ZEIT Magazin - 8.Januar 1998

 

Warum lieben mich bloß alle?

Ein Gespräch mit Leonardo DiCaprio, dem Star des teuersten Films aller Zeiten

>Ich hasse coole Leute<

Leonardo DiCaprio ist reich, berühmt - und mit 23 Jahren Hollywoods begehrtester Star. In dem 200-Millionen-Dollar Film >Titanic< spielt er die Hauptrolle. Trotzdem hält er sich für stinknormal.

VON RICHARD PLEUGER

 

Mr. DiCaprio, weinen Sie, wenn Sie ihre eigenen Filme sehen?

Keine Träne. Ich denke die ganze Zeit nur an eines: Ist meine Darbietung wirklichkeitsnah? Als Schauspieler darf ich immer wieder ein anderer Mensch sein und an anderen Orten in anderen Zeiten leben. Das coolste daran sind die ein oder zwei Momente beim Drehen, in denen ich mit meiner Figur verschmelze. Ich erlebe das mit jeder Zelle meines Körpers. Für diese Sekunden lebe ich.

Sie sind durch Filme wie "This Boy´s Life" und "Jim Carroll - In den Straßen von New Yotk" bekannt geworden, und seit "Romeo und Julia" sind Sie der Schwarm Hollywoods. Wie schaffen Sie es, auf dem Boden zu bleiben?

Als bekannter Schauspieler ist es schwierig, den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. Ich weiß, daß man sehr leicht ein fieser Typ wird, wenn man dem Erwartungsdruck nicht gewachsen ist. Viele Kollegen schaffen sich ein Image als Schutz. Ich habe keine Lösung für dieses Problem.

Behandeln Ihre alten Freunde Sie nach wie vor wie einen normalen Menschen?

Ja, wir haben viel Spaß zusammen. Wir lachen über meinen Ruhm. Und machen das Beste daraus. Meine Freunde finden es lustig, wenn wir abends in den Clubs diesen verrückten Menschen begegnen, meinen Fans. Zum Glück gab es da noch nie eine prekäre Situation.

Die Welt hält Sie für den Inbegriff des Coolen. Freut Sie das?

Ich mag keine coolen Leute. Die meisten meiner Freunde sind nerds, stinknormale Typen. Die würden verrückt spielen, wenn sie das hörten, aber es ist so. Ich bin selbst ein nerd. Ich mag Menschen, bei denen man nicht so viele Schutzschichten abpellen muß, um an die Person zu kommen, die sie wirklich sind. Offene Menschen, die mit sich selbst im reinen sind und mit denen man gut abhängen kann.

Sind Sie die ewigen Vergleiche mit Ihren Kollegen Johnny Depp und dem 1993 verstorbenen River Phoenix leid?

Ich habe vor dem Werk der beiden großen Respekt, und mit ihnen verglichen zu werden, war für mich lange ein Traum. Johnny´s Meisterleistung durfte ich in dem Film "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" beobachten, in dem ich mitspielte.

Stimmt es, daß Sie River Phoenix nie kennengelernt haben?

Ich habe ihn einmal getroffen, auf einer Halloween-Party, bei der alle völlig betrunken waren. Im Gedrängel kam mir River entgegen, er trug eine Maske. Ich wollte ihm die Hand schütteln und dachte, er würde mich wahrscheinlich nicht abblitzen lassen, weil ich ein paar Sachen gemacht hatte, die sich sehen lassen konnten. Ich wurde aber an ihm vorbeigedrängt. Als nächstes hörte ich, daß River gestorben war. In derselben Nacht.

Heroin ist eines der großen Tabuthemen Hollywoods, obwohl viele Schauspieler drogensüchtig sind Können Sie den Verführungen des Startums immer widerstehen?

Ich muß mich ständig dagegen wehren. Die Reizüberflutung ist enorm. Aber gerade jetzt kann ich es mir nicht leisen, mich richtig und wild zu geben. Ich habe "Jim Carroll - In den Straßen von New York" gedreht, um auf die Gefahren von Drogen hinzuweisen. Ich glaube, viele Süchtige in Holly wood wollen sich selbst bestrafen.

In dem Film spielen Sie einen heroinsüchtigen Dichter.

Ich wollte etwas gegen die Heroin-Euphorie tun. Ich habe nie Drogen genommen, und meine Freunde wissen, daß sie es mit mir zu tun bekommen, wenn sie damit anfangen. Ich kenne Leute, die die Hölle durchmachen.

