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Frankfurter Allgemeine - 13. Mai 2013

Leonardo DiCaprio im Gespräch:

 

„Ich lebe für diese schwer definierbaren Augenblicke“

 

 

In Baz Luhrmanns „Der große Gatsby“, dem Eröffnungsfilm von Cannes, spielt er die Hauptrolle: Leonardo DiCaprio über die Tragik in F. Scott Fitzgeralds Roman, intime Szenen in 3-D und die magischen Momente beim Drehen eines Films.

Es könnte, nicht zum ersten Mal, wieder ein Jahr des Leonardo DiCaprio, 38, werden. In „Django Unchained“ von Quentin Tarantino war er als Sklavenhalter böse wie nie zuvor, für Baz Luhrmann spielt er jetzt eine mythologische Gestalt der amerikanischen Geschichte: den „Großen Gatsby“ nach F. Scott Fitzgeralds berühmtem Roman aus dem Jahr 1925. Der Film, ein 105 Millionen Dollar teures Prestigeprojekt im 3-D-Format, wird am Mittwoch das Festival von Cannes eröffnen.

 

Wie haben Sie reagiert, als Baz Luhrmann Ihnen erklärte, dass er den „Großen Gatsby“ mit Ihnen verfilmen wolle?

Junge, was für ein unglaublich ambitioniertes Unternehmen, du nimmst es mit dem großen amerikanischen Roman auf, mit einem Buch, das die Träume und Ideale dessen umfasst, was Amerika ist, vor allem in jener Zeit, mit einem Buch, das heute immer noch relevant ist. Und ich dachte, dass er ziemliche Cojones hätte, um daraus einen Film zu machen. Das hat mich zugleich begeistert. Baz war schon immer ein großer Träumer, das ist ansteckend und inspirierend. Man setzt sich hin mit ihm und sieht das Leuchten in seinen Augen, wenn er zu reden anfängt, und es ist deshalb sehr schwer, nein zu sagen, wenn man auf diesen Enthusiasmus trifft. So hat das dann begonnen.

Und wie ging’s dann weiter?

Schon ziemlich früh kam Tobey Maguire hinzu, der den Erzähler Nick Carraway spielt und den ich seit zwanzig Jahren so gut kenne, als wäre er mein Bruder. Wir haben uns dann wie alte Freunde zusammengesetzt und überlegt, wie wir es wirklich gemeinsam machen können, mit Gewaltenteilung sozusagen. Es hat großartig funktioniert. Baz ist nun jemand, der am liebsten das Rad neu erfindet, wenn er einen Film macht. Ich kann mich gut erinnern, als wir das erste Mal über „Romeo + Juliet“ sprachen, da war ich 17 oder 18, und wir hatten Probeaufnahmen in Australien. Ich wunderte mich über den radikalen Ansatz, Shakespeare in Alltagssprache zu machen in einem völlig anderen Ambiente, und es hat dann ja auch funktioniert.

War Baz Luhrmann beim „Großen Gatsby“ ähnlich radikal?

Baz kannte den Roman so gut, dass er ständig ganze Passagen wörtlich zitieren konnte. Wie Shakespeare ist F. Scott Fitzgerald ein meisterhafter Schriftsteller. Man muss sich deshalb sehr genaue Gedanken darüber machen, wie man der Struktur des Buches und den ikonischen Sätzen treu bleiben und das mit der eigenen Vision als Regisseur verbinden kann. Es gibt ja zahllose Möglichkeiten, eine Szene zu interpretieren. Die Charaktere tun oft das Gegenteil dessen, was sie fühlen, und deshalb geht es natürlich dauernd auch um das Ungesagte. Interessant ist auch, dass man beim „Großen Gatsby“ fast automatisch in einen Zustand der Nostalgie gerät und sich fragt, was diese Vergangenheit heute noch bedeutet. Dieses große amerikanische Ideal zum Beispiel, es zu Wohlstand zu bringen, etwas aus sich zu machen oder sich neu zu erfinden. Gatsby lebt an dieser großen Wendemarke der amerikanischen Geschichte, in den wilden Zwanzigern, mitten in diesem gewaltigen ökonomischen Boom, bevor die Finanzsysteme kollabierten, direkt vor dem Crash von 1929 und der Großen Depression der dreißiger Jahre. Und Baz setzt für das Publikum Bezugspunkte, die sich auf unsere Gegenwart beziehen, auf das, was wir in letzter Zeit erlebt haben.

