DER SPIEGEL 48/1997

 

"Apokalypse, wow!"

 

Noch vor seinem offiziellen Weltstart im Dezember gab es für den teuersten Film aller Zeiten eine Europa-Preview: James Camerons Hollywood-"Titanic" lief bei einer "Royal Film Performance" in London. Schirmherr: Prinz Charles. Von Fritz Rumler

Es war ein bißchen wie damals auf der "Titanic". Erwartung lag in der Luft - damals auf die Jungfernfahrt des größten Luxusliners seiner Zeit, diesmal auf die Europa-Premiere des teuersten Films aller Zeiten. Als technische Meisterwerke waren beide avisiert, mithin als unsinkbar anzusehen.

An die anderthalbtausend Seelen hatten sich versammelt; annähernd so viele, wie damals im eisigen Nordatlantik erloschen. Diesmal kamen alle aus der Ersten Klasse, Models wie Kate Moss oder grauköpfige Kenner wie die drei "Officers" der "British Titanic Society"; Brian aus Southampton, Geoff aus Liverpool und Steve aus den Midlands.

Gegen 19 Uhr wurden, aus Sicherheitsgründen, die Schotten dichtgemacht, die Türen geschlossen. Wie damals an Bord zog eine Musikkapelle auf, diesmal 21 Mann der "Band and Trumpeters of HM Royal Marines", sehr malerisch-martialisch mit weißen Pickelhelmen. Sie spielten Regimentsmärsche, Matrosen-Shanties, auch Rod Stewarts unvergängliche Hascher-Hymne "I am Sailing".

Kurz vor 20 Uhr verstummten Trommeln und Trompeten, erneut lag Erwartung in der Luft. Denn noch war die Ehrenreihe unbesetzt, das Arrangement aus drei weißen Tüchern und einem Kissen unberührt. Eine Viertelstunde später, nach einem gebellten Befehl, hoben die "Royal Marines" zu Britanniens Nationalhymne an, und Prinz Charles betrat den Schauplatz, im Gefolge auch Sohn und Tochter seiner Freundin Camilla.

London, "Empire"-Kino am Leicester Square, am Dienstag voriger Woche: "Royal Film Performance", eine Benefiz- Veranstaltung zugunsten notleidender Film- und TV-Schaffender, "In the Gracious Presence of His Royal Highness The Prince of Wales". Auf dem Programm: James Camerons 200-Millionen-Dollar-Film "Titanic", einmalige Europa-Preview vor der US-Premiere am 19. Dezember (Deutschland-Start: 8. Januar 1998).

Bevor sich das Wasser des Nordatlantiks hob, trat Cameron ans Mikrofon, wandte sich an "Your Royal Highness" und an "My Lords", versicherte, sein Film besitze, abgesehen von einem "erdichteten" Liebespaar, "historische Genauigkeit", und gab einen ersten Erfolg bekannt: 120 000 Benefiz-Pfund, rund 360 000 Mark, würden den notleidenden Kollegen aus dem Abend (Kartenpreis: bis zu 250 Pfund) zufließen.

Gurgelnd und blubbernd ging es dann in die Tiefe, zum verwucherten Wrack der "Titanic". Cameron war, mit russischen Profis, selbst vor Ort gewesen. Und aus dieser Tiefe steigt dann die romantische Love-Story auf, zwischen der blonden Amerikanerin Rose aus der Ersten Klasse (Kate Winslet) und dem blonden Amerikaner Jack aus der Dritten (Leonardo DiCaprio). Treibsatz des Films ist ein deutsches Phantasieprodukt.

In seinem "Titanic"-Roman aus den frühen dreißiger Jahren hatte Josef Pelz von Felinau einen "Blauen Diamanten" erfunden, der jedem Unglück brachte, der ihn besaß. "Im Jahre 1783 erwirbt ihn Marie Antoinette", schrieb Felinau; in seinem Roman liegt er, deponiert von einem Passagier, im Privatsafe des "Titanic"-Kapitäns Smith.