Die Medien lieben Geschichten über Hollywoodstars, die Drogen nehmen.

Ja, die Journalisten flehen einen an, daß man sich auführt wie ein ausgeflippter Idiot. Die meisten wollen, daß man sich scheiße fühlt, so wie sie sich selbst fühlen.

Ihe Eltern trennten sich, als sie ein Jahr alt waren. Und in Ihren Filmen spielen sie meistens Jugendliche, in deren Leben viel schiefgeht. Wie haben Sie es geschafft, ein so netter Junge zu bleiben?

Meine Eltern haben sich trotz der Trennung nie scheiden lassen und mich gemeinsam und sehr liebevoll aufgezogen. In den Sechzigern waren sie Beatniks; mein Vater schieb Comic-Stories. Heute ist er für mich eine Art Buddha. Von ihm habe ich meinen eklektizistischen Geschmack für alles Künstlerische, Politische und Spirituelle. Ich wollte immer sein wie er, ein großer Bohemien.

Bis vor zwei Jahren wohnten Sie bei Ihrer Mutter, die in Deutschland geboren ist. Waren Sie schon einmal in Deutschland?

Sehr oft sogar. Meine Oma lebt in einer kleinen Stadt, deren Namen ich aber hier nicht sagen werde. Sie ist fast mein zweites Zuhause. Ich habe dort Freunde in meinem Alter.

Sprechen Sie deutsch?

(in perfektem Deutsch) Ja, ich kann ein wenig Deutsch sprechen.

Ist das nicht merkwürdig - ein Hollywoodstar in der deutschen Provinz?

Es ist ein seltsames Gefühl, dort zu sein, aber ich mag es. Ich verehre die deutsche Küche. Ich liebe, liebe, liebe deutsches Essen.

Komisch, daß Sie trotzdem so dünn sind.

Meine einzige Chance zuzunehmen, sind meine Deutschland-Trips. Dort fresse ich wie ein Scheunendrescher rund um die Uhr.

Wahrscheinlich haben Sie als Kind nicht genug zu essen bekommen, denn Sie stammen aus ärmlichen Verhältnissen. Ihr Aufstieg zum Ruhm klingt wie ein Märchen.

Ich bin der Bettelmann, der König wurde. Meine Familie hatte nie viel Geld. Aufgewachsen bin ich in Hollywood, die Ecke Western Avenue und Hollywood Boulevard war meine Heimat.

Eine üble Gegend. Gibt es dort nicht den Laden, in dem man psychedelische Elvis-Wandteppiche bekommt und fast alles weniger als einen Dollar kostet?

Klar, wir gingen sehr oft dort hin. Auch in den "TNT-Burger", den sie jetzt zum Schutz vor Überfällen vergittert haben. Ich mußte nur um die Ecke laufen, um einen Typen zu sehen, der Heroinspritzen und zwanzig Crackflaschen unter seinem Trenchcoat trug und dort zum Verkauf anbot. Dort habe ich alles Boshafte entwickelt, das in mir steckt. Aber das ist schon okay. Man muß sich bewußt sein, wo man seine Wurzeln hat.

Wollten Sie nicht immer Schauspieler werden?

Ja, schon als Kind wollte ich unterhalten, egal ob durch Breakdancing oder irgendeinen anderen Quatsch. Ich wollte Aufmerksamkeit. Die Leute zum Lachen bringen. Das ist in meinem Blut.

Haben Ihre Eltern das unterstützt?

Ich glaube, sie erkannten die Kraft, die in mir steckt. Mein Stiefbruder Adam war meine große Inspiration. Er hatte bei einem Werbefilm 50 000 Dollar verdient. Das ging mir nicht aus dem Kopf.

Kommt Ihre Famile damit zurecht, daß Sie reich sind?

Wir haben das Sparen trotz meiner hohen Gagen nicht verlernt. Wenn ich es vermeiden kann, verzichte ich im Hotel auf eine Cola für fünf Dollar und kaufe mir für den gleichen Pris ein Six-Pack um die Ecke. Auf dem Kühlschrank meiner Mutter kleben immer noch Rabattmarken.

Das hätte sie doch nicht mehr nötig.

