Süddeutsche Zeitung - 16. Januar 2012
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Leonardo DiCaprio
Jetzt lach doch mal!
von Roland Huschke


Gern grimmig: Leonardo DiCaprio. (© AP)

"Titanic" katapultierte ihn in Hollywoods erste Liga. Doch Rekorde und Geld interessieren Leonardo DiCaprio nicht. Er möchte am liebsten schneller altern, als es die Natur gestattet und nur noch Filme drehen, die das Zeug zum Klassiker haben. Ob er auf die Tour endlich einen Oscar bekommt?

Wenn man nicht wüsste, dass er seit der Pubertät enorm ambitionierte Kinofilme dreht, könnte man Leonardo DiCaprio auch für einen ziemlich schneidigen Politiker halten. Ein Jungliberaler vielleicht, ein Neocon gar - so scharf ist das zurückgeklatschte Haar gescheitelt, so gut sitzt der Maßanzug und so wahnsinnig wichtig sind die Mienen der Menschen, die ihren Klienten abschirmen auf dem Weg zum Podium seiner Pressekonferenz.

Tatsächlich handelt es sich um einen inoffiziellen Wahlkampfstart bei diesem Termin in Los Angeles, für den DiCaprio kurz aus Australien eingeflogen ist und die Dreharbeiten zu Baz Luhrmans "The Great Gatsby" unterbrach. Das unterdrückte Gähnen ob des Jetlag hätte er kaum nötig als erfolgreichster Schauspieler der Welt. Auf 77 Millionen Dollar bezifferte Forbes sein letztjähriges Einkommen als Hollywood-Spitzenreiter. Geschuldet den Gewinnbeteiligungen an "Shutter Island" und "Inception", die weltweit zusammen 1,2 Milliarden Dollar Kasse machten.

Doch schnödes Geld und Rekorde spielen längst keine Rolle mehr in den Karriereplanungen des 37-jährigen "Titanic"-Veteranen. "Ich verbringe oft quälend viel Zeit bei der Wahl von Projekten", erklärt er hingegen seine Motivation, "weil ich wenigstens die Chance haben möchte, an etwas Außergewöhnlichem mitzuwirken. An Filmen, die über den Zeitgeist hinaus Bestand haben und mit dem Abstand von Jahrzehnten vielleicht das Zeug zu Klassikern der Filmgeschichte haben."

Sein jüngster Anlauf zur (Leinwand-)Unsterblichkeit heißt "J. Edgar" und beschreibt von ungeahnten Pionierleistungen als Kriminologe bis zum bitteren Ende als Paranoiker das Leben und Wirken von FBI-Chef J. Edgar Hoover. Ein Mann, der im kollektiven Unterbewusstsein Amerikas bisher nicht nur als kommunistenfressendes Schreckgespenst verankert war, das über fünfzig Jahre und unter acht US-Präsidenten einen bizarren Überwachungsstaat im Staate errichtete. Sondern auch als Freak, der heimlich die Kleider seiner Mutter trug oder John F. Kennedy obsessiv beim Beischlaf mit Miss Monroe belauschte. Unter der Regie Clint Eastwoods wird Hoover in "J. Edgar" von der mythischen Ebene zurück auf eine menschliche Fallhöhe gebracht - und DiCaprio müht sich in jedem Bild nach Kräften, einen Sack voller Widersprüche in einer Figur zu bündeln. Eine Power-Performance mit permanent tiefen Stirnfalten und bösen Blicken wie aus Schießscharten mithin, die wie automatisch eine Golden Globe-Nominierung bekam und DiCaprio seine vierte Oscar-Nominierung bringen dürfte.

Ähnlich wie bei "The Aviator" (2004), als er mit Howard Hughes einen Hoover recht verwandten Charakter spielte. Der Respekt ist zwar gewaltig für die technische Brillanz seiner Arbeit und "J. Edgar" zweifellos ein neuer Diamant in seiner Krone. Doch die Herzen fliegen den Konkurrenten George Clooney oder Brad Pitt zu. Was auch daran liegen könnte, dass sie zum Lachen nicht in den Keller gehen. DiCaprio indes hat sich über die Jahre zum Timm Thaler des internationalen Kinos entwickelt. So jungenhaft und sanft seine Physiognomie bis heute wirkt, so beharrlich arbeitet er gegen alles an, was auch nur annähernd an den strahlenden Schlawiner aus "Titanic" erinnern könnte. Erst recht in der Außendarstellung, was uns zum Beginn der "J. Edgar"-Kampagne im Beverly Wilshire Hotel führt.

Gerade saß mit dem jungen Nachwuchsstar Armie Hammer ("The Social Network") noch DiCaprios Leinwandpartner vor der Presse und erzählte beseelt davon, hier im berühmten "Pretty Woman"-Hotel neulich geheiratet zu haben. Ein Leonardo DiCaprio hingegen würde sich spürbar lieber das Mikrofon in den Hals rammen, bevor er von einem solch privaten Moment schwärmt.

