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Welt am Sonntag - 12. Mai 2013

 

 

"Albern, aber so ticken wir Männer"

 

Bei einer elektrischen Zigarette redet Leonardo DiCaprio über die Liebe, sein Unbehagen in pinkfarbenen Anzügen und darüber, warum er den Gatsby um ein Haar nicht gespielt hätte

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit der schöne Leonardo DiCaprio in den Fluten versank, damals in "Titanic". Besonders seine weiblichen Fans, es sind Millionen und Abermillionen, konnten die Szene niemals vergessen. Doch eine ähnlich romantische Rolle hat DiCaprio nie wieder gespielt. Bis jetzt. Für seinen alten Freund Baz Luhrmann gibt er noch einmal den Mann der Frauen. Zum Interview im "Plaza Hotel" in New York kommt er im grauen Anzug. Und gleich zu Beginn nimmt er, für New Yorker Verhältnisse ein ziemlich ungewohnter Anblick, einen tiefen Zug aus der elektrischen Zigarette.

 

Welt am Sonntag: Es ist sehr selten, dass man dieser Tage in dieser Stadt noch jemanden in Innenräumen rauchen sieht.

Leonardo DiCaprio: Ach, es ist doch bloß eine elektrische Zigarette. Der Rauch stört keinen. Lassen Sie mir doch den Luxus.

Wollten Sie nicht aufhören?

Mache ich doch. Ich höre auf, indem ich nur noch diese Zigaretten rauche. Außerdem, was soll's? Ein Laster darf jeder Mensch haben.

Warum wollten Sie bei "The Great Gatsby" dabei sein?

Wollte ich gar nicht.

Ach so?

Wenn der Regisseur nicht Baz Luhrmann gewesen wäre, hätte ich sicher nicht zugesagt.

Wieso?

Weil es auch Literatur geben muss, die einfach Literatur bleibt. Wir sollten auch mal akzeptieren, dass bei manchen Büchern jeder seine eigenen Bilder hat, die beim Lesen entstehen. Aber Baz hatte eine ganz starke Vision, wie das bei sehr guten Regisseuren oft der Fall ist. Und der konnte ich mich nicht entziehen.

Welche Vision war das?

Eine Zeitreise zu veranstalten. Eine Zeitreise in 3-D in die Zwanziger des 20. Jahrhunderts. Kino ist vielleicht die einzige Kunstform, die es schafft, dass sich Menschen versammeln und dann gemeinsam ein Bild einer Zeit vermittelt bekommen. Darum versuche ich immer, nur mit starken Filmemachern zu arbeiten. Die anderen können ihre Visionen nicht so umsetzen, dass das Publikum etwas davon hat.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie "The Great Gatsby" zum ersten Mal gelesen haben?

Aber natürlich. Wie die meisten Amerikaner habe ich es in der Schule gelesen.

Und langweilig gefunden?

Langweilig würde ich nicht sagen. Das große Problem mit Schulliteratur ist doch, dass wir sie nicht verstehen, wenn sie uns nahegebracht wird. Die wirklich große Literatur muss man später als Erwachsener noch einmal lesen.

Was war "The Great Gatsby" für Sie?

Ich dachte, das wäre die übliche Geschichte: "Kerl will Mädchen, bemüht sich, kriegt es aber nicht." Erst später habe ich begriffen, was Fitzgerald alles in die Geschichte hineingepackt hat. Dass dieser Gatsby zwar kriminell ist, dass er aber eigentlich dabei war, der Rockefeller seiner Zeit zu werden. Und dann – bumm! – steht da plötzlich dieser Block in seinem Leben. Ein Block, den er nicht wegschieben kann. Das ist die Liebe seines Lebens, Daisy. Was für eine tragische Geschichte.

"Gatsby" ist auch die Geschichte der Liebe, die alles überdauert. Glauben Sie daran?

Ja, ein schöner Gedanke. Ich denke, dass es die große Liebe gibt. Für jeden für uns.

Auch wenn man darum kämpfen muss?

Kampf gehört immer dazu. Ob ich nun versuche, mit dem Rauchen aufzuhören oder der Liebe zu beweisen, dass ich es wert war, dass sie sich für mich entschieden hat. Kampf ist allgegenwärtig. Und manchmal, das zeigt "Gatsby", gehen solche Kämpfe verloren.

Wie viel Gatsby ist in DiCaprio?

Mit solchen Vergleichen muss man immer vorsichtig sein. Aber ich bewundere schon, wie sehr Gatsby für seine Liebe eintritt. Was er alles macht, um die Vergangenheit zurückzuholen und sie neu zu schreiben. Das ist etwas, das mich ihm staunend zusehen lässt.

Sie haben seit "Titanic" nicht mehr so einen romantischen Kerl gespielt. Eine bewusste Entscheidung, so lange zu warten?

