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die tageszeitung (taz) - 29. Januar 2003
Stapel höher, Mann! Die Nostalgie verlässt dich nie: In der Gaunerkomödie "Catch Me If You Can" belebt Steven Spielberg die Hollywood-Tradition des Episodenfilms neu. Der rosarote Panther und Goldfinger lassen grüßen von Harald Peters
Dies ist die weitgehend wahre Geschichte von Frank W.
Abagnale Jr., einem freundlichen Hochstapler, der sich als später
Teenager mittels Scheckbetrug mehrere Millionen beschaffte und
sich gegenüber seiner Umwelt erfolgreich als Pilot, Arzt und
Anwalt auszugeben verstand.
Dies ist aber auch die Geschichte des bislang vielfach
überschätzten Leonardo DiCaprio, der in seinem
Hochstaplerberuf des Schauspielers mit der Figur des Frank
Abignale Jr. endlich eine Rolle gefunden hat, die ihm tatsächlich
liegt. Dies ist überdies die Geschichte von Tom Hanks, der in der
Rolle des griesgrämigen FBI-Agenten Carl Hanratty so wenig
Tom Hanks sein muss, dass man ihn zunächst kaum erkennt.
Dies ist aber vor allem auch die Geschichte von Steven
Spielberg, der hier einen weiteren seiner sozusagen
erwachseneren Filme abliefert, ohne ihn durch Fingerzeige,
Moral und Botschaften unnötig zu beschweren.
Man schreibt die 60er-Jahre. In jener Zeit, in der Stewardessen
noch Models sind und Flugkapitäne kühne Abenteurer der Luft,
besorgt sich Frank W. Abagnale Jr. eine Uniform und
verwandelt sich in einen Piloten der PanAm. Derart ausstaffiert,
macht er sich mit etwas Handwerk und viel Charme an sein
betrügerisches Werk.
Doch Frank ist nicht an persönlicher Bereicherung gelegen,
sondern an der Ehe seiner Eltern, die an akuter wirtschaftlicher
Not zerbricht. Jedenfalls wird das von Spielberg als
psychologischer Beweggrund angeboten - ein Beweggrund
allerdings, den Spielberg in ausgesucht Spielberg-untypischer
Weise für keinen wirklich ernst zu nehmenden Beweggrund hält.
Stattdessen wird der Film entschlossen leichtherzig erzählt, wie
eine 60er-Jahre-Gaunerkomödie, wie ein "Der rosarote
Panther"-Film, wie ein früher James Bond, den Spielberg mit
einer Szene aus "Goldfinger" zitiert und anschließend auch noch
kopiert.
Die verwendete Farbgebung wie auch die Musik passen in
dieser Hinsicht perfekt. Ohne sich an Ort und Zeit zu halten,
springt der Film in der Geschichte hin und her, um dabei eine alte
Hollywood-Tradition wiederzubeleben, die man wohl in jüngster
Zeit vergaß: die Geschichte in der Geschichte, die kleinen
Episoden, die man zwar weglassen könnte, ohne der Handlung
ernsthaft zu schaden, die den Film als Ganzes aber erheblich
bereichern.
"Catch Me If You Can" ist voll von diesen kleinen Episoden.
Unter anderem gibt es die "Frank W. Abagnale Jr. ist James
Bond"-Episode, die "Frank W. Abagnale Jr. gibt sich vor seinen
Mitschülern als Lehrer aus"-Episode und die "Frank W.
Abagnale Jr. trifft ein Callgirl"-Episode. Eine kleine Geschichte
zieht sich leitmotivisch durch den Film. Es ist die Geschichte von
zwei Mäusen, die in einen Topf Sahne fallen. Die eine Maus
ertrinkt sofort, doch die andere strampelt so kräftig, bis die
Sahne zu Butter wird und die Maus so den Topf mit sicherem
Gang verlässt. Die Geschichte kommt mindesten an drei Stellen
vor. Einmal wird sie als Tischgebet erzählt, was den
Anwesenden sehr gefällt.
Es ist dabei bemerkenswert, wie glaubwürdig Leonardo
DiCaprio in seine Rolle schlüpft. Dem mittlerweile 28-jährigen
Darsteller gelingt es, allein durch Körperhaltung und Mimik mal
einen 15-Jährigen, einen 19-Jährigen und einen Mittzwanziger
darzustellen. Er verpasst seinem Frank W. Abagnale Jr.
gleichzeitig mehrere Noten Kühnheit, merkliche Unsicherheit,
reichlich Cleverness und viel Naivität. Doch "Catch Me If You
Can" ist keine Ein-Mann-Show, sondern auch ein Film der
Schauspielerpaarungen DiCaprio und Walken sowie DiCaprio
und Hanks.
Gegenüber Walken (Abagnale Sr.) bringt DiCaprio Ehrfurcht,
Mitleid und unterdrückte Überlegenheit zum Ausdruck, während
Walken den Vater wie DiCaprios verblasstes Ebenbild gibt - ein
Spieler, den das Glück schon lange verließ. Tom Hanks
(Hanratty) ist der Anti-Abagnale, der humorlose Beamte, der
Abagnale Jr. auf den Fersen bleibt, um den flüchtigen
Gesetzesbrecher schließlich zu fangen.
Ein anderer Regisseur hätte sich wohl für Frank W. Abagnale Jr.
oder Carl Hanratty entschieden. Er hätte Abagnale als Helden
inszeniert und Hanratty als verbissenen Psychopathen. Doch
Spielberg lässt Verfolgten wie auch Verfolger gleichermaßen als
Sympathieträger dastehen, zwei einsame Menschen, die jedes
Jahr zu Weihnachten miteinander telefonieren.
"Catch Me If You Can". Regie: Steven Spielberg. Mit Leonardo
DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen u. a.,
141 Minuten, USA 2002
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