Mit der Selbstkontrolle eines Staatsmannes, der Reportern zutiefst zu misstrauen gelernt hat und jede Gefahr zum Verplappern wittert, ist er indes ein Muster an Professionalität. Die Recherchen in Sachen Hoover, der Inszenierungsstil Eastwoods, die Vorfreude auf einen Job bei Quentin Tarantino in 2012 - über alles Berufliche weiß DiCaprio eloquent und geschmeidig zu berichten, als liefen die Inhalte via Teleprompter vor dem inneren Auge ab.

Übrigens nicht nur bei Pressekonferenzen. Auch im Vier-Augen-Gespräch beeindruckt DiCaprio mit Ehrgeiz und Leidenschaft für seinen Beruf, ohne sich je ins Persönliche zu verlieren. Klar, er wolle eines Tages eine Familie gründen. Das Verhältnis zu den getrennten Eltern? Es war und ist großartig. Und nein, zu irgendwelchen Freundinnen gibt es gar keinen Kommentar, daran erinnert einen sicherheitshalber schon seine Entourage. Wobei: Vier-Augen-Gespräch? Als man sich das letzte Mal wirklich allein mit dem Schauspieler unterhalten konnte und er diebisch grinsend eine gewisse Schwäche für Models gestand, fläzte sich DiCaprio mit den Beinen über der Stuhllehne im Münchner Gasteig und kam gerade von seiner Oma aus Oer-Erkenschwik. Gut achtzehn Jahre ist das her, Little Leos Talent war gerade für jedermann ersichtlich explodiert in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa".

Achtzehn Jahre seit der ersten Oscar-Nominierung. Fünfzehn Jahre seit "Titanic", der im März eine Geburtstagsfassung in 3D bekommt. Ein Zeitraum, in dem DiCaprio alles dafür getan hat, um sich abzusetzen von der Frische und Frechheit seiner frühen Figuren. Statt dessen scheint er im Gegensatz zum Rest von Hollywood verbissen bemüht, schneller zu altern, als es die Natur gestattet.

Der Fluch der Titanic

,Titanic' war ein einmaliges Phänomen, für das ich ewig dankbar sein werde, doch den Rummel um meine Person erlebte ich als gewaltigen Schock, der mich zwang, meine Prioritäten völlig neu zu überdenken", sagt DiCaprio bis heute mit ungläubigem Unterton. Die Paparazzi jagen seither noch immer seinen Skalp, doch wenigstens gegen die Beatles-Hysterie weiblicher Fans fand er ein probates Gegenmittel.

Mit bemerkenswerter Konsequenz mied DiCaprio seither Liebesfilme, flockige Komödien und alles, was im Unterhaltungsgeschäft als betont frauenaffin gilt. Statt dessen: Drama, Baby. Von "Gangs of New York" (2002) über "Departed - Unter Feinden" (2006) bis zu "Shutter Island" nur Stoffe, in denen es um viel zu früh zum Reifen gezwungene Männer mit hoher Schmerztoleranz geht. Manchmal beeindruckend, manchmal als fehlbesetzt belächelt - und fraglos einem Identifikationsmuster folgend.

Rechtschaffen zornig kann DiCaprio werden, wenn er über die "Buchhalter der Studios" spricht, die keinen Schimmer von Filmgeschichte hätten, was er gern mit Fragen nach europäischen Klassikern zu testen pflegt. Das Selbstbewusstsein, nur auf künstlerischem Topniveau mit den absoluten Cracks der Branche arbeiten zu können, besitzt er seit der Kooperation mit Martin Scorsese, die den Schauspieler sichtlich verändert hat.

Seit er vor zehn Jahren den ersten von bisher vier gemeinsamen Filmen mit dem "Meister" drehte, den er durchaus auch "als Vorbild- und Vaterfigur in meinem Leben" sieht, wirkt DiCaprio öffentlich wie beschwert von der Gravität großer Kunst. Irgendwo zwischen erfahrener Souveränität und einer Spur Überheblichkeit trägt er seither eine unsichtbare Patina mit sich, die von Scorsese auf seinen Lebensstil abgefärbt hat.

Äußerlich manifestiert im beliebten Mobster-Look von Italo-Amerikanern, begann sich der frühere Breakdancer und Videospiel-Junkie nun für die Spieler aus Politik und Wirtschaft zu interessieren, war mal bei Banketten von Obama und dann wieder von Putin anzutreffen, und warf an der Seite Al Gores viel Gewicht hinter die späte Green-Bewegung in den USA.

Alles Fakten freilich, die im öffentlichen Bild konterkariert werden durch eine nicht ganz so reife Lebensführung. Gisele Bündchen, Bar Rafaeli, Blake Lively - selbst Boulevard-Experten fiele es schwer, all die langbeinigen und letztlich verblüffend austauschbaren Schönheiten noch zu zählen, mit denen er sich umgibt wie ein gewöhnlicher Playboy.

Seinen Oscar wird DiCaprio früher oder später bekommen, verdient hat er ihn längst. Doch angesichts seiner Ambitionen und seiner Positionierung würde es niemanden wundern, wenn es ihn in zehn, zwanzig Jahren in die Politik zieht. Angesprochen wurde der Gedanke oft, routiniert abgeschmettert auch. Nur: Mit den Weibergeschichten darf für einen erwachsenen Mann dann irgendwann auch mal Schluss sein.

Eine Reifeprüfung, die Leonardo DiCaprio erst noch bevor steht.

 

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