Solche Charaktere kann man nicht allzu oft spielen. Der Kerl ist in gewisser Weise Extremist. Nur dass sich Extremismus auf seine Liebe bezieht. Wäre er mit solcher Hingabe darangegangen, Kriege zu planen, "The Great Gatsby" wäre wohl ein sehr blutiges Buch geworden. Nein, man kann solche Rollen mit einer derartigen emotionalen Wucht nur alle paar Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte spielen.

Können Sie in gewisser Weise nachvollziehen, was Jay Gatsby macht?

Wenn ich mich als Leonardo DiCaprio mal für einen Moment zurücknehme und stattdessen über uns Männer sprechen darf, dann kann ich das schon verstehen. Was macht er denn? Er hat seine Freundin verloren, weil er mittellos war und sie nicht auf ihn warten wollte. Nun hat er Geld im Überfluss, und er tut, was ein Mann in solch einer Situation tut. Er baut ein Haus direkt gegenüber dem Haus seines Konkurrenten, und das Haus muss größer sein, um zu zeigen: "Meiner ist größer als deiner." Albern, aber so ticken wir Männer.

Das heißt, eine normale Liebesgeschichte im Kino würde Sie nicht reizen?

Wenn, dann müsste sie etwas haben, das mich sofort anspringt. Hier war es halt die Jagd nach einem Phantom Liebe. Normale Liebesgeschichten sind mir oft zu langweilig. Da wüsste ich nicht, welche Bereiche ich erforschen soll.

"Gatsby" erzählt auch vom amerikanischen Traum und wie er gelebt werden kann. Sehen Sie sich als Teil des amerikanischen Traums? Und gibt es ihn noch?

Auf jeden Fall! Und erfolgreiche Schauspieler, zu denen ich mich auch zählen kann, gehören wohl dazu. Insofern: Ja, ich bin Teil des amerikanischen Traums. Aber wovon Fitzgerald in seinem Buch damals erzählt hat, das waren die moralischen Verwerfungen, die es gegeben hat. Und das ist interessanterweise heute immer noch so. Bis heute ist unsere Gesellschaft liebenswert auf der einen, aber auch doppelzüngig auf der anderen Seite.

Der Traum ist vielleicht bald ausgeträumt.

Das dachte Fitzgerald schon vor so vielen Jahren, und dann ging es doch weiter. Aber Sie haben recht. Der amerikanische Traum führt uns vielleicht direkt hinein in die Katastrophe, die nächste große, die Umweltkatastrophe. Aber darüber rede ich so häufig. Damit will ich Sie heute mal verschonen.

In ein paar Tagen werden Sie mit "Gatsby" das Festival in Cannes eröffnen.

Ja, jedes Mal, wenn ich an Cannes denke, dann sehe ich die Helikopterszene aus "La Dolce Vita" vor mir. Es ist ein absolut verrückter Ort. Aber jenseits des Glamours geht es nur um Filme. Parallel zum Festival wird die ganze Zeit um neue Projekte gerungen. Und in der Stadt werden die neuesten und aufregendsten Filme gezeigt. Ich mag Cannes sehr. Auch wenn es der Gesundheit sehr zuträglich ist, schnell wieder zu verschwinden.

Wurden Sie schon mal für einen Ihrer Filme in Cannes verrissen?

Nicht dass ich mich erinnern könnte. Ich bin immer gern hingefahren und habe mich dort stets gut verstanden gefühlt. Man hat es mir auch nicht übel genommen, als ich mit meiner Umweltdoku "The 11th Hour" dorthin kam und über Umweltverschmutzung gesprochen habe. Es hat alles seinen Platz in diesen zehn Tagen.

Ist es eine sichere Nummer, Cannes mit einem Film wie "Gatsby" zu eröffnen?

Gar nicht. Ich finde es sogar ziemlich gewagt, einen Literaturklassiker so gegen den Strich zu bürsten, mit vielen modernen Elementen zu versehen und wie eine Rock-'n'-Roll-Überschau zu präsentiere. Ich glaube, dass das ein paar Leuten ganz und gar nicht gefallen dürfte.

Die Anzüge im Film sehen alle sehr schick aus. Nur einer ist gewöhnungsbedürftig.

Hören Sie bloß auf! Das war das eine Mal, dass es zwischen Luhrmanns Frau, der Kostümdesignerin Catherine Martin, und mir beinahe zum Streit gekommen wäre. Es ging um einen Anzug in Pink. Ich meinte, dass kein heterosexueller Mann so etwas tragen würde. Aber sie sagte nur: "Hast du das Buch gelesen? Dann weißt du ja, dass der Anzug von Fitzgerald so beschrieben wurde." Da habe ich kurz geflucht und versucht, den Anzug mit Würde zu tragen.

Das Gespräch führte Peter Beddies

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