Stimmt. Ich sage ihr: "Mom, es ist okay, du mußt keine 20-Cent-Rabattmarken für Häägen-Dasz-Eiskem sammeln. Du kannst ruhig den normalen Preis zahlen." Sie antwortet: "Ach, Honey, wenn ich Geld sparen kann, dann tue ich das." Auch meine deutsche Oma ist stur. Wir haben ihr Geld geschickt, sie hat es abgelehnt. "Ich brauche kein Auto, ich brauche nichts von alledem." Wenn ich so etwas höre, schaue ich nur noch zum Himmel und denke: na gut, wenn es sie glücklich macht.

Haben Sie neben Ihrem Vater weitere Idole?

Robert DeNiro war schon immer mein Held. Ich verehre aber auch Marlon Brando, Montgomery Clift und James Dean.

Warum haben Sie es dann abgelehnt, James Dean in der geplanten Verfilmung seines Lebens zu verkörpern?

Ich war zu jung, als mir die Rolle angeboten wurde. Und ich will nie auf ein Image festgelegt werden. Und die Gefahr bestand. Außerem wäre ich James Dean nicht gerecht geworden. Er ist eine Legende. Der Film könnte aber auch ohne mich gut werden.

Wie wählen Sie Ihe Rollen aus?

Sie müssen die Zeit überdauern. Ich sehe zu viele Leute kommen und gehen, auch talentierte Kollegen. Daraus habe ich auch gelernt, daß ich mich immer wieder aufs neue herausfordern lassen muß.

Das taten Sie für James Cameron´s Film "Titanic", der jetzt in die Kinos kommt - mit 200 Millionen Dollar Produktionskosten der teuerste Film aller Zeiten. Sie spielen Jack Dawson, einen Künstler, der einem unglücklichen Mädchen zeigt, daß es das falsche Leben führt. Cameron sagt, Sie seien dadurch erwachsen geworden.

Das kann sein. Ich habe noch nie so viel Verantwortung auf mich genommen. Seitdem bin ich in meinem Beruf auf alles vorbereitet.

Jack hat Mut, bis zum letzten Atemzug hält er seine Geliebte fest. Was hätten Sie an seiner Stelle in den frühen Morgenstunden des 15. April 1912 getan, als die Titanic im Eismeer versank?

Eine interessante Frage, auf die ich keine befriedigende Antwort weiß. Ein solches Erlebnis ist wohl der größte Charaktertest, dem man als Mensch ausgesetzt sein kann. Man kann leicht behaupten, daß man Frauen und Kiner zuerst in die Rettungsboote lassen würde.

Haben Sie mit Freunden darüber gesprochen?

Ja, ich habe sie gefragt, ob sie auf dem Schiff geblieben wären, um den anderen den Vortritt zu lassen. Alle sagten, sie wären auf jeden Fall in eines der Rettungsboote gestiegen.

Wären Sie gern so unbekümmert wie Jack?

Ich würde alles dafür geben, nur für den Moment zu leben, jeden Tag. Jack war nicht leicht zu spielen, denn anders als meine früheren Rollen, ist Jack nicht von inneren Dämonen besessen und einfach nur ein verletztbarer Mensch.

Jack muß ziemlich viel herumklettern, als das Schiff untergeht. Haben Sie sich für die Rolle Muskeln antrainiert?

Nein, Jack ist kein Muskelprotz. Und ich will einfach nur ein normaler, gesunder Mensch sein, ich mag kein Fitness-Center.

Haben Sie aus dem Filmstoff gelernt?

Der Untergang der Titanic ist der ultimative Denkzettel für alle, die glauben, sie können unsere Mutter Erde beherrschen. Leider vertrauen die meisten Mencshen trotzdem blind der Technik.

Jack´s Romanze mit der schönen Rose war also nicht der Grund, die Rolle anzunehmen?

Nein, ich mag keine traditionellen Liebesgeschichten. Sie sind mir zu kitschig. Auch für die Rolle des Romeo in "Romeo und Julia" entschied ich mich nur, weil ich die moderne Anmutung des Films interessant fand und den Regisseur toll.

James Cameron gilt als einer der besten Filmemacher unserer Tage, aber auch als Diktator am Set. Hat er Sie geschunden?

Nein, obwohl er schon etwas von einem General an sich hat. Er muß sich so verhalten, weil Tausende von Menschen für ihn arbeiten. Ich kenne aber auch Jim´s andere, sensible Seite. Er versteht es, schauspielerische Nuancen ebensogut darzustellen wie großartige Actionszenen.

Man munkelt bereits, Sie würden demnächst für einen Oskar nominiert. Träumen Sie davon?