Und wie haben Sie sich in Gatsby verwandelt?

Meine Quelle war das Buch. Ich hatte den Roman seit meiner Highschool-Zeit nicht mehr gelesen. Ich erinnere mich, dass wir ihn damals im Unterricht behandelt und auch Robert Redfords Verfilmung aus dem Jahr 1974 angesehen haben, über die wir dann einen Aufsatz schreiben mussten. Ich habe also den Roman wieder gelesen, ich habe auch „Trimalchio“ gelesen, Fitzgeralds erste Version, das hat mir geholfen. Was den „Großen Gatsby“ so großartig macht, ist der Prozess der Bearbeitung. Wie viel Fitzgerald gestrichen hat, enthüllt ja auch, wie viele Fragen er unbeantwortet ließ, und das macht das Buch so faszinierend. Dann gab es ja auch schon drei Verfilmungen des Romans, die ich mir alle angesehen habe: den Stummfilm von 1926, aus dem Jahr nach der Erstveröffentlichung, dann hat Alan Ladd 1949 Gatsby gespielt, in dem Film wirkt die Zeit der Prohibition ganz stark nach, er konzentriert sich auf die Gangster-Elemente und scheint ziemlich beeinflusst von „Scarface“ und „Public Enemy“, schließlich natürlich Redfords Film.

Was für ein Mensch ist Jay Gatsby in Ihrer Wahrnehmung?

Er ist obsessiv, ganz klar. Und eine sehr leere Person, die verzweifelt nach einem Weg sucht, dieses Vakuum zu füllen. Und er ist jemand, der als Farmersjunge in Armut gelebt hat, der sich von seinen Eltern losgesagt und auf geradezu unheimliche Weise neu erfunden hat - für Daisys Liebe. Seine Obsession für Daisy, die Neurose, die ihn antreibt, das ist verbunden mit seinem Ehrgeiz, mit der Unbarmherzigkeit, mit der er seine Ziele erreichen will, und mit seinem Bedürfnis, von dieser blaublütigen amerikanischen Aristokratie anerkannt zu werden. Auf diesem Weg wird er zu einer unglaublich einsamen, isolierten, traurigen Gestalt vor dem Hintergrund dieser verschwenderischsten, dekadentesten und beinahe königlichen Partys, die er im New York von damals veranstaltet. Er ist ein tragischer Charakter, weil er seinen Traum nie aufgibt. Er hatte ein enormes Talent zur Hoffnung. Ihn umgibt eine gewisse Unschuld, und da ist seine dunkle Seite. Ich glaube, die tiefe Traurigkeit des Romans ist etwas, was sich jedem erschließt. Gatsby ist der hinreißende ewige Träumer, der sich nicht von dem Selbstbild trennen kann, das er selbst geschaffen hat. Am Ende bleibt er ein Rätsel. Und ich frage mich immer wieder, ob Gatsby je zufrieden gewesen wäre, wenn er weitergelebt hätte.

Und sein Aussehen, sein Look?

Seine Vorstellungen stammen aus Magazinen, aus Modellen, wie ein erfolgreicher Mann auszusehen hat. Man hat nicht viel Auswahl, wenn man überlegt, wie die Leute sich damals kleideten. Da ist der berühmte Anzug in Pink, den wir alle kennen. Ikonisch und auch geschmacklos. Gatsby ist kultiviert, aber man erkennt doch den Aufsteiger, das schnelle Geld. Das ist wie der gelbe Duesenberg, den er fährt. Er hat sich all seine Träume rasch und heimlich gekauft.