Bei Cameron vermuten ein paar Abenteurer den "Blauen Diamanten" im Safe einer bestimmten Erste-Klasse-Suite des "Titanic"-Wracks. Mit viel Blubbern und Technik-Brimborium tauchen sie danach, hieven den Safe ans Tageslicht; doch in ihm findet sich nur das gestrichelte Bildnis einer nackten Maja, und an ihrem Halse hängt der Blaue Diamant.

Wie das so geht im Kino: Den TV-Bericht über den Fund sieht eine uralte Dame; sie erkennt sich wieder. Per Hubschrauber und abruptem "Smash Cut" landet sie auf dem Schiff der Abenteurer, und als die sie via Monitor zu einer Unterwasserfahrt einladen, taucht aus ihrem Unterbewußtsein die verdrängte Vergangenheit auf: ihre Reise und Romanze auf der "Titanic", samt Untergang am 15. April 1912.

Eine gewaltige Wasseroper hebt dann an, mit Wagnerianischem Pomp und verblüffender Space-Shuttle-Technologie; mit wirbelnden Massenszenen, luxuriösen Society-Prozessionen, Dantesken Infernos in den Kessel- und Maschinenräumen und irrwitzigen Perspektiven auf die ziemlich maßstabsgetreu nachgebaute Kino-"Titanic". Ein akustisches und optisches Bombardement, titanisch eben.

Nach hundert Minuten, Halbzeit des Films, naht endlich der Terminator, die kalte Götterfaust, der Eisberg: Apokalypse, wow! Kenner der Katastrophe sehen mit Behagen, wie alles nach göttlichem Plan abläuft, Hochmut auf das Fallreep kommt, Snobismus zu Panik wird und aus den Schränken das teure Porzellan purzelt.

Der Untergang des Abendlandes ist ein Seitensprung, die Johannes-Apokalypse ein Kartoffelfeuer im Vergleich zu Camerons "Titanic"-Finale. Greuliche Szenen spielen sich ab, aberwitzige Schrecken. Technisch einwandfrei hebt sich der Hintern des todgeweihten Dampfers, und die Menschen, die sich wie Affen an die Reling klammern, fallen ab wie reife Pflaumen, in die Tiefe. Ein Stunt auf dem Vulkan.

Den Innen-Glamour der "Titanic", die Parade-Treppe der Ersten Klasse, den verschwenderischen Speiseraum, hatte Cameron mit der Akribie nachbauen lassen, mit der ein Schliemann gern Troja restauriert sähe. In diese Pracht brach berstend nun das Wasser, eine Zerstörungsorgie toste und tobte über die Leinwand, und für jeden Titaniker ging noch einmal, voller Schmerz, die Welt unter; seine Welt.

Mythos "Titanic": Sie steht für vieles, die alte Dame, für Hybris und Vergänglichkeit, sie ist zugleich Narrenschiff und griechische Tragödie. Und sie war, im Morgenrot der drahtlosen Sendetechnik, das erste Medienereignis der Weltgeschichte. Das jüngste war der Tod von Diana, Prinzessin von Wales.

Ihr Tod im Pariser Tunnel hat die Welt ähnlich bewegt wie einst die Eisberg-Kollision der "Titanic". Im Londoner "Empire"-Kino saß Prinz Charles in der Ehrenreihe, die lichte Höhe seines Hinterkopfes schimmerte zuweilen. Liegt es für ein fühlendes Herz nicht nahe, sich in sein mögliches Sinnen zu versetzen, den Film mit seinen traurigen Augen anzusehen?

Ein fühlendes Herz wird nämlich nicht umhin können, in der "erdichteten" Love-Story der Cameron-"Titanic" Züge zu erkennen, die an das Leben und Leiden Dianas gemahnen. Auf wundersame Weise verschränken sich so zwei Mythen, und dazu ist Kino schließlich da.

Die blonde Rose, die junge Amerikanerin, kommt mit ihrem Verlobten an Bord der "Titanic", einem herrischen US-Magnaten, der das süße Wesen in seinen goldenen Käfig sperren will. Er rupft ihr die Zigarette aus dem Mund, fegt gelegentlich brüsk den üppigen Frühstückstisch ab und schenkt ihr den "Blauen Diamanten".