Ich hoffe, daß der Film die Anerkennung bekommt, die er verdient - als einer der wenigen großen Hollywoodfilme der letzten Jahre, deren Inhalt mit dem Budget mithalten kann. Diesen Film wird man noch in zwanzig Jahren anschauen.

Werden Sie kleinere Filme drehen?

Natürlich. Ich bin nicht scharf auf romantische Hauptrollen und sehe mich eher als Charakterdarsteller.

Was würden Sie in Hollywood verändern?

Ich sehe mich als Teil einer Gruppe von Leuten, die experimentieren und in ein paar Jahren ein neues Filmzeitalter einleiten werden - wie die Meister in der Bronzezeit des Films zu Beginn des Jahrhunderts, in den phantastischen Fünfzigern und den goldenen Siebzigern. Ich spüre die Gestalt der Dinge, die auf uns zukommen.

Eine prophetische Aussage. Als nächstes sind Sie in einem Film von Woody Allen zu sehen. Welche Rolle haben Sie da?

Eine ganz kleine. Ich spiele einen verzogenen Hollywoodstar. Im Gegensatz zu Jim ließ mich Woody machen, was ich wollte. Das war eine wunderbare Abwechslung.

Den Sommer vorigen Jahres verbrachten Sie inParis und drehten "Der Mann mit der eisernen Maske". Hatten Sie Zeit, sich Paris näher anzuschauen?

Klar. Ich durfte meine zehn besten Freunde einfliegen lassen, und wir hatten die tollste Zeit unserers Lebens. Ich habe mir alle Museen und die Katakomben angesehen. Der Louvre ist okay. Ich mochte das Musée d´Orsay am liebsten.

Wer ist Ihr Lieblingsmaler?

Ich habe viele. Monet, Seurat, Rousseau, natürlich van Gogh. Von den modernen Malern gefällt mir Robert Williams am besten. Er malt surreale Underground-Bilder und lebt in L.A.

Wie haben Sie die Tausenden von kreischenden Japanerinnen bei der Weltpremiere von "Titanic" in Tokio überstanden?

Ich habe den Rummel als nicht mehr real empfunden; ich fühlte mich wie ein Außerirdischer. Die Mädchen waren für mich eine anonyme Wand schreiener Münder. Wenn ich so mit Bewunderung überschüttet werde, fällt es mir schwer, wie ein Mensch zu empfinden.

Lesen Sie eigentlich Fanpost?

Dafür habe ich keine Zeit. Ein Freund schaut sie für mich durch und gibt mir die verrücktesten und lustigsten Briefe zu lesen.

Was steht da so drin?

Manche sind sehr bizarr. Das interessante daran ist, wie sehr die Leute einen zu kennen glauben. Sie schreiben an einen Freund - und nicht an ein seltsames Objekt ihrer Begierde. Das gefällt mir.

Es scheint Ihnen nicht schwerzufallen, Ihr Leben als Star zu genießen.

Das habe ich Sharon Stone zu verdanken. Während des Drehs zu dem Western "Schneller als der Tod" gab sie mir den Rat, die Vorteile des Ruhms zu nutzen. Das würde mich stärker machen.

Was ist Ihre beste Eigenschaft?

Ich kann vieles klar sehen und mache mir nicht allzu viele Gedanken. Egal, was in meinem Leben auch schiefgeht. Ich habe das große Bild vor Augen. Momentan ist es aber nicht leicht.

Und Ihr schlimmster Fehler?

Daß ich meine Fehler noch nicht so gut kenne wie meine Stärken. Deshalb werde ich mir jetzt viel Zeit nehmen. Ich habe wichtige Dinge vernachlässigt, seit meine Schauspielerkarriere mit sechzehn richtig losging.

Was werden Sie nach dem Rummel um den "Titanic"-Film machen?

Reisen, mit Blauwalen schwimmen, lesen, Tiere studieren. Man kann nicht permanent arbeiten. Deswegen werde ich viele Angebote und Tonnen von Geld ablehnen.

Sie wollen mit dreiundzwanzig endlich zu sich selbst finden?

Genau. Ich komme mir vor wie am Ende eines Weges, den ich lange genug gegangen bin. Wenn ich jetzt nicht weiter an meiner Persönlichkeit arbeite, laufe ich Gefahr, ein Workoholic zu werden. Ich muß wissen, wer ich wirklich bin. Sonst verwechsle ich mich irgendwann selbst mit meinen Rollen.

 

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