Spiegel Online - 9. Januar 2003

 

Scorsese und DiCaprio in Berlin

Leo the Kid und sein väterlicher Freund

von Matthias Gebauer

Mit einer großen Tour durch Europa werben Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio zurzeit für ihr Historien-Epos "Gangs of New York". Wer dem Regisseur und seinem Schauspieler dabei zusieht, merkt schnell, dass die aufwändigen Dreharbeiten der Beginn einer langen und familiären Freundschaft gewesen sein könnten.

Fast ein bisschen wie Vater und Sohn: Regisseur Martin Scorsese und sein Mime Leonardo DiCaprio

Berlin - Irgendwann in den frühen Neunzigern muss es gewesen sein. Damals saßen der US-Regisseur Martin Scorsese und der Schauspieler Robert DeNiro irgendwo in New York beim Essen, als DeNiro seinem Freund einen heißen Tip gab. Da gebe es so einen Jungen, auf den müsse Scorsese unbedingt achten. Er sei wirklich talentiert. Vielleicht wäre der junge Mime ja irgendwann ein guter Kandidat für einen der nächsten Filme von Scorsese, raunte DeNiro damals ins Ohr seines Entdeckers und F reundes.

Mehr als zehn Jahre später, 1999, kam Scorsese auf den Tipp des Charaktermimen zurück. Gleich für eine Hauptrolle engagierte er den mittlerweile durch James Camerons "Titanic" zum Weltstar und Frauenschwarm aufgestiegenen Jungschauspieler Leonardo DiCaprio für seinen Film "Gangs of New York". Das 160-Minuten-Epos über rivalisierende Straßengangs im New York des späten 19. Jahrhunderts kommt nun, nach mehr als vierjährigen Dreh- und Schneidearbeiten, im Februar in die deutschen Kinos.

In Scorseses lang erwartetem, bislang wohl aufwändigsten Film schlägt sich DiCaprio als irischer Einwanderer durch das New York des Jahres 1860. Dort bekriegen sich rivalisierende Banden, korrupte Politiker und brutale Unterweltbosse. DiCaprio spielt den irischen Immigranten-Sohn Amsterdam Vallon, der als Sechsjähriger den Mord an seinem Vater mit ansehen muss und als junger Mann in sein Stadtviertel zurück kehrt. Amsterdam will Rache. Sein Gegenspieler ist "Bill the Butcher", gemimt von Daniel Day-Lewis. Der Fleischer ist Anführer einer Gang von "American Natives", in Amerika geborenen New Yorkern, die erbittert gegen die Einwanderer jeglicher Herkunft kämpfen.

Um den an Ausstattung kaum zu übertreffenden Film zu promoten, saßen die beiden Amerikaner am Donnerstag brav gescheitelt und sichtlich entspannt nebeneinander in einer Pressekonferenz. Die Fragestunde im Nobel-Hotel "Four Seasons" fiel zwar kurz aus, doch eines war deutlich zu spüren: DiCaprio, 28, und Scorsese, 60, verstehen sich prächtig. Aus dem freundschaftlichen Hinweis DeNiros hat sich ganz offenbar eine ähnlich feste Zusammenarbeit entwickelt, wie jene, die Scorsese einst mit dem "Taxi Driver"-Star pflegte. Fast väterlich nennt Scorsese seinen Mimen stets "Kid" und der junge Mann mit dem Kinnbärtchen fühlt sich gut dabei, wie er sagt.

"Die Gewalt ist die Realität"

Über den Film wurde dann auch noch ein bisschen geredet. Scorsese schwärmte für die "lange Recherche in den Geschichtsbüchern" und die neuen Einblicke in die Anfangszeiten der amerikanischen Gesellschaft. Für den Streifen ließ Scorsese ganze Straßenzüge nach alten Bauplänen nachbilden. Er engagierte Hunderte von Statisten, die - zerlumpt und von Seuchen und fehlender Körperpflege gezeichnet - marodierend durch die Straßen des Bezirks Five Points schlurfen. Dort kann sich im Film niemand seines Lebens sicher sein, wenn er dem "Butcher" nicht bezahlt. DiCaprio forderte prompt, dass es mit diesem Meisterwerk von Scorsese doch endlich mal für einen Oscar reichen sollte. Er jedenfalls sei sehr stolz, an einem Meilenstein des Kinos mitgewirkt zu haben.

Der ständig lächelnde Scorsese wollte zu dieser Laudatio nichts sagen und griente durch seine schwarze Hornbrille in Richtung Decke. Der Regisseur redete lieber über seinen Film und der für seine Verhältnisse gewohnt brutal geraten ist. Schon zu Beginn kommt es zu einem Gemetzel zwischen Iren und "American Natives", deren reichlich fließendes Blut den Schnee in Five Points rot färbt. Doch das ist nur der Auftakt für weitere Exzesse mit Messern und Pfählen, auf die Menschen auf dem Marktplatz gespießt werden.

Scorsese verteidigte die Gewaltdarstellung. "Das ist dokumentierte Geschichte, daran ist nichts übertrieben", sagte er. "Es wäre völlig falscher Patriotismus, die ersten Schritte unserer Demokratie anders zu zeigen", so der Regisseur. DiCaprio ergänzte, dass man die Geschichte ohne die massive Gewalt "geschönt" hätte. "Gewalt ist keine Möglichkeit für uns", sagte Di Caprio, "sondern Realität."

"Wie fühlen Sie sich als Frauenschwarm?"

Fragen zu sich selbst beantwortete DiCaprio meist nur mit einem schüchternen Lächeln. Doch was soll man auch schon auf die Frage sagen, ob man sich in der Rolle eines Frauenschwarms "gut fühle"? Oder ob DiCaprio mit dem neuen Film einen Image-Wechsel plane. Der Hollywood-Star konterte dann aber doch noch. "Ich bin sehr stolz, dass ich zumindest fünf hartnäckige weibliche Fans habe, die vor dem Hotel ausharren", witzelte er. Als er vor einigen Jahren mit "Titanic" in der Hauptstadt gastierte, waren es Hunderte und die Polizei musste einschreiten, doch auch der treueste Fan hält es eben bei minus elf Grad nicht stundenlang vor dem Portal aus.

Für DiCaprio und Scorsese war "Gangs of New York" erst der Anfang einer langen Freundschaft. Schon jetzt drehen beide an einem neuen Projekt, in dem DiCaprio einen Piloten in den frühen zwanziger Jahren spielt. Der Regisseur überschlug sich am Donnerstag fast vor Lob für sein "Kid". Ohne Zögern nannte er ihn in einer Reihe mit den Hollywood-Legenden Robert DeNiro, Al Pacino und Dustin Hoffmann. Wenigstens einmal brachte er DiCaprio damit zu einem richtigen Lächeln. "Ich kann das nicht kommentieren", sagte der noch immer jugendlich aussehende Schauspieler dann aber schnell, "aber trotzdem vielen Dank, Marty."

Danke Steffi !

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