STERN 10.2.2000

 

Der Traumwandler

Wieder aufgetaucht: "Titanic-Held" kommt zur Berlinale

 

 

Leonardo Di Caprio über seinen neuen Film "The Beach", sein Image als Partyboy und die Suche nach dem Paradies

 

VON CHRISITNE KRUTTSCHNITT, FRANCES SCHÖNBERGER

und LUIS SANCHIS (Fotos)

 

Es ist einer von diesen Tagen, an denen er es mal wieder probiert. Die Sonne scheint über Los Angeles, er zieht sich Jeans und ein schlabbriges T-Shirt an - "Boon Rawd Brewery Bangkok" steht vorn drauf - drückt sich eine blaue Baseballkappe verkehrt rum auf die aschblonden Strubbelhaare und fährt von seinem Haus in den Bergen hinunter nach Hollywood ins Büro. Mag sein, daß an Ampeln die Leute in den Nachbarautos stutzen. Mag sein, daß sie weitergähnen. Er nimmt es nicht wahr. Es ist einer jener Tage, an denen Leonardo DiCaprio versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Vielleicht sogar ein Tag, an dem es ihm glückt.

Seit etwa zwei Jahren ist dieser Versuch etwas so erfolgreich wie die Jungfernfahrt der "Titanic". Der 25jährige Schauspieler, mit 20 Millionen Dollar Gage pro Film Hollywoods bestbezahlter unter 35, kann eigentlich keinen Schritt tun, ohne erkannt zu werden. Seit er damals, in dem Film mit diesem verdammten Schiff, von der Anbetungswelle erfaßt und an die Spitze einer ungeahnten Medien- und Mädchenhysterie gespült wurde, ist er nicht nur, wie er in "Titanic" jubelte, der "König der Welt" - sondern auch deren Eigentum. Jeder Bar-Besuch, jeder Schnupfen, jedes gewonnene oder verlorene Pfund Körpergewicht wird begierig registriert und diskutiert.

Seine Berühmtheit, sagt er, fühle sich an wie ein Kübel Eiswasser, der ihm über den Kopf geleert wurde. Schock! Blitzlichtgewitter, quietschene Mädchenmassen, das eigene Gesicht auf Zeitschriftentiteln, die er nicht kennt, der eigene Name in Schlagzeilen, deren Sprache er nicht versteht. Man hätte ihm gleich nach "Titanic" einen Ratgeber in die Hand drücken sollen, sagt er und grinst verlegen, "Berühmtheit für Anfänger".

Vom hochtalentierten Schauspieler - mit 19 für den Oskar nominiert - gerann er binnen weniger Wochen zum SSexsymbol. Der Fall DiCaprio wurde zum Paradebeispiel für Ruhm im Medienzeitalter: der Star als blitzartiges, globales Phänomen, nicht bekannt für Leistung, sondern fürs Bekanntsein; jeder will mit ihm sprechen, keiner hört mehr zu; jeder betet ihn an, keiner hat mehr Respekt.

Wenn er abends mit seinen Freunden weggeht, werden sie prompt zur "Pussy-Posse" - "Muschi-Bande" - deklariert. Jeder Kellner darf über ihn lästern ("Er ist ein ungezogener Lümmel"), jede kleine Begebenheit wird zum Skandal. So soll er einmal nachts um zwei mit einem Kumpel "gejault haben wie liebeskranke Katzen", unerhört. Und dann sind da ein Hotelzimmer, das er verwüstet, und die Nase eines Fotografen, die einer seiner Freunde beschädigt haben soll. Wie ein Kommentar zum Wirbel um seine Person sah sein Auftritt in Woody Allens "Celebrity" aus, wo er einen verwöhnten, mit Pussy-Posse um die Welt jettenden Superstar spielt. Nur eine Mini-Rolle.

Doch nun kommt Leo wieder groß daher: Am 17. Februar läuft sein Film "The Beach" in Deutschlands Kinos an. Und auch wenn es dann wieder losgeht, das Blitzlichgewitter und Quietschen, so ist doch jetzt schon klar: Hier werden wir Zeugen von Leonardos Rebellion gegen seinen Ruhm. Hier ist er nicht mehr der sanfte Held aus der "Titanic"-Holzklasse, der für die Geliebte die Planke räumt, nicht mehr das Milchgesicht, duftend nach Nivea - nein: Hier kreist auch in Leonardo Testosteron.

Erwachsen schaut er plötzlich aus, springt halbnackt durch die Dünen, der Leib fest wie Haifischfleisch und so braun, als hätte sich die Sonne besonders gern auf ihn gesetzt. Schon bei den Werbetrailern ging ein Seufzen durchs Kino, und im Internet dichtete schmerzhaft ein weiblicher Fan: "Oh, ich wäre gerne eine Qualle/Die im Meer schwimmt/So könnte ich dich küssen/So glücklich wäre ich."

