Zitty Berlin - 20. November 2008

 

 

'Titanic war meine Reifeprüfung'

In Ridley Scotts Polit-Thriller 'Der Mann, der niemals lebte' ist Leonardo DiCaprio in Topform. Der Superstar über Barack Obama, Russell Crowe und Berlin

Interview: Rufus Leu

 

 

Hotel Hassler, Rom. Übernächtigt, aber mit einem strahlenden Lächeln, kommt Leonardo DiCaprio zum Interview. Bis halb sieben Uhr morgens ist er wach geblieben, um die Siegerrede von Barack Obama im Fernsehen live mitzuerleben. Der Hollywoodstar hat Obama aktiv im Wahlkampf unterstützt. Die Freude und Genugtuung, die dem 34-jährigen ins Gesicht geschrieben steht, könnte bei einem Oscar-Gewinn nicht größer sein. Oder doch?

 

Sie strahlen, als ob Sie einen Oscar gewonnen hätten.

[Lacht] Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Ich bin wirklich überglücklich, dass Obama unser neuer Präsident wird. Endlich ist diese dunkle, bleierne Zeit vorüber. Ich bin mir sicher, dass Obama fundamentale Veränderungen - Verbesserungen ! - in die Wege leiten wird, die für uns alle, nicht nur für die USA, gut sein werden. Heute ist wirklich ein Tag, an dem ich stolz bin, Amerikaner zu sein.

In 'Der Mann, der niemals lebte' spielen Sie einen CIA-Agenten, der in den Krisengebieten im Nahen Osten an vorderster Front steht...

...und dort dir Knochenarbeit macht. Es ist wirklich ein ultraharter Thriller, der uns einen kleinen, aber sehr packenden Ausschnitt davon zeigt, wie die Geheimdienste arbeiten. Ich habe mich zur Vorbereitung auf den Film nit dem Autor der Buchvorlage, dem Nahost-Experten und Journalisten David Ignatius, getroffen und mit ein paar Ex-CIA-Agenten. Und was die mir erzählt haben, was tatsächlich jeden Tag hinter den Kulissen in den Krisengebieten der Welt abgeht, da wurde mir ganz flau zumute.

Sie fühlen sich vom CIA und FBI nicht gut beschützt?

Wenn ich das nur wüsste. Nach 9/11 kann sich wohl niemand mehr ganz und gar in Sicherheit wiegen. Ich weiß nur, dass es klug ist, sich über so viele Medien wie möglich zu informieren, um einen halbwegs klaren Überblick zu bekommen.

Können Filme, gerade politisch motivierte, etwas verändern?

Ich glaube nicht. Filme sind in erster Linie dazu da, um zu unterhalten. Ridleys Film hält sich ziemlich nahe an die Fakten - soweit das überhaupt geht.

Ridley Scott wird oft vorgeworfen, dass er den Stil über den Inhalt stellt.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Für mich ist Ridley ein Phänomen. Er dreht wahnsinnig schnell - sein Lieblingswort ist eindeutig: Action ! - und das manchmal mit fünf, sechs Kameras gleichzeitig. Und das Unglaubliche: Bei ihm hat alles Sinn und Verstand. Er schneidet diese oft hochkomplexen Sequenzen schon im Kopf, während er sie dreht. Ridleys Filme sind für mich absolut auf dem Punkt und sehr modern. Und es war eine große Herausforderung für mich, da mitzumachen.

Ihren Co-Star Russell Crowe haben Sie - nach eigener Aussage - ganz schön ins Schwitzen gebracht.

Tatsächlich? Nun, er mich auch. Für mich als Schauspieler ist es einfach fantastisch, wenn man ein Gegenüber hat, das einen nicht nur sehr gut bedienen kann, sondern sogar noch mehr zurückgibt. Da blühe ich jedesmal auf. Russell ist ein sehr großzügiger Schauspieler, der einem aber auch jede Menge abverlangt. Wir sind uns zum ersten mal vor 15 Jahren bei den Dreharbeiten zu 'Schneller als der Tod' über den Weg gelaufen. Damals waren wir beide noch etwas grün hinter den Ohren. Und jetzt, viele Filme später, haben wir zu unserer großen Befriedigung festgestellt, dass wir noch immer dieselbe idealistische Einstellung zum Filmemachen haben wie damals.

