TV Spielfilm - Dezember 2006
TV TALK

Interview mit Martin Scorsese, Matt Damon und Leonardo DiCaprio

 

 

Trio mit vier Fäusten

Wenn Martin Scorsese Regie führt, werden selbst Leonardo DiCaprio und Matt Damon zu Prügelknaben. Ihr Gangsterfilm 'Departed' gilt als Oscar-Favorit

 

Interview: Scott Orlin/Rüdiger Meyer

 

TV Spielfilm sprach mit Scorsese und seinen beiden Hauptdarstellern über den Film, den Dreh und die sonderbaren Anwandlungen von Jack Nicholson.

 

'Departed' ist bereits der dritte Scorsese/DiCaprio-Film. Worauf gründet sich Ihr gutes Verhältnis?

SCORSESE: Robert De Niro hat mir von diesem wundervollen Jungen erzählt, mit dem er in 'This Boy's Life' gespielt hat. Als man mich dann fragte, ob ich bei 'Gangs of New York' mit ihm arbeiten wollte, zögerte ich nicht eine Sekunde. Als wir 'Aviator' drehten, war unsere "Beziehung" bereits im sechsten Jahr, und ich sah, wie Leo sich entwickelte. Er ist flexibel, geht emotional an Grenzen und kann unter Druck Höchstleistungen abrufen.

Er nennt Sie seinen Mentor.

SCORSESE: Das schmeichelt mir natürlich sehr.

DICAPRIO: Auch für mich geht alles auf De Niro zurück. Ich habe mir viele seiner Filme angesehen, die eben auch oft Scorsese-Filme waren. Und ehe ich mich versah, wurde ich zum obsessiven Fan. Wenn man mich mit 16 gefragt hätte, mit wem ich drehen will, hätte ich Scorsese gesagt. Bei 'Gangs of New York' merkten wir bald, dass wir denselben Filmgeschmack haben. Beispiel 'Departed': Wir bekamen das Drehbuch zur gleichen Zeit, und Marty rief mich an und fragte, ob ich es genauso lieben würde wie er. Und so haben wir ohne Zögern zugesagt.

Was war das Besondere an diesem Drehbuch?

SCORSESE: Ich mochte, wie unser Autor William Monahan das Milieu einer Stadt skizziert hat - sehr intim und verdichtet. Als ich für die Recherche nach Boston fuhr, stellte ich fest, dass die Stadt tatsächlich so klein, ja regelrecht inzestuös ist. Jeder scheint jeden zu kennen.

Matt, Sie kommen aus Boston. War das ein Vorteil für Sie?

DAMON: Mark Wahlberg und ich hatten zumindest den Vorteil, dass uns der Bostoner Dialekt in die Wiege gelegt wurde. So konnte ich mich darauf konzentrieren, die Subkultur der Polizei kennen zu lernen. Ich fuhr mit ihnen auf Streife und studierte ihren Alltag.

Was macht die Arbeit mit Martin Scorsese so speziell?

DICAPRIO: Ich halte ihn schlicht für den größten lebenden Filmemacher. Jeder Dreh mit ihm ist ein unvergessliches Erlebnis. Er pusht mich, und er gibt mir die Möglichkeit zu experimentieren. Das gilt nicht nur für mich, er macht das mit jedem Schauspieler, selbst mit den kleinsten Rollen. Jeder weiß, was von ihm gefordert ist, macht seine Hausaufgaben, weil er weiß, dass er zu einer Elite gehört, die in einem Scorsese-Film mitmachen darf.

DAMON:: Außerem besitzt er ein außergewöhnliches Auge für Verhaltensweisen und hat die Geduld, all meine schlechten Aufnahmen zu ignorieren, bis er die hat, die ehrlich wirkt. Er konstruiert seine Filme regelrecht um diese Momente. Am unglaublichsten ist aber, wie ruhig es am Set ist. Bei Marty wird selbst schwere Ausrüstung lautlos transportiert, weil jeder weiß, dass er eine ruhige Atmosphäre pflegt. Als wäre man in einer Kirche.

