Der Spiegel - 30 November 2000
von Rüdiger Sturm
Die US-Kinobranche erlebt ihre wahre "Phantom Menace": Durch den bevorstehenden Schauspieler-Streik gerät das Showbusiness außer Kontrolle: Produktionspläne gehen unter, Nobodys steigen auf.
Colin Farrell war zu faul, um ein Star zu werden. Beim Vorsprechen für den neuesten Film von Hollywood-Regisseur Joel Schumacher ("Die Jury") hatte er nicht mal das Drehbuch gelesen. Trotzdem bekam der 24-jährige Ire die Hauptrolle in dem Vietnamkriegsdrama "Tigerland". Zurzeit dreht er mit Schumacher "Phone Booth", in einem Part, der erst für Will Smith, dann für Jim Carrey vorgesehen war. Außerdem soll er Matt Damon in Spielbergs "Minority Report" ersetzen. Farrell ist einer der Frischlinge, die von dem für den 1. Juli 2001 befürchteten Schauspieler-Streik profitieren. Momentan laufen die Maschinen der Traumfabrik heiß, da nach dem 1. April keine Filme mehr in Produktion gehen. Doch die Stars der A-Liste sind voll ausgebucht, daher schlägt die Stunde der Nachwuchskräfte.
Weitgehend unbekannte Komödiendarsteller kassieren siebenstellige Beträge, während sich unter den etablierten Kreativen langsam Chaos ausbreitet. So steht Leonardo DiCaprios jüngster Film angesichts des drohenden Ausstands auf der Kippe. Schließlich muss er bei Martin Scorseses "The Gangs of New York" wohl noch bis in den Januar ran - drei Monate länger als geplant. Dass er die für März geplante Diebeskomödie "Catch Me If You Can" drehen wird, ist unwahrscheinlich, sagt sein Management. "Sopranos"-Star James Gandolfini, der seine Fernsehpause im Frühjahr für den Leo-Film nutzen wollte, guckt mit in die Röhre.
Einen noch größeren Dominoeffekt könnte es bei Gwyneth Paltrow geben. Im Dezember tritt sie in der schwarzen Komödie "A View From The Top" an, danach geht's zu "The Royal Tenenbaums" und im März dreht sie mit den Farrelly-Brüdern "Shallow Hal". Zwei andere Projekte hat sie schon fürs Erste storniert. Groteskerweise plant Quentin Tarantino gerade jetzt seinen ersten Film seit drei Jahren. Die Rachegeschichte "Kill Bill" mit Uma Thurman soll im Frühjahr abgedreht werden. Dabei ist das Skript noch nicht einmal fertig - obwohl Tarantino schon vor sieben Jahren damit begonnen hat.
Noch drastischer ist der Zeitdruck für die Macher von "Men in Black 2". Erst schien es, als könnten die massiven Schwierigkeiten mit dem Drehbuch nicht mehr rechtzeitig bewältigt werden. Doch jetzt entschlossen sich Spielbergs Amblin Entertainment und Columbia Pictures zu einer Brachiallösung. Am 4. Juni sollen die Alien-Cops vor die Kameras gehen. Bis zum 30. Juni werden die Szenen gedreht, die mit Spezialeffekten auffrisiert werden müssen. Nach dem vermuteten Streik kommen die Schauspieler dann wieder zum Einsatz. Die haarscharfe Planung hängt aber auch von Will Smith ab, der vorher noch schnell seinen Muhammad-Ali-Film fertig kriegen muss...
Das Showbiz-Crashprogramm kann freilich nicht funktionieren, wenn auch noch die Stars über Funktionsstörungen klagen. So bangt Jodie Foster um ihren Zirkus-Historienfilm "Flora Plum", denn ihr Hauptdarsteller Russell Crowe zog sich zwei Wochen vor Beginn der Dreharbeiten eine Schulterverletzung zu, was den vorgesehenen Zeitplan über den Haufen warf. Selbst wenn Fosters Projekt noch rechzeitig in den Kasten kommt, könnte immer noch Crowes nächster Film dran glauben, der ebenfalls vor dem Streik abgedreht sein muss: In "A Beautiful Mind" soll er den schizophrenen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften,, John Nash, spielen. Noch schiebt Regisseur Ron Howard jedoch keine Panik: "Wir sollten keine Schwierigkeiten haben, vor diesem Phantomstreik fertig zu werden", meinte er. Terry Gilliam ist da schon übler dran. Sein "Man Who Killed Don Quixote" muss für mindestens zwei Monate zwangspausieren, da Hauptdarsteller Jean Rochefort einen doppelten Bandscheibenvorfall erlitt.
Dass es trotzdem geht, zeigt zurzeit Nicole Kidman. Obwohl sie sich bei Baz Luhrmanns "Moulin Rouge" einen Rippenbruch holte, will sie nach wie vor ab Januar mit David Fincher den Thriller "The Panic Room" drehen. Hollywood braucht eben wahre Männer...
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