"Düster und gewalttätig" nennt das US-Blatt "Newsweek" den Film über einen Globetrotter, der in Thailand das Paradies sucht. Und Regisseur Danny Boyle beschreibt seine Hauptfigur als "egoistisch, durchgeknallt, nicht sehr sympathisch - genau die Figur, die das Publikum normalerweise nicht leiden kann. Deswegen haben wir Leo geholt." Und er braucht seinen Leo-Bonus schnell auf: Er futtert vor laufender Kamera eine Raupe, killt Haie und Touristen und hat Sex, ts, ts, gleich mit beiden weiblichen Hauptrollen. Ein Anti-Held, der in jeder Szene zu schreien scheint: "Und jetzt alle - VERGEST "TITANIC"!

Vier Monate drehte Leonardo in Thailand, wie immer in einer Wolke von Gerüchten. Vorkoster soll er engagiert haben aus Angst, vergiftet zu werden, und ein Fan soll ihn mit einem Striptease beglückt haben (beides Quark). Den einzigen realen Ärger im Paradies gab es, als die Filmemacher auf der Insel Phi Phi Leh zwei Dünen versetzten und 60 Palmen pflanzten. Ein Dutzend einheimischer Umweltschützer belagerte den Drehort. Und während sich das Filmstudio vor Gericht gegen den Vorwurf zur Wehr setzen mußte, die Schönheit der Bucht zerstört zu haben, organisierten thailändische Touristenführer Trips zu "Leonardos Insel". (Und der schäumt heute noch: In Wahrheit habe die Crew den Ort so verlassen, wie sie ihn vorfand - bis auf "drei Tonnen Müll", die sie vor Drehbeginn wegräumten.)

Er sitzt, nein, er lümmelt an einem Konferenztisch in seinem Büro. An den Wänden ein Baselitz und Poster seiner Filme. In den "Birken Interactive Studios" verwaltet Irmelin DiCaprio, eine geborene In den Birken, die Karriere ihres Sohnes: Es werden Leo-Fan-Briefe beantwortet, hier wird die Leo-Fan-Webseite gestaltet (leonardodicaprio.com) und das Leo-Kurzfilm-Festival im Internet organisiert (leofest.com), wo ab Mitte Februar Shorties aus aller Welt zu sehen sind; Erlöse aus den Internet-Unternehmungen kommen Umweltschutzorganisationen zugute.

Der Boss selbst ist höflich, zurückhaltend, ein schlaksiger Typ mit zernagten Fingernägeln, wie der kleine Bruder eines großen Stars, der zu seiner unangenehmen Überraschung mit ins Rampenlicht gezogen wurde. In seinen aufmerksamen hellblauen Augen steht leichte Resignation - wieder kein normaler, sondern ein Leonardo-DiCaprio-Tag.

STERN: Es kommen harte Zeiten auf Sie zu: Bei den Filmfestspielen in Berlin, wo Sie kommende Woche "The Beach" vorstellen, wird erwartet, daß Sie Deutsch sprechen.

Leonardo: O Gott. Ich habe schon seit vielen Jahren nicht mehr ... warten Sie: Warum, warum ist die Banane krumm?

STERN: Sehr eindrucksvoll. Reden Sie denn nicht Deutsch mit Ihrer Großmutter in Oer-Erkenschwick?

Leonardo: Wenn sie grade wär, wär´s keine Banane mehr. Ein bißchen kann ich noch. Kaffee, Katoffeln, Weinbrandbohnen. Das hat meine Oma immer gesagt. Sie liebt es, wenn ich ihr Speisekarten aus aller Welt schicke. Ist das Berliner Hotel, in dem ich wohnen werde, eigentlich cool?

STERN: Was verstehen Sie unter cool?

Leonardo: Na, egal. Hauptsache, es gefällt meiner Mutter und meiner Oma.

STERN: Mögen Sie Ihr Party-Boy-Image?

Leonardo: Nein, ich finde es unglücklich, weil die Leute denken, ich nähme meinen Beruf nicht ernst. Mein Leben besteht nicht daraus, in Clubs zu gehen.

STERN: Sie könnten zu Hause bleiben.

Leonardo: Und was soll ich da? Ich will doch nicht verrückt werden und den ganzen Tag über mich selbst nachdenken. Das passiert so vielen Kollegen, die drehen sich nur noch um ihre Karriere und sich selbst. Ich will kein Einsiedler werden.

STERN: Das heißt also, Sie fahren hierher, gehen mit Freunden aus, gehen ins Fitness-Studio...

Leonardo: Letzteres nein. Ich habe einen Personal Trainer. Ich halte den Anblick von schwitzenden Männern in Turnhemdchen und kurzen Hosen nicht aus.

STERN: Und Sie schwitzen, um schlank zu bleiben?

Leonardo: Nein, um mich aufzupumpen. In meinem nächsten Film mit Martin Scorsese brauche ich richtig Muskeln. Aggressiv muß ich sein. Ich denke, wenn ich erstmal die richtige Figur habe, werde ich zum Pitbull.

