisches, dass es haargenau in unsere Zeit passt: der Blick auf die Liebe als "totale Finsternis" des Verstandes hat etwas ganz erstaunlich Modernes, der die Ereignisse aus dem späten 19. Jahrhundert für uns unmittelbar nachvollziehbar macht.

Quelle: http://www.areion.org/areiononline/videoausgabe130.html

 

Vielen Dank an Gabi !

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