Von ihrer Mutter wird Rose, in jeder Hinsicht, ins Korsett geschnürt: Sie soll den Macho heiraten, denn die Familie ist pleite. Rose hat eigene Gedanken; sogar den Dr. Freud hat sie gelesen und zitiert ihn. Der Magnat beschließt daraufhin Kontrolle ihrer Lektüre.

In solcher Lage liegt es nahe, sich das Leben zu nehmen. Am Heck des Dampfers klettert Rose auf die Reling, unten wirbeln die drei mächtigen Schrauben. Plötzlich steht einer hinter ihr, der blonde Jack aus der Dritten Klasse. Höchst dramatisch zieht er sie ins Leben zurück, anhebt die Love-Story.

Während um sie herum die Welt ihren gewohnten Gang und Untergang geht, nehmen Rose und Jack den Pfad zum Glück. Jack, eine Art Brad-Pitt-Bohémien, kann ausdrucksstark zeichnen, also möchte auch Rose skizziert werden. Das gibt Gelegenheit, Rose ganz ohne Korsett zu sehen, nur mit dem blauen Diamanten.

Die beiden spielen richtig moderne Jugend, immer irgendwie die Haare im Gesicht, was den Blick nach vorn nicht stört. Er bringt ihr bei, was man so zum Leben braucht; kräftig spucken können etwa. Und sie zeigt ihm bei Tische, welche Gabel angesagt ist, wenn der Kaviar kommt. Nachher hat er Manieren, und sie boxt einen blöden Matrosen um.

Auf dem Rücksitz eines mitreisenden Luxus-Autos wird, nach US-Art, die Verbindung vertieft. Am Bug der "Titanic" stellt sich Rose dann dem Wind der Freiheit, wild wie die Nike von Samothrake oder die Kühlerfigur des Rolls-Royce. Und juchzt: "Ich fliege, ich fliege."

Ein klassischer Fall von Emanzipation mithin, aber dennoch geht die "Titanic" unter. Nach einem nervenzerrenden Indianer- und Thrillerdrama kreuz und quer durch das moribunde Schiff, mit scharfen Schüssen und heroischer Befreiung des angeketteten Jack, plumpsen die zwei ins eiskalte Meer; Jack stirbt, Rose wird, anders als Diana, gerettet.

Den "Blauen Diamanten" hat sie bei sich, das Schloß des goldenen Käfigs. Zum Schluß des Films taucht die uralte Rose noch einmal auf, und vor den habgierigen Augen der tauchenden Abenteurer wirft sie endgültig das frauenfesselnde Kleinod ab; sie versenkt den Blauen Diamanten im Meer.

Die "Titanic", Britanniens Stolz, gehörte zwar einem amerikanischen Tycoon, fuhr aber unter britischer Flagge und unter der Obhut britischen Personals; das macht im Film einen ziemlich mickrigen Eindruck, allen voran der Captain Smith. Format allein an Bord haben die Amerikaner, also die Mehrheit der Passagiere, ob sie nun Machos sind oder Mammis mit riesigen Hüten. Auch ein Grübelgrund für den Prinzen Charles.

Die drei "Officers" der "British Titanic Society" fanden den Film historisch weitgehend o.k. und als "Entertainment" gelungen, sogar eindrucksvoll. Störend empfand einer den Rauch, der aus dem vierten "Titanic"-Schornstein strömte; der war bekanntlich eine Attrappe, eine leere Standarte des Kapitals.

Der Abschied von Camerons "Titanic"-Epos fiel schwer: Um Prinz Charles den sicheren Rückzug zu garantieren, war das Publikum angewiesen, den kilometerlangen Abspann abzusitzen. Beifall brandete dennoch auf, Untergänge erheben.

Und die junge Rose geht, arm, aber stark und unter falschem Namen, allein in die Welt hinaus; keine Hochzeitsglocken drohen ihr, keine Jingle-Bells. Dafür Single-Bells.

 

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