|
Widescreen - Februar 2003
Interview mit Leonardo DiCaprio "Ich gehörte anfangs nicht in diese Welt" Interview: Karen Martin Silke Tittel
Widescreen: Leonardo DiCaprio, in diesen Tagen sind Sie ja wirklich nicht zu übersehen, da zwei Filme von Ihnen fast gleichzeitig anlaufen - "Catch Me If You Can" und "Gangs of New York". Ist das nicht ein eigenartiges Gefühl? Leonardo DiCaprio: Nun, so war das ja wirklich nicht geplant. "Gangs of New York" hätte ja eigentlich schon viel früher anlaufen sollen. Ist also purer Zufall. Fühlt sich aber schon gut an. Ich freue mich, wieder da zu sein. (Lacht) War ja schon eine lange Pause.
An welchem Punkt Ihrer Karriere sehen Sie sich denn jetzt? Sie sind ja aktuell auch in eine
Handvoll neuer Projekte involviert.
Nun, diese kleine Pause habe ich eigentlich nicht bewusst eingelegt. Ich habe einfach auf gutes
Material gewartet und das kam nicht so schnell, wie ich es mir gewünscht hätte. Von "Gangs of New
York" hatte ich dagegen schon als Sechzehnjähriger gehört und dann sogar die Agentur gewechselt,
um mich mit Martin Scorsese treffen zu können. Und das hat geklappt. "Catch Me If You Can" war
ein Skript, das mit geschickt wurde,und mir war sofort klar, dass ich da dabei sein will.
In "Catch Me If You Can" lügt und schwindelt sich der von Ihnen dargestellte Frank
Abagnale durchs Leben. Wie halten Sie es denn mit der Wahrheit?
Ganz bestimmt gehören kleine Schwindeleien zum Alltag. Es ist halt einfacher, bestimmte Fakten über
bestimmte Dinge zu betonen, und die negativen zu verschweigen. Aber so zu lügen wie in meiner
Filmrolle, das holt einen irgendwann ein. Auch wenn man als Schauspieler vorgibt, anders zu sein
als man wirklich ist, werden es Leute trotzdem irgendwann merken. Genau wie bei Frank. Ich glaube,
auch er wusste, dass er seine Lügen nur eine begrenzte Zeit lang aufrechterhalten konnte, und deshalb
war er so extrem.
Haben Menschen Sie jemals angelogen?
Ach, jede Menge. Nach "Titanic" war ich plötzlich von Geiern umgeben, von Leuten, die einem
einfach nicht dieselbe Ehrlichkeit und Offenheit entgegenbringen, die man selber hat. Das war mir
wirklich eine große Lehre. Ich fühle mich seitdem den Menschen enger verbunden, die ich schon vor
"Titanic" kannte, beovr ich jemand war - und die trotzdem für mich da waren. Ich habe viel
Erfahrungen mit Menschen gemacht, die vorgeben, mehr zu sein, als sie wirklich sind. Und das ist
noch milde ausgedrückt (Lacht)
Wie haben Sie denn gelernt, mit Ihrem Ruhm umzugehen? Was machen Sie, um bei alldem so normal
zu bleiben?
Na ja, ich bin nun schon seit zwölf Jahren in diesem Business. Und ich sehe eine Menge Beispiele für
Leute in meiner Position, die nicht die besten sind. Sie wissen schon, was ich meine. Tom (Hanks)
dagegen ist wirklich ein Vorbild. Er hat es nicht verlernt, auf Menschen einzugehen, nicht verwöhnt
zu sein und Leute nicht herumzukommandieren. Man muss seine Position wirklich zu schätzen wissen und
darf das auch nicht vergessen. Der Rest kommt dann von ganz allein.
Aber was hält Sie ganz persönlich auf dem Boden der Tatsachen?
Ganz bestimmt meine Familie. Ich glaube, das ist, weil ich es nicht mag, meinen Job mit nach Hause
zu bringen. Wenn ich mit Familie oder Freunden zusammen bin, spreche ich nicht gern über meine
Filme oder die Charaktere, die ich spiele. Wenn man sich zu sehr von dem ganzen Film-Business
vereinnahmen lässt, wird man sehr sensibel für Kritik - glaubt nicht mehr an sich selber und fängt
an, sich zu verändern. Beantwortet das Ihre Frage? (Lacht) Das ist wirklich so.
Gab es einen Film, der Sie als Kind so beeindruckt hat, dass Sie Schauspieler werden wollten?
