Ulysses - Dezember 2006

 

 

Ein Freund der Erde

Leonardo DiCaprio hat die Wandlung vom 'Titanic'-Jüngling zum Charakterdarsteller geschafft. Für seine Rolle in 'Blood Diamond darf er sogar auf einen Oscar hoffen.

 

Seit 'Titanic' ist Leonardo DiCaprio einer der größten Hollywoodstars. Was für andere ein Segen, ist für DiCaprio nahe am Fluch. Der 32-jährige würde lieber für eine lebbare Zukunft auf diesem Planeten sorgen.

 

Leonardo, in 'Departed - Unter Feinden' spielst du einen Polizisten, der sich als Gangster ausgeben muss und dadurch in Gewissenskonflikte gerät....

Ja, es war verdammt anstrengend, gleichzeitig den Guten und den Bösen zu spielen, aber genau das war ja das Coole an dieser Rolle. Ich hätte auch gern die Rolle von Matt Damon übernommen. die genauso angelegt ist wie meine. Wir spielen beide Polizisten, doch während ich als Undercoveragent einen Gangsterring sprengen soll, sitzt Matt als Spitzel dieser Gangster bei der Polizei. Im Grunde genommen sind wir beide sogar eine Person, und die Geschichte sagt sehr viel über das Leben aus.

Was denn genau?

Beide sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich, kommen aus der gleichen Schicht und sind Polizisten geworden. Dennoch geraten sie auf zwei völlig verschiedene Pfade. Es sind unsere Entscheidungen, die über unsere Zukunft bestimmen, weshalb man immer sehr genau abwägen sollte, wie sich die Entscheidungen, die man trifft, auf die Umwelt und auf andere auswirken könnten.

Bist du wirklich so ein überlegter Typ, der noch nie eine Entscheidung bereut hat?

Das nicht, aber es gibt nicht viel, was ich bereuen würde. Zugegeben, ich habe mich bis heute nicht damit abfinden können, in der Öffentlichkeit zu stehen und überall von Fotografen verfolgt zu werden. Aber wenn sich wieder mal ein Tag dem Ende neigt und ich über mein Leben grüble, komme ich stets zu dem gleichen Schluss: Mir geht es verdammt gut. Man schenkt mir und meiner Arbeit viel Aufmerksamkeit, und ich konnte mir bereits viele meiner Wünsche erfüllen. Andere würden dafür morden, meine Position zu haben.

Du nutzt deine Prominenz inzwischen, um dich sozial zu engagieren.

Das stimmt, ich setze mich für ein stärkeres Umweltbewusstsein und für die Aids-Hilfe in Afrika ein. Ich habe mal ein Waisenhaus in Afrika besucht und war erschüttert, so viele Kinder zu treffen, die beide Elternteile durch Aids verloren haben. Es ist dramatisch, was sich gerade auf unserem Planeten abspielt: Hunger, Aids, globale Erwärmung - da muss etwas geschehen, und ich will meinen Beitrag dazu leisten.

Fürchtest du dich manchmal vor der Zukunft?

Wenn sich nichts ändert, dann bestimmt. Es geht ja nicht nur um die Erwärmung, sondern auch darum, dass wir unsere Resourcen mehr und mehr aufbrauchen und die Meere verschmutzen. Wir behandeln unsere Welt, als würde sie immer so bestehen bleiben, wie sie ist. Aber das ist nicht der Fall.

Wie umweltbewusst bist du?

Ich fahre schon seit etlichen Jahren Hybridautos und beziehe den Strom für mein Haus über Solarzellen. Mein Umweltbewusstsein hat sich nach 'Titanic' entwickelt, als ich plötzlich total im Rampenlicht stand, und ich das dringende Bedürfnis hatte, mich zurückzuziehen. Nicht, dass ich nicht stolz auf diesen Film wäre, aber es war so eine intensive Zeit, dass ich zwei Jahre keine Filme mehr gedreht habe, um mich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen, die mir noch heute wichtiger sind als dieser ganze Kult um meine Person.

Trotzdem hast du dich damit arrangiert.

Ich bin sehr zufrieden damit, wie sich meine Karriere entwickelt hat. Momentan bin ich an einem Punkt, wo der Beruf den Hauptteil meines Lebens bestimmt. Wenn ich nicht gerade vor der Kamera stehe, bin ich damit beschäftigt, meine Filme zu promoten und die nächsten Projekte zu entwickeln. Das ist okay für mich, weil ich die Chancen nutzen will, die mir gegeben sind. Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke, muss ich mir zumindest nichts vorwerfen. Dann kann ich mir höchstens sagen: ich was vielleicht selbstsüchtig - aber ich hatte eine tolle Zeit.

Hast du manchmal trotzdem düstere Gedanken?

Klar, das kennt doch jeder. Aber mir hilft Musik ! Meine HipHop-Zeit liegt schon etwas länger zurück, und was ich jetzt höre, mag für viele nicht gerade aufregend klingen: ich bin so richtig auf dem Beatles-Trip ! Die populärste Band aller Zeiten, der ich in meiner Jugend gar nicht die Aufmerksamkeit gewidmet habe, die sie verdient.

Wie nah kommen die Beatles an deinen Lieblingsschauspieler Jack Nicholson heran, mit dem du zusammen für 'Departed - Unter Feinden' vor der Kamera gestanden hast?

Jack Nicholson ist auf seine Weise ähnlich groß. Ich habe ihn das erste Mal bei den Dreharbeiten zu 'Aviator' getroffen, wo wir bereits über eine mögliche Zusammenarbeit geredet haben. Keiner dachte damals, dass es so schnell dazu kommen würde, aber als von Martin Scorsese das Angebot für 'Departed - Unter Feinden' kam, sagten wir beide unabhängig voneinander zu. Jack hat mich nicht enttäuscht. Er besitzt ein unglaubliches Improvisationstalent, und dass er in seinem Alter immer noch im Filmgeschäft mitmischt, finde ich absolut beeindruckend. Wenn ich auf die 70 zugehen, kann ich nur hoffen, auf seinem Level zu sein.

Hinter der Kamera stand der Berliner Michael Ballhaus. Hast du mit ihm deutsch gesprochen?

Ja, die ganze Zeit ! Allerdings spreche ich nur noch gebrochen Deutsch, wie ein Vierjähriger. Ich kann zwar sagen, was ich will und was mir gefällt, aber für komplexe Gedankengänge reicht es nicht mehr.

Deine Mutter ist Deutsche und deine Großmutter lebt noch heute in Nordrhein-Westfalen. Wie stehst du zu Deutschland?

Meine Mutter und meine Großmutter stammen aus einer anderen Generation, in der andere Moralvorstellungen galten. Was ich an ihnen beiden schätze, ist ihre absolute Ehrlichkeit. Meine Oma habe ich oft beobachtet, wie sie anderen die Meinung gesagt hat. Sie war nicht immer nett, aber ich habe sie dafür bewundert. Ich hoffe, ein bisschen davon wurde mir auch vererbt.

Interview: Markus Tschiedert

 

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