Der Schriftsteller Jay McInerney hat gesagt, „Der Große Gatsby“ sei zu einem entscheidenden Moment der nationalen Psyche geworden, zu einem Schlüssel zum Verständnis des amerikanischen Traums.

Interessanter Gedanke. (Kurze Pause.) Ja, da ist was dran, gefällt mir, dieser Gedanke.

Baz Luhrmann hat sich entschieden, den Film in 3-D zu drehen. Inwiefern ermöglicht das eine erweiterte Seherfahrung?

Mir hat zunächst mal daran gefallen, dass 3-D nicht im Zusammenhang mit einem der großen Action-Blockbuster benutzt wird, sondern zu dramatischen Zwecken, die noch nicht völlig erkundet worden sind. Wir sind zwar daran gewöhnt, uns zu fühlen, als stünden wir mitten im Getümmel der heftigsten Actionsequenzen - aber wie fühlt es sich an, in ein Drama einzutauchen, in unmittelbarer Nähe zu den Charakteren? Für mich ist Fitzgeralds Roman ziemlich voyeuristisch. Beim Lesen fühlt man sich wie die Fliege an der Wand: Man gehört eigentlich nicht in diese Räume, in denen Menschen sich so intim und offen miteinander austauschen. Das ist für mich die Wirkung von Fitzgeralds Prosa. Sie ist lebensnah, sie ist fühlbar. Und 3-D kann die Intensität und Dramatik dieser Szenen noch erweitern. Man rückt den Leuten auf den Leib. Und das ist es genau, was Baz Luhrmann mit 3-D will. Was nicht heißt, dass es nicht auch wunderbar funktioniert in den opulenten Partyszenen, wo Hunderte von Komparsen wie verrückt tanzen.

Auf den „Gatsby“ folgt bei Ihnen am Jahresende das nächste Großprojekt. In Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ spielen Sie den Spekulanten Jordan Belfort, der 1998 wegen Betrug und Geldwäsche zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt wurde und seinen Opfern mehr als hundert Millionen Dollar zurückzahlen musste.

Es ist schon eigenartig: Rückblickend bilden meine letzten drei Filme beinahe eine Trilogie, die auf derselben Prämisse beruht. Es sind sehr amerikanische Geschichten, sie spielen zwar zu verschiedenen Zeiten, aber im Mittelpunkt steht jeweils das Geld, das die Protagonisten in Himmel und Hölle treibt. Calvin Candie in „Django Unchained“ erhebt sich als reicher Plantagenbesitzer im 19. Jahrhundert wie ein Sonnenkönig über alle anderen. Gatsby hat sein Vermögen in der Unterwelt gemacht, während der Prohibition, und tut alle möglichen dubiosen Dinge für die Liebe einer Frau. Und dieser Jordan Belfort findet Ende der achtziger Jahre ein Schlupfloch, wie er Leuten Scheinfirmen andrehen kann, er lebt ein Leben voller Sex und Drogen und glaubt, er stünde über dem Gesetz. Bis zum Sturz. Also noch eine Geschichte vom Exzess, von einem Mann am Rande des Abgrunds und darüber hinaus.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf, was verschafft Ihnen Befriedigung?

Es ist stimulierend, all diese verschiedenen Charaktere zu verkörpern und mit Gefühlen zu experimentieren, die ich sonst nie hätte. Als Darsteller habe ich anderer Leute Leben zu leben, zugleich bringe ich etwas von mir hinein, das ist elektrisierend und in gewisser Weise auch therapeutisch. Am meisten mag ich beim Filmemachen, dass man drei, vier Monate lang unterwegs ist und dann diese flüchtigen Momente erlebt, in denen man vergisst, wo man gerade ist, wer man ist. Dann holt einen die Realität natürlich wieder ein. Aber ich lebe für diese schwer definierbaren Augenblicke. Ich habe sie bei vielen Filmen erlebt, bei „Gangs of New York“ zum Beispiel, als ich allein durch die verlassenen Straßen dieser großartigen Sets in Cinecittà streunte. Das ist wie ein Adrenalinrausch.

Das Gespräch führte Jean-Paul Chaillet. Übersetzt von Peter Körte.

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