Zitty Berlin - Nr 3/2005

 

 

Im Jahr 8 nach Titanic

Leonardo DiCaprio ist erwachsen geworden

von Rufus Leu

 

Als Leonardo DiCaprio, 30, vorletztes Wochenende Berlin besuchte, um seinen neuen Film 'Aviator' zu promoten, gab er sich weltmännisch offen, jovial und äußerst Fan-kompatibel. Er war am Premierenabend von roten Teppich - ganz Tom-Cruise-like - gar nichtt mehr wegzukriegen, schrieb ein Autogramm nach dem anderen und ließ sich bereitwillig mit Fotohandys ablichten. Die Aufregung hielt sich allerdings auf beiden Seiten in Grenzen.

Vor fünf Jahren, als er mit "The Beach" zur Berlinale kam, war das noch ganz anders. Da feierte die eigentlich schon überwunden gelaubte Leo-Mania hysterische Urstände. Ein blasser und sichtlich genervter Leo verließ sein Hotel nur über die Tiefgarage und wurde selbst beim Pinkeln von mindestens fünf Bodyguards flankiert. Das war im Jahr 2 nach "Titanic". Lang, lang ist's her.

Ein richtiger Schauspieler

Viel länger noch, nämlich 1995, zwei Jahre vor "Titanic", bin ich Leo zum ersten Mal begegnet. Das Interview zu "The Basketball Diaries" war längst vorüber, aber er blieb sitzen, in der Bar eines Luxushotels. Wir kamen ins Quatschen, vielleicht zwei Stunden lang. Auf jeden Fall hatte der Tape-Rekorder schon längst abgeschaltet. Damals war er noch ein Leo zum Anfassen. Unheimlich sympathisch, offenherzig, mitteilsam.

Er erzählte von seiner über alles geliebten deutschen Großmutter Helene, seiner Liebe für Würstchen, Sauerkraut à la Helene - und dass er in der Nacht zuvor in einer Nobeldisco bei einem deutschen Mädchen abgeblitzt war. "Das war echt komisch. Ich ging zu ihr auf die Tanzfläche und fragte, ob ich mit ihr tanzen dürfte. Sie sah mich prüfend an und sagte: 'Nee, du bist mir nicht schön genug !' - Das sagte sie - zu mir !" Leo konnte es nicht fassen. Ein paar Jahre später hatte er diese erotische Schlappe dann ein für alle Mal mit einer Reihe von Supermodels - darunter Kate Moss, Helena Christensen, Eva Herzegovina und natürlich Ab und an-Freundin Gisèle Bündchen - von Demi Moore ganz zu schweigen - endgültig ausgebügelt.

Heute im Hotel will er darüber nicht mehr gerne sprechen. Über seine Affären, sein Pin-Up-Image. "Ich kann nur sagen, dass 90 Prozent der Geschichten über mich frei erfunden sind." Man glaubt es ihm. Fast. Doch Leo legt nach: "Ich wollte, seit ich ein kleiner Junge war, immer nur Schauspieler werden, ich meine, ein richtiger Schauspieler - kein Hollywood-Star. Allerdings habe ich lange Zeit gedacht, dass man da einem besonderen Club angehören muss, um einer werden zu können. Und das ist besonders iromisch, da ich ja in Hollywood aufgewachsen bin." Leo lacht und fährt fort: Als Teenager fand ich die sogenannten Hollywood-Stars zum Kotzen. Daran hat sich bis heute nicht wirklich viel geändert."

Leonardo DiCaprio wurde am 11.November 1974 in Los Angeles geboren. Seine Eltern, der Italo-Amerikaner George DiCaprio und die Deutsche Irmelin nannten ihren Sohn nach dem berühmten Renaissance-Maler da Vinci. Ein Jahr nach seiner geburt ließen sich die Eltern scheiden. Leo wuchs zusammen mit seinem Stiefbruder Adam (und) bei seiner Mutter auf. Nach diversen Werbe- und TV-Auftritten gab er 1991 mit "Critters 3 - Die Kuschelkiller kommen" sein Leinwanddebüt - ohne groß Beachtung zu finden.

Doch anstatt sich in hirnlosen Hollywood-Teen-Komödien verheizen zu lassen, ging er, der ja immer nur Schauspieler werden wollte, in die Meisterklasse von Robert De Niro. 1993 wurde er unter 400 Jungs - so schlug er damals etwa seinen Freund Tobey "Spiderman" Maguire aus dem Feld - für "This Boy's Life" ausgewählt. An der Seite seines Freundes und Mentors Robert De Niro lernte er in einer Art Crash-Kurs nicht nur, wie man "richtig" schauspielert, sonder schaffte außerden über Nacht den internationalen Durchbruch im Filmgeschäft.