Ruhm und Reichtum haben Sie also nicht korrumpiert?

Ganz sicher nicht. Wissen Sie, ich bin in Hollywood aufgewachsen. Allerdings nicht etwa auf dem Roten Teppich, sondern dort, wo es auch heute noch schmutzig und gefährlich ist. Und ich gebe gern zu, dass ich als Kind wie viele andere auch dachte, dass fast alle Hollywoodstars fürchterlich eingebildet und megareich sind, ständig Drogen nehmen und jedes Wochenende bei Hugh Hefners Playboy-Bunnys vernaschen. Als ich dann selbst ins Filmbusiness einstieg, habe ich schnell gesehen, dass all jene, die wirklich relevant sind und über lange Jahre hinweg gute Arbeit abliefern, sehr ernste und verantwortungsbewusste Menschen sind.

Dann war wohl der Mega-Hype um Sie nach 'Titanic' Ihr ganz persönlicher Lackmus-Test?

'Titanic' war wirklich meine Reifeprüfung ! Da hätte ich leicht unter die Räder kommen können. Das war zeitweise wirklich irre und krank. Da wusste ich plötzlich, wie sich die Beatles gefühlt haben müssen, als die Fans bei ihren Livekonzerten so laut schrien. Ich bin froh, von diesem Posterboy-Image endlich losgekommen zu sein. Das war ein hartes Stück Arbeit, das können Sie mir glauben.

Sie sind einer der ganz wenigen Hollywoodstars, die sich ihre Projekte aussuchen können.

Und ich bin mir dieses Privilegs auch sehr bewusst. Und damit das auch noch lange Zeit so bleibt, gebe ich bei jedem Film immer mein Bestes. Bei 'Der Mann, der niemals lebte' habe ich mich in die grausame Folterszene so hineingesteigert, dass ich mich drei Tage danach körperlich krank fühlte. Aber wenn man nicht mit Leidenschaft dabei ist, sollte man den Job besser gleich lassen.

Glauben Sie, dass das Beste noch vor Ihnen liegt?

Ich gehe auf Mitte 30 zu und hoffe, dass ich mich jetzt langsam wirklich in den guten und gewichtigen Rollen beweisen kann. Die 30er sind eine gute Zeit dafür [lacht] Selbst Koryphäen wie Robert De Niro, Al Pacino und Dustin Hoffman haben ihre wirklich großen Filme in ihren 30ern gemacht.

Sie haben gerade mit Martin Scorsese den Psycho-Thriller 'Shutter Island' abgedreht. Ist Scorsese Ihr Lieblingsregisseur?

Es fällt mir schwer, darauf mit Nein zu antworten. Mit Marty zu arbeiten, das ist etwas ganz Besonderes. Man bekommt bei ihm - neben der sehr intensiven Dreherfahrung - auch gleich noch jede Menge Filmgeschichte mitgeliefert. Er hat mein Filmwissen enorm erweitert. Und da wir einen sehr ähnlichen Geschmack haben, liegt es nahe, dass wir oft miteinander arbeiten.

Wann werden Sie denn endlich den 'Roosevelt'-Film machen?

Ich hoffe bald. Aber wir sind diesbezüglich noch in der "Hollywood-Stoffentwicklungs-Hölle". Da muss man manchmal wahnsinnig viel Geduld aufbringen, bis ein Film von einem Studio dann endlich grünes Licht bekommt. Ein anderes Projekt, das mir auch noch sehr am Herzen liegt, ist mein Film über den Bond-Erfinder Ian Fleming.

Letzte Frage: Was fällt Ihnen denn spontan zu "Berlin" ein?

[Lacht] Oh, sehr viel. Wie Sie wissen, habe ich deutsche Wurzeln, und Berlin ist eine sehr spannende und interessante Stadt, die ich immer wieder gern besuche. Ich erinnere mich auch noch mit großer Freude daran, dass ich vor elf Jahren bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären für 'Romeo & Julia' ausgezeichnet wurde. Und Barack Obama war im Sommer in Berlin !

 

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