SCORSESE: Für mich ist diese Ruhe der Schlüssel dafür, dass die Schauspieler gut arbeiten. Sie können sich sicher vorstellen, wie laut es wird, wenn überall jemand hämmert, sägt oder redet. Wenn die Darsteller reden oder lachen, ist mir das egal, das gehört zum Prozess des Filmemachens. Aber die Crew muss sich leise unterhalten. Von allen Komponenten, die mir zur Verfügung stehen, sind die Schauspieler mit Abstand am wertvollsten, also versuche ich, sie zu pflegen.

Wie haben Sie sich auf Ihre Rollen vorbereitet?

DICAPRIO: Ich bin in meinem Leben nie in eine Situation geraten, in der es um Leben und Tod ging. Ich kann im Spiel also nicht auf eigene Erfahrung setzen und muss dann auf etwas emotional Ähnliches aufbauen. Das kann allles Mögliche sein. Auch ganz Triviales, eine Erinnerung an die Schulzeit, oder wie es war, in meiner Nachbarschaft aufzuwachsen. Ich mag es, diese Emotionen ins Extreme zu dehnen.

DAMON: Ich habe versucht, mir bei der Nationalgarde das Handwerk abzuschauen. Davor, bei der Vorbereitung zu 'Mut zur Wahrheit', war ich bereits mit einem Einsatzteam unterwegs. Als es zu einer Razzia kam, haben sie mich aber im Wagen gelassen. Dieses Mal gaben sie mir eine kugelsichere Weste und bereiteten mich auf den Ernstfall vor. Sie drangen in ein Haus ein, um einen Mann festzunehmen. Kurz danach durfte ich rein. Sie sagten mir, ich solle meinen Hut nehmen und mein Gesicht verdecken, weil Undercover-Cops das so machen. Das hat mir Respekt abgenötigt.

Am einfachsten schien die Recherche für Jack Nicholson zu sein. Seine Rolle basiert auf einer realen Person, oder?

SCORSESE: Es gab in Boston jemanden namens Whitey Bolger, über den sicherlich irgendwann mal ein Film gedreht wird. Er verschwand vor 15 Jahren und steht auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher ganz oben. Die Einheimischen sagen nichts. Sie werden dir immer nur verraten, wo er nicht ist. Es gibt bei Jacks Rolle einige Parallelen zu Bolger, aber Jack wollte davon nichts wissen, er wollte seine Figur neu kreieren.

Arbeitet Nicholson wirklich so intensiv, wie man oft hört?

DICAPRIO: Es gibt im Film eine Verhörszene, in der er glaubt, ich sei der Verräter. Als sie im Kasten war, meinte Jack, ich sei nicht verängstigt genug gewesen. Am nächsten Tag kam ich an den Set, und der Ausstatter warnte mich, dass Jack einen Feuerlöscher, eine Flasche Whiskey, ein Streichholz und eine Pistole unter dem Tisch versteckt hat. Als wir die Szene drehten, goss er plötzlich den Whiskey im ganzen Raum aus und steckte mir die Pistole ins Gesicht. Es hat die Szene vollkommen verändert.

DAMON: Jack ist völlig unberechenbar. Als wir die Szene im Pornokino drehten, holte er plötzlich ein Sexspielzeug hervor. Ich fragte ihn, was das soll, und er meinte nur: "Ich dachte, die Szene würde besser funktionieren, wenn ich diesen großen, alten Dildo dabeihätte."

Wirft einen so etwas nicht völlig aus der Bahn?

DAMON: Das soll es ja. Leo und ich sollten völlig eingeschüchtert von ihm sein. Alles, was Jack tat, half uns, so verängstigt wie möglich zu sein.

DICAPRIO: Und außerdem: Versuchen Sie doch mal, einem Jack Nicholson Vorschriften zu machen, wie er sich zu benehmen hat...

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