Nach einer Reihe weiterer anspruchsvoller Filme wie "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" ( für den er, gerade einmal 19 Jahre alt, eine Oscar-Nominierung als Bester Nebendarsteller bekam), "The Basketball Diaries" und "Romeo & Julia" folgte 1997 die Hauptrolle in "Titanic". Der Rest ist Kinogeschichte.

Der Zombie

Der Mega-Erfolg von "Titanic" war - auch wenn er ihn heute lässig herunterzuspielen versucht - eine starke Zäsur in Leos Leben. O-Ton Leo anno 1999: "Der Erfolg von 'Titanic' hat mein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Ich war nicht mehr ich - sondern das Produkt 'Leonardo DiCaprio'. Nie zuvor habe ich mich so unwohl in meiner Haut gefühlt. Leo, der Posterboy - von Helsinki bis Tokio. Manchmal war es der reine Horror."

Der reine Horror war auch das Interview zu "Der Mann in der eisernen Maske" im Jahr 1 nach "Titanic". Mr. DiCaprio glich einem Zombie. Fahrig, bleich und aufgedunsen kaute er während eines 16-minütigen Interviews an der Verschlusskappe einer Evian-Flasche, bis er sie völlig zerbissen hatte. Gestik, Mimik und Körpersprache signalisierten: "Ein falsches Wort - und ich lasse dich höchstpersönlich im Hudson-River ersäufen." Er schien auf dem besten Weg, einer dieser blasierten Hollywood-Großkotze zu werden, die er doch angeblich so verachtete.

Die Notbremse

Doch bevor es soweit kam, zog er die Notbremse. "Ich habe mich langsam wieder auf das besonnen, was ich eigentlich wollte - nämlich gute Filme machen." Zum Glück holte ihn Martin Scorsese wieder auf sicheres Terrain. "Ich wollte schon immer in einem Scorsese-Film mitspielen. Ich liebe Martys Movies über alles. Vor allem 'GoodFellas', den habe ich mindestens ein Dutzend Mal gesehen. Mit 17 habe ich sogar meinen Agenten gewechselt in der Hoffnung, dass ich so schneller Kontakt mit Marty bekomme. Aber sechs Jahre lang hat sich nichts getan. Dann - ich war gerade in Thailand bei den Dreharbeiten zu 'The Beach' - bekam ich eines Tages einen Anruf von Marty, der mich einfach fragte, ob ich in 'Gangs of New York' die Hauptrolle spielen wollte. Mir ist fast meine Frühlingsrolle aus dem Mund gefallen."

Kurz danach erwarb Leonardo DiCaprio die Rechre an dem Howard-Hughes-Script zu "Aviator", dass er ursprünglich mit Michael Mann verfilmen wollte. Der fühlte sich nach "Ali" aber für ein weiteres Bio-Pic zu ausgebrannt. Und so kam erneut Martin Scorsese zum Zug.

"Der Mann war ein Womanizer, Visionär, Draufgänger, Erfinder, Wahnsinniger, Filmbegeisterter, einzigartiger Flieger und dabei unermesslich reich und exzentrisch. Wie kann man von so einer Figur nicht begeistert sein?" erklärt Leo seine jahrelange Faszination für Hughes. Und wenn es stimmt, dass man sich unbewusst immer zu dem hingezogen fühlt, was einen selbst tief im Innern umtreibt, dann ist der heute 30-jährige Leonardo DiCaprio mit "Aviator" in einen ernsthafteren und anspruchsvolleren Lebensabschnitt getreten. Romeo, Rimbaud, Jack Dawson und Frank Abagnale, der smarte Hochstapler aus Spielbergs "Catch me If You Can", waren Projektionsflächen für den juvenilen Rebellen und Romantiker; mit Howard Hughes bereitet sich DiCaprio langsam auf seine "Macbeth & Hamlet"-Phase vor.

Seinen nächsten Film wird DiCaprio wieder mit Scorsese machen, ihr inzwischen fast schon symbiotisches Verhältnis wird nicht zu Unrecht mit dem inzwischen offenbar ausgelaufenen von De Niro und Scorsese verglichen. DiCaprios Ambitionen, von Film zu Film besser zu werden, steht somit nichts im Wege. Nicht einmal der längst obligatorische 20-Millionen-Dollar-Scheck pro Film. DiCaprios Kommentar dazu: "Geld hat mich nie motiviert. Und ich weiß sehr wohl, dass ich mir meine Meriten erst verdienen muss. Ich habe mir und der Welt als Schauspieler noch viel zu beweisen."

 

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