Ehrlich: Ich habe nie geglaubt, dass ich wirklich Schauspieler werden würde. Das war eine unantastbare
Welt für mich, die einem elitären Club oder einer elitären Gruppe von Leuten gehörte. Ich war ein
kleiner, rauflustiger Punk, wissen Sie. Erst als Teenager habe ich so viele gute 70er-Jahre-Filme
gesehen, bei denen ich dachte, wow, so was kann ich auch machen. Aber ich erinnere mich an John
Carpenter "The Thing". Es war weniger der Film selbst als die Premiere. Ich stand draussen in
der ersten Reihe und fühlte mich so geehrt. Diese Aufregung, die Leute zu sehen, die im Film waren -
das hat mir irgendwie eine stärkere Verbindung zum Kino gegeben. Da habe ich zum ersten Mal gefühlt,
dass diese Welt greifbar ist. Von da an war ich eines dieser Kids, die immer da draussen standen und
den Stars zuwinkten.
Sie wirken in Ihren Rollen sehr natürlich, als ob Ihnen das Schauspielern leichtfällt. Haben Sie
denn als Kind schon Spaß daran gehabt?
An meine Kindheit kann ich mich gar nicht mehr so gut erinnern. Aber meine Eltern erzählten, dass
ich jedes Mal, wenn ihre Gäste gegangen waren, eine Show hingelegt habe. Die Leute nachgemacht habe,
mit allen Tricks und Fehlern. Und ich war in der Schauspielgruppe meiner Schule. Damals habe ich schon
allen erzählt, dass ich Schauspieler werden will. Einmal bin ich sogar vor einem Rockkonzert auf die
Bühne geklettert und hab 'nen Steptanz hingelegt, um die Leute zu unterhalten. Ich glaube, ich habe
diesen Wunsch nie in Frage gestellt. Ironischerweise habe ich ja in Hollywood gelebt, hatte die
blonden Haare und die Pausbacken. Aber ich gehörte anfangs nicht in diese Welt und es hat eine Weile
gedauert, bis ich dann einen Agenten bekam.
Was ist für Sie wichtig in einer Beziehung, an einer Frau?
Ganz zuerst kommt, dass man wirklich mit einem Menschen befreundet ist. Das habe ich gelernt. Wenn
man nicht zuerst befreundet ist und die Frau dich nicht total akzeptiert, dann funktioniert das nie.
Aber letztendlich bin ich nur ein junger Grünschnabel, der keine Ahnung hat (Lacht)
Ihre Produktionsfirma heisst Appian Way. Was hat das zu bedeuten?
Als ich mir überlegt habe, eine zu gründen, bin ich jeden Tag den Appian Way rauf- und runtergefahren.
Das ist die Straße, auf der im alten Rom alles seinen Anfang hatte, wo sie ihre Truppen marschieren
ließen und wo die Invasoren kamen. Italien - ich schwöre, es gibt keinen besseren Ort. Rom ist wie
ein Paris für Männer. Da gibt's Geschichte, tolles Essen, tolle Leute - und irgendwie ein deftigeres
Flair. Rom ist längst nicht so sauber und steril wie Paris. Die Stadt liebe ich mehr als jede andere
auf der Welt. Jedes freie Wochenende bin ich in Museen gewesen. Mein bestes Reiseerlebnis war Pompeji.
In Straßen zu laufen. die tausende Jahre alt sind, war einfach unglaublich. Ich glaube, ich habe rund
um Rom alles gesehen, was es zu sehen gibt.
Weniger bekannt ist über Sie, dass Sie sich stark für Umweltschutz engagieren.
Ja. Ich konzentriere mich auf ein paar Dinge, auf ein paar wenige Dinge - und die mache ich gut. Ich
möchte nicht überall präsent sein, aber nirgendwo wirklich involviert. Momentan sind dies die
Schauspielerei und der Umweltschutz. Grüne Technologien und erneuerbare Energie sind möglich. Wir
spielen ein gefährliches Spiel mit der Erde. Und so sehr der Einzelne sich auch bemüht, zu recyceln
und verantwortungsvoll zu handeln - eigentlich liegt es in den Händen der Regierungen. Ich habe die
Organisation "Global Green" damals bei der Forderung unterstützt, dass Präsident Bush an der
Umweltkonferenz in Johannesburg teilnimmt. Hat er leider nicht getan. Aber die Vereinigten Staaten
sind ein Vorbild für den Rest der Welt. Und wenn wir uns nicht alternativen Konzepten zuwenden, wird
es für alle anderen schwerer werden. Das hat leider viel mit Ölinteresen und Profit und Bürokratie zu
tun. Ich werde mich weiter für dieses Thema einsetzen, weil es längst nicht genug Aufmerksamkeit in
den Medien bekommt.
*** Back to Deutsche Artikel & Interviews
|