STERN: So was irritiert Ihre weiblichen Fans. Die mögen Sie lieber hübsch.

Leonardo: Nett, das zu hören. Wenn ich morgens in den Spiegel gucke, sehe ich nichts Hübsches.

STERN: Kokettieren Sie jetzt?

Leonardo: Mich stört das Image "gut aussehend. Da folgt doch gleich der Schluß, daß man hohl ist. Oder daß man keine seelische Tiefe hat, weil einem alles zufällt.

STERN: Wie würden Sie Ihr wahres Ich denn dann beschreiben?

Leonardo: Die Wahrheit über mich würde die Leute nur langweilen, und sie nimmt mir als Schauspieler mein Geheimnis. Je mehr sie über mich wissen, desto weniger glauben sie mir die Rolle.

STERN: Uns würde es nicht langweilen. Uns interesiert zum Beispiel Ihr Liebesleben.

Leonardo (grinst).

STERN: Sie sollen Ihren "Beach"-Co-Star Virginie Ledoyen geschwängert haben.

Leonardo (lacht): Sie wissen genau, daß das gelogen ist! 98 Prozent aller Meldungen über mich sind glatt erfunden. Jeder darf sich etwas über mich ausdenken. Und um bei der Wahrheit zu bleiben: Ich habe keine Freundin.

STERN: Aber Gelegenheiten.

Leonardo: Das ist manchmal gespenstisch. Einmal saß ich auf einem Flughafen, da griff mir so ein Mädchen ans Bein. Sie war richtig fanatisch. Ich hätte ihr am liebsen gesagt: Hör mal, ich bin´s doch nur, ich bin wirklich stinknormal, du brauchst das nicht zu machen. Aber ich brachte kein Wort heraus.

STERN: Warum sind Sie Schauspieler geworden?

Leonardo: Das klingt jetzt komisch, aber: Vielleicht erfülle ich meinen Zweck. Meine erste Kindheitserinnerung ist ein Auftritt. Ich stehe auf einer Bühne und versuche zu steppen. Die Leute applaudieren. Und das war der erste Kick meines Lebens. Ich wußte, daß ich ein Publikum wollte. Und später lernte ich dann, was Schauspielen ist.

STERN: Nämlich?

Leonardo: O Gott. Wenn man sich glaubhaft in die Seele von jemand anders versetzt. Das bringt es jedenfalls für mich. Nicht die 20 Millionen Gage. Ich weiß nicht mal, was ich mit dem ganzen Geld machen soll.

STERN: Was ist das in Ihrem Gesicht?

Leonardo: Äh... ein Bart. Mir wachsen nicht sehr viele Haare, nur hier am Kinn und auf der Oberlippe, nichts an der Seite.

STERN: Ein Versuch, männlicher auszusehen?

Leonardo: Ich weiß auch nicht. Ich bezeichne mich ungern als Mann. Ich bin eigentlich noch ziemlich jungenhaft.

STERN: Immerhin sind Sie jetzt 25 Jahre alt.

Leonardo: Ja, und ich weiß auch, daß ich eine Menge Verantwortung trage. Das gefällt mir auch. Früher konnte ich es immer auf andere schieben, wenn ich zum Beispiel einen blöden Film gemacht habe.

STERN: Haben Sie deshalb so lange überlegt, bis Sie nach "Titanic" wieder eine Hauptrolle angenommen haben?

Leonardo: Es war hart nach diesem Film. Ich fühlte mich wie unter einem Mikroskop. Was immer ich gesagt oder getan habe, es wurde tierisch aufgeblasen. Zum Beispiel dieses Theater mit "American Psycho"....

STERN: Die Verfilmung des Skandalromans, dessen Held ein Frauenschlächter ist.

Leonardo: Da habe ich gesagt: Ich finde das Drehbuch interessant. Interessant! Jeden Tag sagt ein Schauspieler so was. Manchmal nur aus Höflichkeit.. Aber bei mir hieß es dann gleich: Leo, der Serienkiller.

STERN: Und warum nun "The Beach"?

Leonardo: Ich wollte - auch wenn es hochgeschraubt klingt - etwas über meine Generation sagen. Übber den Einfluß der Medien, die jede echte Lebenserfahrung ersticken. Wir sehen fern, wir gehen online, erleben nichts mehr selbst. Im Film ziehe ich los, um eine Erfahrung zu machen, die nicht schon vorgekaut ist. Und suche das Paradies.

STERN: Tun Sie das im wahren Leben auch?

Leonardo: Es gibt kein Paradies. Es gibt keinen perfekten Ort, an dem man alle seine Dämonen los wird. Oder, weniger deprimierend ausgedrückt: Das Paradies ist der Weg dorthin. Du findest dein Paradies in deinem Leben.

STERN: Haben Sie Ihres gefunden?

Leonardo: Ich bin auf der Reise.

 

 

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